EDITORIAL 04/18

Selbstverwirklichung

JUVE Verlag

Christine Albert und Christin Stender

Alle haben mal klein angefangen, nur kann sich bei Kanzleien wie Freshfields oder CMS heute kaum noch jemand daran erinnern – und es spielt auch keine Rolle mehr. Die beiden deutschen Kanzleien mit den meisten Berufsträgern sind heute große Unternehmen mit starken, international bekannten Marken und einer gut geölten Maschinerie aus IT-, HR- oder BD-Abteilungen. Aber die Wurzeln dieser Kanzleikolosse liegen in kleinen Einheiten, die Namen trugen wie Stegemann Sieveking Lutteroth oder Ott Weiss Eschenlohr.

Freilich sind diese Namen vom Markt verschwunden, aber spätestens seit Mitte der 2000er-Jahre gehen aus Großkanzleien regelmäßig neue Einheiten hervor, die mit weniger Personal, geringeren Kosten und einem sehr unternehmerischen Beratungsansatz ihr eigenes Geschäft aufziehen. Dass es Juristen aus etablierten Einheiten zu neuen Ufern zieht, dorthin, wo aus großen Ideen ein großes Geschäft erwachsen soll – dieser Trend ist so augenfällig, dass wir ihm ein eigenes Schwerpunktheft gewidmet haben.

Wir haben uns einige Spin-offs genauer angeschaut, deren Ansatz sich mitunter massiv unterscheidet von dem ihrer historischen Vorgänger („Plötzlich ganz ­woanders“). Wenn Anwälte die Sehnsucht nach mehr Innovation und Selbstbestimmung packt und aus den großen Einheiten treibt, tun sich heute aber mehr Möglichkeiten auf als die Gründung einer eigenen Kanzlei: Als Unternehmensjurist in Start-ups für Legal Tech oder Fintech sind Juristen nah am operativen Geschäft. Wie sich diese „Grenzgänger“ zwischen Jura, digitalen Geschäftsmodellen und Management bewegen, lesen Sie ab Seite 46.

Sollte bis hierhin der Eindruck entstanden sein, große Einheiten seien zu schwerfällig und nicht bereit für Innovation: Dem ist natürlich nicht so. Ein Management-Hype macht sich derzeit auch in Kanzleien breit: Agilität. Zumindest, wenn es darum geht, die Leistung ihrer Mitarbeiter zu bewerten und zu entwickeln, wollen moderne Kanzleien wendiger werden und den Prozess des Umdenkens fördern. Im Interview erklärt Thomas Schmidt, HR-Leiter bei Linklaters, warum es sich für Partner lohnt, hier Zeit zu investieren – und warum Fehlertoleranz eine gute Sache sein kann („Leistung lässt sich nicht nur in Stunden messen“).

Eine angenehme Lektüre und frische Ideen!

Christine Albert
(christine.albert@juve.de)

Christin Stender
(christin.stender@juve.de)

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