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15.08.2017

Flieger am Boden: Air Berlin geht mit Kebekus und Flöther in die Insolvenz

Air Berlin ist pleite. Das Amtsgericht Berlin-Charlottenburg hat einen Antrag auf Eigenverwaltung angenommen und Prof. Dr. Lucas Flöther zum Sachwalter bestellt. Der Düsseldorfer Anwalt Dr. Frank Kebekus von Kebekus et Zimmermann soll die seit Jahren defizitäre Fluggesellschaft als Generalbevollmächtigter sanieren. Hinter den Kulissen dürfte es jetzt um eine weitgehende Übernahme durch die Lufthansa gehen.

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Lucas Flöther

Freitagnacht wurde die Bundesregierung über die bevorstehende Insolvenz informiert. Damit begann ein Krimi, der den  Beratern auf allen Seiten viel abverlangt hat. Denn normalerweise entzieht das Luftfahrtbundesamt bei der Pleite einer Airline sofort die Betriebsgenehmigung. Es galt also zu verhindern, dass ab dieser Woche Air Berlin komplett am Boden bleibt und Chaos ausbricht. Über das Wochenende wurde ein Übergangskredit des Bundes von 150 Millionen Euro verhandelt, der den Flugbetrieb für die kommenden drei Monate sichern soll.

Air Berlin-Konkurrentin Ryanair beschwerte sich bei den Kartellbehörden, weil sie ein Komplott zwischen Bundesregierung, Lufthansa und Air Berlin wittert. „Diese künstlich erzeugte Insolvenz ist offensichtlich aufgesetzt worden, damit Lufthansa eine schuldenfreie Air Berlin übernehmen kann und dies widerspricht sämtlichen Wettbewerbsregeln von Deutschland und der EU“, teilte Ryanair mit.

Die Fluggesellschaft stellte den Antrag auf Insolvenz, nachdem der langjährige Kooperationspartner Etihad sich zurückgezogen hatte. Etihad war 2011 bei Air Berlin eingestiegen und ist mit fast 30 Prozent der Anteile größter Aktionär. Finanzspritzen von Etihad hatten Air Berlin zuletzt am Leben gehalten. Noch im Frühjahr hatte das Staatsunternehmen aus Abu Dhabi 250 Millionen Euro nach Berlin überwiesen. Nun hat Etihad offenbar die Reißleine gezogen: Eine vereinbarte weitere Zahlung von 50 Millionen Euro kam nicht zustande, weil die Geschäftsaussichten zuletzt noch trüber geworden sind.

Die Insolvenz kommt nicht unerwartet. Abgesehen von einem Minigewinn durch Sondereffekte im Jahr 2012 schreibt das Unternehmen seit fast zehn Jahren rote Zahlen. Im vergangenen Jahr schlug ein Rekordverlust von 780 Millionen Euro zu Buche. 

Im vergangenen Herbst hatte Air Berlin in Abstimmung mit seinem Großaktionär Etihad eine umfangreiche Umstrukturierung eingeleitet. Geplant war unter anderem die Fusion der österreichischen Air Berlin-Tochter Niki mit Tuifly. Dieser Plan scheiterte Anfang Juni. Zudem sollte die Zusammenarbeit mit der Lufthansa intensiviert werden – das gelang zum Jahreswechsel mit einem auch kartellrechtlich heiklen Manöver: Im Zuge einer sogenannten Wet-Lease-Vereinbarung übernahm die Lufthansa 38 Maschinen von Air Berlin, ein Drittel der Flotte, samt Personal. Künftig könnte dieses Arrangement ausgeweitet werden: Die Lufthansa teilte heute mit, man verhandle bereits mit Air Berlin über den Kauf von Teilen der Gruppe.

Sachwalter
Flöther & Wissing (Leipzig): Prof Dr. Lucas Flöther (Insolvenzrecht)

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Frank Kebekus

Generalbevollmächtigter
Kebekus et Zimmermann (Düsseldorf): Dr. Frank Kebekus (Insolvenzrecht)

Berater Lufthansa
Inhouse Recht (Frankfurt): Michael Niggemann (General Counsel)
Hengeler Mueller: Dr. Daniel Kress (Corporate/M&A; London)
Latham & Watkins (Brüssel): Dr. Sven Völcker (Kartellrecht)
SGP Schneider Geiwitz (Neu-Ulm): Arndt Geiwitz

Berater Etihad
Shearman & Sterling (Frankfurt): Dr. Alfred Kossmann, Frank Miller (London; beide Federführung), Matthew Powell (Abu Dhabi), Georg Thoma (alle Corporate/M&A), Winfried Carli (Finanzierung/Restrukturierung), Geert Goeteyn (Kartellrecht; Brüssel)

