DEAL DES MONATS 02/21

Der Meilenstein

Der MeilensteinMYR ist eine deutsche Erfolgsgeschichte. Das hessische Unternehmen für Biotech, das für eine Milliardensumme an den US-Konzern Gilead verkauft wurde, hat das weltweit einzige Mittel gegen Hepatitis D unter Lizenz. Der Deal könnte ein wichtiger Impuls für die Wirtschaftsförderung in Deutschland werden, hoffen die involvierten Anwälte.

Gut 1,15 Milliarden Euro hat der US-Pharmakonzern Gilead für MYR auf den Tisch gelegt. Das junge Unternehmen wurde damit zum Unicorn. 

Freshfields Bruckhaus Deringer stand MYR und seinen Gesellschaftern während der Verhandlungen zur Seite, die zunächst ganz vorsichtig im Frühjahr 2020 begannen. Über das Telefon erhielt der Hamburger Partner Dr. Jens Dieselhorst die Anfrage, ob er bereit sei, MYR bei der Suche nach einem Käufer zu begleiten. Für die Federführung holte sich Dieselhorst, Experte für IP-getriebene Vertragsgestaltungen, den Transaktionsanwalt Dr. Lars Meyer mit ins Boot. Mit den Verkäufern – dazu zählten die MYR-Gründer, Venture-Capital-Investoren und der Hightech-Gründer-Fonds des Bundeswirtschaftsministeriums – sondierten sie erste Angebote. Im Herbst lagen schließlich mehrere ‚Binding Offers‘ auf dem Tisch. Damit wuchs die Gewissheit bei den Beratern und das Marktpotenzial für MYRs einziges Medikament, das gerade erst eine bedingte Zulassung der Europäische Arzneimittel-Agentur erhalten hatte.

 „Es ist schön zu sehen, dass aus einem ursprünglich universitären Forschungsprojekt ein Produkt geworden ist, das nun der Gesellschaft zugutekommt“, so Dieselhorst. Und damit meint er nicht nur die erfolgreiche medizinische Entwicklung, von der Präklinik bis zur Vermarktung. Der Hightech-Gründer-Fonds, einst der erste externe Geldgeber der MYR-Mannschaft, verbucht zugleich mit dem Verkauf des Unternehmens seinen bislang größten Exit. Der Seedinvestor kann nun mit Rückflüssen in dreistelliger Millionenhöhe rechnen. Dass die Upfront-Zahlung, die beim Closing fällig wird, im Milliardenbereich liegt und dass allen Verkäufern zusammen nach unbeschränkter Zulassung des Hepatitismittels Hepcludex noch weitere 300 Millionen Euro winken, ist ein sehr zufriedenstellendes Ergebnis. In der Regel gibt es kleinteiligere ‚Meilenstein‘-Zahlungen. „Es wäre gut, wenn sich auf der Grundlage dieses Deals noch mehr Wagniskapitalgeber in Deutschland für Biotech öffnen würden“, wünscht sich Dieselhorst.

Transatlantisch und auf Distanz

Gilead war mit Gibson Dunn & Crutcher ins Bieterverfahren gegangen. Die Kanzlei hatte schon frühere Transaktionen des kalifornischen Konzerns begleitet, der mit 22 Milliarden Dollar Umsatz zu den größten Pharmakonzernen der Welt zählt. „Es war ein anspruchsvolles und spannendes Mandat“, sagt Dr. Dirk Oberbracht rückblickend. „Gerade die neun Stunden Zeitverschiebung zur Westküste der USA haben uns einiges abverlangt in dem kompetitiven Prozess. Wir konnten dies aber auch für uns nutzen. Unsere US-Kollegen haben an dem Mandat weitergearbeitet während wir schliefen.“ Über eine Mail der US-Partner Chris Dillon und Ryan Murr wurde das Mandat an den Frankfurter Corporate-Partner herangetragen Und transatlantisch blieb es auch bis zur Beurkundung nach deutschem Recht: „Das Crossborder-Team war wichtig, um die Unterschiede zwischen dem hiesigen Markt und dem in den USA gut in der Auktion und in den Verträgen zu adressieren. Außerdem konnten so auch etwaige ‚cultural gaps‘ überbrückt werden,“ resümiert Associate Dr. Jan Schubert, der Oberbracht im Deal maßgeblich unterstützte. Zahlreiche Telefonate und Videokonferenzen gab es auch direkt zu Gileads Rechtsabteilung. Viele Details der zukünftigen Biotech-Kollaboration stimmten zudem die Senior Associates untereinander und mit den operativen Einheiten ab. Auf Freshfields’ Seite liefen die Fäden bei Principal Associate Dr. Eva-Maria Hoyler zusammen.

Beide deutschen Teams arbeiteten erstmals für ihre Mandanten. Arbeitsintensiv und hart war der Deal für beide Seiten, aber es ging um ein lebenswichtiges, neues Medikament und die Menschen, die es möglich gemacht hatten.

Erst für den Notartermin traf man sich persönlich. Nur im kleinsten Kreis und im größten Konferenzraum von Gibson Dunn in Frankfurt: „Am Ende war es dann noch sehr hilfreich, mit der Beurkundung einen Termin vor Ort zu haben“, weiß Freshfields-Partner Meyer nun, „gerade im Hinblick auf letzte Absprachen und die Finalisierung der Verträge.“ Angestoßen wurde danach auch, mit dem gebotenen Abstand. „Da ist man schon in Sektlaune“, erzählt Schubert zum erfolgreichen Dealabschluss. Übereinstimmend lobten die Anwälte die konstruktive Zusammenarbeit. Auch das ein Geschenk, mitten in der Vorweihnachtszeit. (mjf)

Berater Gilead
Gibson Dunn & Crutcher: Christopher Dillon (Palo Alto), Dr. Dirk Oberbracht (beide Federführung);  Associate: Dr. Jan Schubert (beide Frankfurt; alle Corporate/M&A)

Berater MYR
Freshfields Bruckhaus Deringer: Dr. Jochen Diesel-horst (Hamburg), Dr. Lars Meyer (Frankfurt; beide Feder-führung); Associate: Dr. Eva-Maria Hoyler (Berlin; alle Corporate/M&A)

  • Teilen