CLOSING 08/19

Natürliche Intelligenz kostet extra

von Marc Chmielewski

Natürliche Intelligenz kostet extraSie besiegt Menschen im Schach. Sie weiß besser als unsere Mutter, was uns „auch noch interessieren“ könnte. Sie sieht unsere geheimsten Wünsche klarer als wir selbst: Künstliche Intelligenz kann heutzutage alles außer Hornhaut weghobeln und den Müll rausbringen. 

Wahre Geschichte: Ein Großkanzleipartner berichtet, dass er per Mail mit einer Mandantin im Austausch stand und die Antworten immer derart zackig kamen, dass er irgendwann stutzig wurde. Es stellte sich heraus: Die Mandantin hatte einen Chatbot getestet. Offenbar irritierte nur das Tempo der Antworten, nicht aber deren Inhalt.

Die Wahrheit ist: Kanzleien sind beim Einsatz von Chat­bots schon viel weiter als Unternehmen. Seit Jahren machen sich viele Partner für 700 Euro die Stunde einen lauen Lenz und lassen Mandantenanfragen von Computerprogrammen beantworten. Wir dokumentieren Fälle, deren dickes Ende Sie aus der Zeitung kennen.

Mandantenfrage: Wir verkaufen Container als Altersvorsorge. Aber diese Container gibt es eigentlich gar nicht. Bietet dieses Geschäftsmodell formaljuristisch betrachtet Angriffspunkte?
Kanzleiantwort: Wenn der Wirtschaftsprüfer es ok findet: nein. Legen Sie sich wieder hin. Wir sind breit aufgestellt, bzz bzz.

Mandantenfrage: Man liest ja viel von Legal Tech und Effizienzgewinnen. Da wollten wir mal fragen, ob die 450 Euro Stundensatz, die Sie uns neulich für diesen Chief Copier Junior Associate berechnet haben – also, ob man da künftig was machen kann, preislich?
Kanzleiantwort: Sie spinnen wohl. Hands-on-Approach, bzz bzz.

Mandantenfrage: Wir haben jetzt diese Legal-Ops-Initiative, unser GC ist da unheimlich hinterher. Verlässliche Budgetplanung und so. Deshalb wollten wir mal fragen, ob man bei diesem US-Deal nicht was mit Festpreis machen könnte?
Kanzleiantwort: Kein Anschluss unter dieser Nummer! 

Mandantenfrage: Sie sagen immer, Sie hätten „einen enormen Trackrecord bei großvolumigen internationalen Deals“. Jetzt haben wir uns gefragt und fragen wir Sie, ob man das auch etwas genauer sagen könnte, also: Welche Deals? Nutzen Sie Tech-Tools? Dürfen bei Ihnen Frauen mitmachen?
Kanzleiantwort: Wir haben einen enormen Trackrecord bei großvolumigen internationalen Deals. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir aus Datenschutzgründen keine genaueren Angaben machen können.

Mandantenfrage: Wir wollen ja aber nur wissen, ob Sie effizient arbeiten und ob Diversity bei Ihnen …
Kanzleiantwort: Effizient arbeiten, check! Laden Sie sich hier unsere Broschüre zum Thema DSGVO herunter. Bei uns steht der Mandant im Mittelpunkt, bzz bzz.

Mandantenfrage: Dieses Unkrautvernichtungsmittel der Firma, die wir kaufen wollen, ist ein bisschen im Gerede. Könnten Sie sich das mit Blick auf etwaige Prozesskosten­risiken mal näher anschauen? 
Kanzleiantwort: Kostet aber extra. 
Mandant: Ok, dann nicht. 

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