DEAL DES MONATS 04/16

Wirkungsvolle Giftpillen

Sullivan & Cromwell schützt die Deutsche Wohnen vor Vonovia

 

Du stehst als Depp des Jahres da, wenn der Plan nicht funktioniert“, unkte ein befreundeter Anwaltskollege. Jetzt, einige Wochen später, haben sich solche Befürchtungen in Luft aufgelöst und Dr. Carsten Berrar ist der Taktikfuchs des noch jungen Jahres. Denn der Plan, den der Frankfurter Partner von Sullivan & Cromwell mit seinem Team austüftelte, um für den Immobilienkonzern Deutsche Wohnen den 14 Milliarden Euro schweren Kaufversuch der Wettbewerberin Vonovia abzuwehren, ging voll auf.

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Rick van Aerssen (Freshfields Bruckhaus Deringer)

Der Übernahmekampf war auch abseits der schieren Größe außergewöhnlich. Zum einen, weil Berrar die Gegnerin Vonovia erst wenige Monate zuvor bei der Großübernahme ihrer Wettbewerberin Gagfah beriet. Zum anderen, weil damit eine Kette an gescheiterten Transaktionen binnen eines Jahres ein gutes Ende findet.

Die Geschichte beginnt so: Im hart umkämpften Immobilienmarkt greift die Deutsche Wohnen mit Sullivans Hilfe Anfang 2015 nach der österreichischen Conwert und blitzt ab, weil die Mehrheit der Conwert-Aktionäre ihre Anteile nicht verkaufen will. Nun muss sich Deutschlands zweitgrößter Immobilienkonzern ein neues Ziel suchen und unternimmt im September mit einer Kaufofferte an die Konkurrentin LEG einen weiteren Anlauf, um dichter an die Marktführerin Deutsche Annington heranzurücken. Diese wiederum rückt als erstes Immobilienunternehmen in den Dax auf und benennt sich in Vonovia um. Nur wenige Wochen später, am 14. Oktober, wird Berrar am Frühstückstisch überrascht. Ein Anruf aus der Deutsche Wohnen-Chefetage: Vonovia will das Unternehmen schlucken.

Schnell ist klar, dass die Offerte unerwünscht ist, die Konzernspitze hält sie für zu niedrig und sieht keine ausreichenden Synergien. Mithilfe der Experten von Sullivan und dem früheren Hengeler Mueller- Partner Dr. Klaus-Dieter Stephan, der den Aufsichtsrat berät, wollen die Berliner den Übernahmeversuch vereiteln. Auf der Gegenseite steht dabei ausgerechnet ein Team von Freshfields Bruckhaus Deringer um Rick van Aerssen – den Berrar so gut kennt wie nur wenige andere Kollegen im Anwaltsmarkt. Als erste Maßnahme begräbt die Deutsche Wohnen die anvisierten LEG-Übernahmepläne. In Berrars ohnehin turbulentes Jahr kommt mit dem Abwehrkampf für die Deutsche Wohnen eine ganz neue Dynamik. Denn parallel steuert er mit seinem Team für den US-Konzern Diebold die milliardenschwere Übernahme des Geldautomatenherstellers Wincor Nixdorf und muss nun ständig zwischen Offensive und Defensive hin- und herschalten.

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Carsten Berrar (Sullivan & Cromwell)

Dabei kann Berrar auf die Erfahrungen aus dem gerade erst geführten Abwehrkampf für den Düngemittelkonzern K+S zurückgreifen, der sich erfolgreich gegen eine milliardenschwere Avance des Konkurrenten Potash wehrte. Gegen die Vonovia- Offerte zieht die Deutsche Wohnen mit Sullivans Hilfe nun alle Register: Für eine Milliarde Euro kauft das Unternehmen ein Portfolio der Patrizia und hebt so den eigenen Preis. Später wendet sich die Firmenspitze per Brief an die Vonovia-Aktionäre, um darzulegen, dass auch sie nicht von dem Kauf profitieren würden. Berrar ist über das Juristische hinaus längst zum Strategieberater geworden.

Im Januar spitzt sich die Situation weiter zu: Vonovia senkt überraschend die erforderliche Annahmequote von 50 auf 44 Prozent der insgesamt knapp 170 Millionen Aktien – bis dahin hatten offenbar nicht genügend Deutsche Wohnen-Aktionäre das Angebot angenommen. Das Team um Berrar greift nun seinerseits zu einem Schachzug und betritt damit rechtliches Neuland. Die Deutsche Wohnen behält sich vor, bei einer Übernahme ihre ausgegebenen Wandelanleihen doch nicht in Aktien zu tauschen, sondern deren Inhaber in bar abzufinden. Damit könnte Vonovia diese neu geschaffenen rund 40 Millionen Aktien nicht mehr auf die Annahmequote anrechnen.

Ob diese Giftpille des Bar-Wandlungsrechts indes rechtlich zulässig ist, darüber entbrennt in der Folge ein heftiger Streit zwischen dem Sullivan-Team und den Freshfields-Anwälten auf Vonovia-Seite. Beide Seiten schalten Gutachter ein. Für die Deutsche Wohnen, die in der Frage auf SZA Schilling Zutt & Anschütz setzt, ist dies unentbehrlich, hatte Sullivan doch einst die fragliche Wandelanleihe und deren Angebotsbedingungen begleitet. Es droht ein zermürbender Rechtsstreit, der die Beraterkosten weiter in die Höhe treiben würde – Presseberichten zufolge sollen allein bei Vonovia rund 40 Millionen für Gutachter, Wirtschaftsprüfer und Anwälte angefallen sein. Weil ihm am Ende der Angebotsfrist auch so nicht genügend Anteile angedient wurden, muss der Bochumer Konzern seine Übernahmepläne aufgeben. Die Frage nach der Zulässigkeit der rechtlich interessanten Pille bleibt allerdings ungelöst. (RB)

 

Berater Vonovia
Freshfields Bruckhaus Deringer (Frankfurt): Rick van Aerssen, Dr. Andreas Fabritius, Dr. Gregor von Bonin (Düsseldorf; alle Federführung)
Herbert Smith Freehills (Frankfurt): Dr. Markus Lauer

Berater Deutsche Wohnen
Sullivan & Cromwell (Frankfurt): Dr. Carsten Berrar, Dr. Konstantin Technau (beide Federführung)
Dr. Klaus-Dieter Stephan (Beratung Aufsichtsrat)
SZA Schilling Zutt & Anschütz: Markus Pfüller (Frankfurt), Dr. Thomas Liebscher (Mannheim; beide Kapitalmarktrecht)
Squire Patton Boggs (Berlin): Dr. Kai Mertens (Spezialfragen Wandelschuldverschreibung)

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