JUVE Kanzlei des Jahres

Insolvenz und Restrukturierung

Wird Amsterdam das neue London?

Die Corona-Krise bescherte den Insolvenzexperten hektische Monate, in denen die akuten Auswirkungen mit Rettungskrediten oder schnell gestrickten Schutzschirmverfahren bekämpft wurden. Danach ging es wieder um längerfristige Sanierungslösungen, für die Berater und Verwalter gleichermaßen auf die zusätzlichen Möglichkeiten einer präventiven Restrukturierung hoffen. Dafür hatte die EU vor über einem Jahr den Rahmen vorgegeben. Ziel ist es, selektiv mit einzelnen Gläubigergruppen Sanierungsziele zu vereinbaren. Der deutsche Gesetzentwurf zur Umsetzung lag bei Redaktionsschluss noch nicht vor, aber das im Nachbarland beschlossene ‚Dutch Scheme of Arrangement‘ schickt sich an, diese Lücke auch für grenzüberschreitende finanzielle Restrukturierungen zu schließen. Der Brexit lässt grüßen. Ob Amsterdam das neue London werden kann, liegt aber nicht zuletzt an den Präferenzen der Kreditgeber.

Wechselstimmung unter den Insolvenzrechtlern

Noch vor der Corona-bedingten Insolvenzwelle kam die Welle der wechselwilligen Anwälte. Sowohl Sanierungsberater als auch Verwalter verließen ihre Kanzleien und brachen auf zu neuen Ufern. Für Aufsehen sorgte Dr. Georg Bernsau in Frankfurt, der als Namensgeber von BBL Bernsau Brockdorff & Partner ausschied und mit einem größeren Team zu der internationalen Kanzlei K&L Gates wechselte. Weitere Abgänge verkleinerten BBL auch in der Verwaltung. So konnte sich AC Tischendorf strategisch geschickt verstärken und gleich mehrere Eigenverwaltungsverfahren an sich ziehen. Der viel bestellte Marcus Winkler machte sich in Stuttgart mit einem spezialisierten Insolvenzarbeitsrechtler als Winkler Gossak selbstständig. Nicht nur K&L Gates, auch andere internationale Sozietäten setzen auf Restrukturierung. Norton Rose Fulbright etwa verschafft sich mit zwei Quereinsteigerinnen ein schlagkräftiges Team in Frankfurt.

Görg festigte ihre Position mit weiteren Verwaltern in Bremen und Stuttgart. Tim Beyer und Dr. Holger Leichtle, jeweils mit Teams, kamen im Sommer von Schultze & Braun, die damit einen empfindlichen Rückschlag erleidet. So verstetigt Görg ihren fulminanten Erfolg in Norddeutschland u. erobert den Markt in Baden-Württemberg mit einem der profiliertesten Verwalter der Region. Dass sich gleichzeitig einige Kölner Anwälte in eine eigene Restrukturierungskanzlei, Reitze Wilken, verabschiedeten, bestätigt die Ambitionen der Kanzlei, in ihrem Kerngebiet noch profitabler zu werden. Kleinere, klassische Verwaltersozietäten verzeichneten derweil eine Reihe von Abgängen in der zweiten Reihe. Bei Spitzenkanzleien wie Kebekus et Zimmermann oder Flöther & Wissing gingen mehrere Anwälte – womöglich ein Zeichen dafür, dass Sachwalterrollen weniger Manpower erfordern als die herkömmliche Insolvenzverwaltung. In einem intakten Netzwerk aus Sanierungsprofis mit BWL-, Wirtschaftsprüfungs- oder Steuerberaterhintergrund funktioniert das Geschäft auch als kleine Einheit, in der selbst in Krisenzeiten nur die Namensgeber mandatiert bzw. bestellt werden.

Die folgenden Bewertungen behandeln Kanzleien, die sich auf die Begleitung von Unternehmenskrisen spezialisiert haben. Unter finanzielle Restrukturierung fallen v.a. die Neuverhandlung von Krediten, die Refinanzierung u. die Veränderung der Beteiligungs- oder Gläubigerstruktur (siehe auch Kredite u. Akquisitionsfinanzierung, Private Equity), während die Insolvenz/Sanierungsberatung vor allem gesellschaftsrechtliche u. operative Probleme umfasst (siehe auch Gesellschaftsrecht). Eine zweite Übersicht zeigt Insolvenzverwalter- u. Sachwalterkanzleien. Restrukturierung im Bankensektor ist im Bank- u. Bankaufsichtsrecht behandelt, arbeitsrechtlich geprägte Umstrukturierungen im Arbeitsrecht.


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