CLOSING 05/17

Nachhilfe vom Friseur

von Marc Chmielewski

Nachhilfe vom FriseurImmer mehr Wissenschaftler befassen sich mit dem Phänomen des Immermehrismus. Das ist wichtig, denn immer mehr journalistische Texte beginnen so: Immer mehr Eltern sind erziehungsunfähig. Oder so: Immer mehr Frauen prellen ihren Schönheitschirurgen. Oder sogar so: Immer mehr aus dem Schatten der Olympiasiegerin fährt Natalie Geisenberger. 

Es wird immer irrer bzw. immer mehr irre. Es gab sogar mal eine Tagung zu dem Thema. Der Immermehrismus: Journalistisches Stilmittel oder Realitätsverzerrung? Die Antwort darauf findet sich im ganzen Internet nicht, obwohl da auch immer mehr drinsteht. 

Noch etwas steht da nicht, deshalb wird es jetzt mal Zeit: Anwälte werden immer mehr wie Friseure. Bisher dachte man: Was Friseure können, können nur Friseure – nämlich sich immer mehr Wortspiele ausdenken. Wir denken an Haarmonie, wir denken an Haarmoni (aber nur, wenn die Chefin Moni heißt), wir denken an Kaiserschnitt, GmbHaar und Unihairsum. 

Doch was Friseure können, können heute auch Anwälte. Immer mehr Rechtsrat erteilen die Kanzleien Legalis in Biberach, Pegasus in Heilbronn und Lawentus in Hamburg. Die Haarmoni unter den Kanzleien heißt Emplawyers. Arbeitsrecht, München. Wer’s nicht verstanden hat: eher auf Arbeitgeberseite. 

Auch auf anderen Feldern kann man Anwälte kaum noch von Friseuren unterscheiden. Es wird immer mehr unheimlich. Beide quatschen gern und haben einen Hang zur Schönfärberei. Und sie jammern immer mehr über Billigkonkurrenz und Dilettanten: Wer hat Ihnen das denn geschnitten? Wer hat denn die Klausel aufgesetzt? 

Es gibt aber auch Unterschiede zwischen Anwälten und Friseuren. Friseure locken mit Locken, Anwälte rächen mit Recht. Friseure machen Stufenschnitt, Anwälte machen Schuldenschnitt. Außerdem: Auch wenn sich die First-Years in den angesagten Univiertel-Salons Wissenschaftliche Schnittarbeiter nennen dürfen, werden sie branchenüblich mies bezahlt. Das ist bei den First-Years in Kanzleien anders, selbst wenn sie weder einen einfachen Pony noch einen Kaufvertrag richtig hinkriegen. Immer mehr von ihnen verdienen immer mehr Geld. 

Wir wünschen uns, dass die Flut krehaartiver Kanzleinamen zur Dauerwelle wird und der Rechtsmarkt immer mehr zum Wortspielplatz. Wer haart noch nicht, wer will noch mal? Ein paar Namen gratis zur freien Verwendung: Quiche Lawraine, Lawbeerkranz, Taylawmade. Leider schon vergeben sind Rechtschaffen und Waagerecht. Immer mehr Kanzleien sichern sich die besten Namen, und zwar, auch noch frei: Recht-zeitig.

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