CLOSING 12/16

Watergate HotelEin Gate für den BGH

von Marc Chmielewski

Der 7. November war der aufregendste Tag des Jahres. Ein paar Leute fragten sich, ob wohl am Tag darauf tatsächlich dieser Donald Trump gewählt werden könnte. Aber nein, dieser Gedanke war erstens zu abwegig, und zweitens wurde diese Wahl in einem fernen Land überschattet von einem beispiellosen Skandal hier bei uns in Deutschland.

Der Vorgang spielt am Bundesgerichtshof. Ein Empfänger des Newsletters antwortet, und weil im BGH-Mailverteiler irgendwas falsch eingestellt ist, können alle anderen Abonnenten diese Mail lesen. Ihr Inhalt lautet: „Jejejeje :-)“

Zwar sind die Mail-Adressen anderer Newsletter-Empfänger nicht zu sehen, aber trotzdem ist natürlich der Teufel los in den sogenannten sozialen Netzwerken. Ein Jurist twittert: „#Datenleck beim #BGH -> Mails an BGH-Pressemitteilungen@newsletter. bund.de werden an alle Empfänger gesendet? Wo gibt es denn so etwas?“ Ein anderer: „Jetzt spamt einen sogar der #BGH zu…. nehmt euch ein Zimmer^^“

In den Foren, wo es diese lästige 140-Zeichen-Begrenzung nicht gibt, schaukelt sich die Empörung weiter hoch: „Diese Leute wollen den elektr. Rechtsverkehr und können nicht mal eine Email ordnungsgemäß verschicken?“, schimpft etwa Nutzer „Robert“ – und stellt die Frage, die sich wirklich jedem aufdrängt: „Wer sagt mir bitte, daß meine vertraulichen geheimen elektr. Akten vom Anwalt nicht bei der Bande von NSA-Verbrechern, BND-Spitzeln und CSU-Gangstern landen?“

Ein Kanzleimarketing-Anbieter fragt listig, ob es sich um einen „Reply-All-Fail“ oder einen „PR-Gag“ gehandelt habe – als ob Herr Jejejeje hätte wissen können, dass er mit seiner Antwort gleich auf Sendung geht. Sei’s drum: „Welche Strategien eventuell besser geeignet sind, die eigene Kanzlei zu promoten, verraten wir euch im Rahmen einer individuellen Beratung“, Link anbei.

Bevor noch einer den Rücktritt der BGH-Präsidentin oder gar des Justizministers fordern kann, meldet sich nun die Pressestelle des Gerichts offiziell zu Wort. Der Ton ist der Dramatik des Vorfalls angemessen. Es ist die Rede vom „derzeitigen Stand der Ermittlungen“, an einer „Behebung der fehlerhaften Konfiguration“ werde gearbeitet. Man entschuldige sich.

Völlig zu recht wurde die Sache nun in Schlagzeilen zu „Newsletter- Gate“, denn wenn ein Skandal so skandalös ist, dass er die Endung Gate verdient, dann wohl dieser. Der Begriff hat eine erstaunliche Karriere hin zum immer Schlimmeren hinter sich. Beim ersten Gate, Watergate, ging es lediglich um Verfassungsbruch und den Rücktritt eines US-Präsidenten, bei Nipple-Gate (Janet Jackson, wir erinnern uns) dann schon um einen Busenblitzer. Und voriges Jahr ist Lenny Kravitz bei einem Konzert die Lederhose im Schritt gerissen – na klar: Penis-Gate.

In dieser Tradition zum immer abgründigeren Skandalbezug steht Newsletter-Gate. Die US-Präsidentschaftswahl in die Nähe des Begriffs Election-Gate zu rücken, wäre dagegen grob übertrieben.

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