Berater Air Berlin
Inhouse Recht (Berlin): Michelle Johnson (General Counsel)
Freshfields Bruckhaus Deringer: Dr. Konrad Schott (Bank- und Finanzrecht; Frankfurt), Dr. Peter Niggemann, Juliane Ziebarth (beide Kartellrecht; beide Düsseldorf); Associate: Dr. Marvin Knapp (Insolvenzrecht; Hamburg)
BRL Boege Rohde Luebbehuesen (Hamburg): Stefan Denkhaus, Dominik Demisch, Katharina Gerdes, Dr. Carsten Siebert, Björn Schwencke, Friedemann Schade (Berlin; alle Insolvenzrecht – für die PLC und die Luftverkehrs-KG)
Finkenhof (Frankfurt): Dr. Lorenzo Matthaei (Federführung), Stephan Strumpf; Associate: Dr. Kaan Güzel, Tim Grabbe (alle Insolvenzrecht – für operative Gesellschaften)

Berater Kreditanstalt für Wiederaufbau (zum Notfallkredit des Bundes)
Linklaters (Frankfurt): Andreas Steck (Aufsichtsrecht), Marc Trinkaus, Dr. Sabine Vorwerk (beide Bankrecht), Kristina Zych (Öffentliches Wirtschaftsrecht; Berlin)

Hintergrund: Alle Berater sind aus dem Markt bekannt.

Kebekus et Zimmermann gehört zu den führenden Insolvenzverwaltungskanzleien. Zuletzt hat das Amtsgericht Aachen im April Frank Kebekus als Sachwalter beim CD-und DVD-Hersteller Cinram eingesetzt. Kebekus, der nun bei Air Berlin Generalbevollmächtigter ist, war bis 2015 auch Sprecher des Gravenbrucher Kreises, einer Vereinigung führender Insolvenzverwalter. Sein Nachfolger dort ist der neue Sachwalter bei Air Berlin: Lucas Flöther. Flöther war erst vor zwei Monaten als Sachwalter im Insolvenzverfahren der Modegruppe Basler ernannt worden.

Freshfields hat Air Berlin bei der Umstrukturierung beraten, die im vergangenen Herbst angestoßen wurde. Zuvor hatte die Kanzlei Air Berlin bereits bei der Expansion sowie späteren Umstrukturierungen und Rekapitalisierungsmaßnahmen begleitet. Beim geplanten Verkauf der Niki-Anteile von Air Berlin an den Großaktionär Etihad zu Beginn des Jahres hat Freshfields auch Etihad beraten. Da bei der Insolvenz die Interessen von Air Berlin und ihrer Großaktionärin nicht mehr unbedingt identisch sind, hat Etihad nun ihre langjährige Stammberaterin Shearman & Sterling mandatiert. Dort ist ein standortübergreifendes Team mit Partnern aus Frankfurt, London und Abu Dhabi für die Fluggesellschaft im Einsatz.

BRL und Finkenhof berieten die Tochtergesellschaften beim Insolvenzantrag. BRL hat zuletzt beim insolventen Küchenhersteller Alno eine wichtige Rolle übernommen, dort berät Denkhaus die Gesellschaft. Finkenhof gibt es seit zweieinhalb Jahren. Die Wellensiek-Abspaltung hat sich auf die Begleitung von Unternehmen in Eigenverwaltungsverfahren spezialisiert, zuletzt etwa St. Emile (Basler Fashion) und Kronenbrot.

Die Lufthansa setzt auf vertraute Berater. Völcker und die Lufthansa verbindet eine langjährige Mandatsbeziehung im Kartellrecht. Er hatte den Konzern unter anderem bereits im Luftftrachtkartellverfahren der EU vertreten, bevor er 2013 von WilmerHale zu Latham wechselte. Auch zwischen Lufthansa und Hengeler gibt es Verbindungen: Die Kanzlei beriet die Airline etwa in einem beihilferechtlichen Streit zur Übernahme von Austrian Airlines. Zudem ist Lufthansa-General Counsel Michael Niggemann, der 2007 zu dem Unternehmen wechselte, ein ehemaliger Hengeler-Anwalt. Ihn dürfte das Tauziehen um Air Berlin künftig weniger beschäftigen als bisher: Niggemann wird zum November Chief Financial Officers bei der Lufthansa-Tochter Swiss. Sein Nachfolger als Leiter der Konzernrechtsabteilung wird dann Stephan Zilles, bisher Leiter Recht, Compliance und Corporate Affairs beim Tochterunternehmen LSG. (Marc Chmielewski, Martin Ströder)

Wir haben den Artikel mehrfach ergänzt, zuletzt am 17. August, 11.45 Uhr.