CLOSING 07/17

Datenschutz gibt es nicht

von Konstanze Richter

Datenschutz gibt es nichtDa heißt es immer, von allen Wirtschaftsanwälten arbeiten die M&A-Anwälte am härtesten. Weit gefehlt. Die wahren Helden der Arbeit sind derzeit die IT-Rechtler. In einem Jahr tritt die EU-Datenschutzverordnung in Kraft. Mit diesem Termin im Nacken wirken ein paar durchverhandelte Nächte vorm Deal so stressig wie eine Teezeremonie mit dem Dalai Lama. Verzweifelt bemühen sich die IT-Anwälte, ihre Mandanten fit zu machen für die digitale Zukunft. Oft ist das härter als ein Kampf gegen Windmühlenflügel oder Pop-up-Fenster mit Werbung für unschlagbare Handytarife. Wenn etwa ein schwäbischer Mittelständler ein neues Raketenabwehrsystem entwickelt hat – und der Chef es für eine gute Idee hält, die streng geheimen Pläne bei einem Cloud-Dienstleister zu speichern. Dessen Server vor Kurzem nach Saudi Arabien verlagert wurde. Und dessen Chef immer so nette Interviews bei ‚Russia Today‘ gibt.

Entspannter als in der Privatwirtschaft ist die Lage beim Staat. Da gehören Ausspähen, Hacken und Datenklau inzwischen sowieso zum guten Ton. Wird eine Regierung oder Behörde von Hackern angegriffen, dauert es drei Sekunden, bis ein Software-Experte im Interview sagt, er hätte kyrillische Kommentare im Schadcode gefunden. Die NSA spioniert deutsche Firmen und das Merkel-Handy aus, russische Hacker wählen den US-Präsidenten, und die Schweiz rächt sich für den Raub von Steuer-CDs, indem sie ihrerseits die NRW-Finanzbehörden ausspäht – als wenn es da was zu holen gäbe. Sogar Wirtschaftskanzleien, früher Hochsicherheitstrakte für sensible Mandantendaten, müssen heute mitunter jeder dahergelaufenen Staatsanwaltschaft Einblick in ihre Unterlagen gewähren. Wo also sind unsere Daten noch sicher?

Ein Koffer könnte die Rettung bringen. Ein Weltraumkoffer. Neulich im ICE zwischen Frankfurt und Düsseldorf: Ein Mann führt geheime Telefongespräche. Die sind dann aber auch wieder nicht so geheim, dass nicht bis zum übernächsten Waggon jeder mitbekommt, dass a) dieser Mann Patentanwalt ist, b) in seinem Koffer unglaublich vertrauliche Dokumente liegen, c) dieser Typ echt nervt und d) übrigens niemand diesen Koffer öffnen kann. Denn: Er hat ein TSA-Schloss. Das steht für ‚Transport Security Administration‘. Das bedeutet, dass dieses Schloss von niemandem geöffnet werden kann. Außer von der US-Flugsicherheit, die haben einen Generalschlüssel. Die Israelis natürlich auch. Und Finnland. Und Österreich. Steht alles bei Wikipedia. Ach ja, und im Internet sind Pläne aufgetaucht, mit denen man sich einen Generalschlüssel 3D-drucken kann.

Der Anwalt unserer Zeit, das ist kein Dealmacher. Der Anwalt unserer Zeit muss ein Datenschutzmacher sein.

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