CLOSING 09/16

Die Chef-Masche

von Ulrike Barth

 

Die Chef-MascheDie Autorin dieser Zeilen hat gestern Abend wahrscheinlich wieder zu lange CSI geguckt, bevor sie in einen leichten Schlaf hinüberglitt. Anders ist nicht zu erklären, dass ihr beim Wort „Cash-Call“ als erstes eine derzeit bei gemeinen Verbrechern äußerst beliebte Methode zum Ergaunern von Geld bei ehrlichen Geschäftsleuten in den Sinn kommt. Letztere müssen heutzutage noch nicht einmal besonders einfältig sein, um auf die sogenannte „Chef-Masche“, auch Fake-President-Trick genannt, hereinzufallen. Ein kleiner Funke Eitelkeit, der Wunsch danach, gebraucht zu werden, reicht schon.

Im Kleinhirn besagter Zeilendrescherin kommt daher gerade die Frage auf, ob in einer weltumspannenden Kanzlei mit über 2.700 Anwälten, in der der eine die anderen 2.699 sicher nicht alle beim Namen kennt, ein durchschnittlich hochbegabter und unermüdlicher Mitarbeiter mittlerer Hierarchie-Ebene vor solchen Gaunereien gefeit wäre. Oder ob es ihm so gehen könnte wie Peter P., einem Phantasieprodukt der vor sich hintippenden Autorin, dem es sicher zu peinlich wäre, seinen echten Namen enthüllt zu sehen, weshalb die Redakteurin ihn wohlwollend verstümmelt. P., sicher ein erfolgreicher Frankfurter Anwalt, will unerkannt bleiben.

Zu peinlich ist es ihm, dass er hereingefallen ist auf einen Betrüger, der ihm auf geschickte Weise eine Krise in der internationalen Großkanzlei vorgegaukelt hat – und damit Millionen ergaunerte.

„Zuerst kamen E-Mails, bei denen man gleich ein bisschen skeptisch wird“, berichtet P. „Guten Tag. Wie geht es Ihnen? Wie ist Ihre Stimmung?“, stand da. „Ich will Sie besser erkennen. Ich suche den Mensch im Internet fur die ernsten Partnerschaft. Ich habe die ernsten Absichten.“ Absender: Der potente Partner einer nie gehörten Kanzlei aus China, der auch gleich Fotos von dem nackten Büro mitschickte, das angeblich in Schanghai auf den jungen Juristen wartete. „Das Foto habe ich mir zwar angeschaut, das Wechselangebot aber natürlich nicht richtig ernstgenommen“, sagt der Anwalt.

Was er nicht weiß: Ab jetzt arbeitet eine Schadsoftware auf seinem Rechner gegen ihn. Die Betrüger spähen damit seine komplette Geschäftskorrespondenz aus. Und schon der nächste Angriff auf P. ist deutlich individueller auf ihn zugeschnitten.

Nun meldet sich ein angeblicher Kollege aus London. Er sei die linke Hand vom Chef und der brauche nun P.’s Hilfe. Die Kanzlei sei in Schieflage und nur junge Hoffnungsträger wie P. könnten noch helfen. „Ich gehöre zu einer kleinen Gruppe aufstrebender Talente, die ausgesucht worden seien, um auf einem ‚superfast bypath‘ in die Junior-Partnerschaft gehoben zu werden und dann schnell durchzustarten“, erzählt P., und gibt zu: „Das hat mir schon geschmeichelt“. Der Londoner „Kollege“ weiß viel über P., schreibt immer wieder Mails: „Er kannte die Mandate, an denen ich arbeite, wusste mit welchem Partner ich nicht so gut auskomme – deshalb habe ich keine Sekunde lang hinterfragt, ob er echt ist“, sagt P.

Genau darauf setzen die Betrüger. Teil zwei ihrer Masche: Sie ziehen das Opfer ins Vertrauen. Auch P. wird um absolute Diskretion gebeten. „Die Partner der Kanzlei sollten erst mal nichts von dem streng geheimen Bypath-Programm wissen. Gerade in Frankfurt gäbe es viele Bedenkenträger, die zuvor vom Chef persönlich überzeugt werden sollten oder gehen müssten. Die Kapitaleinlage von 71.000 Euro solle er als Neupartner aber schon mal überweisen. Die würde direkt in den Bonustopf wandern, aus dem dann schon im kommenden Monat die Superperformer unter den neuen Junior- Partnern Boni erhalten. „Die Kanzlei müsse jetzt einen harten, auf extreme Professionalität ausgerichteten Kurs einschlagen, um zur Spitze zu gehören, da sei jeder Tag entscheidend. Als Schlüsselfigur für die Zukunft der Firma müsse ich schnell handeln“, erinnert sich P., „Work fast, pay fast – das hat mir in dem Moment eingeleuchtet“, gibt er zu.

Doch das Konto, auf die P. das Geld überweist, gehört zu einer chinesischen Bank, das Geld ist schnell futsch. Und P. ist nicht der einzige, bei dem die Betrüger erfolgreich sind. „Auch meine Kollegen sind noch am selben Tag auf diese Art angesprochen und überzeugt worden“, erzählt P. Die Betrüger hatten auch ihre Kontaktdaten erbeutet. Der überwiegende Teil, fast 98 Prozent der Angesprochenen, fällt auf den Chef-Trick rein. Gesamtschaden: 16,4 Millionen Euro.

Noch unheimlicher als das Cybernetz, so deucht es nach solcher Fabuliererei der Schreiberin, sind ihr eigentlich nur Leute, die von sich selbst in der dritten Person reden.

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