JUVE: Herr Campos Nave, warum sollte eine Kanzlei gerade jetzt eine Präsenz in Dubai auf- und ausbauen?
José Campos Nave: Als ich vor 20 Jahren zum ersten Mal in Dubai war, begann man dort gerade mit den gigantischen Bauprojekten, die heute das Ortsbild prägen. Die Emirate waren damals noch dabei, sich von ihrer Rolle als Öl- und Gasexporteure zu lösen. Seitdem hat sich die Einwohnerzahl Dubais mehr als verdoppelt und die Stadt ist zu einer der großen Finanzmetropolen der Welt geworden. Dubai steht heute in einer Reihe mit New York, London, Hongkong und Singapur. Dahinter steckt eine atemberaubende Dynamik und ein Wille zum Wachstum, den auch die iranische Bedrohung nicht stoppen wird.
Aber Dynamik und Wachstumswille allein können doch nichts gegen diese Bedrohung ausrichten?
Die Balance, die die Regionalmächte am Golf trotz aller gegensätzlichen Interessen lange bewahrt hatten und auf der das bisherige Wirtschaftsgefüge dort basierte, ist seit zwei Wochen Geschichte. Aber noch einmal: Die UAE haben den absoluten Willen, ihre Wirtschaft langfristig zu diversifizieren und weniger abhängig von fossilen Rohstoffexporten zu machen. Sie haben bereits enorme Summen in den strategischen Aufbau von Handels- und Finanzzentren, in Verkehrs- und weitere Infrastruktur gesteckt und sie investieren weiter. Das gilt übrigens für alle Golfstaaten.
Wenn derzeit kaum ein Satz nach außen dringt, mit dem die politische Führung den Krieg und die Aktionen Irans, Israels und der USA kommentiert, bedeutet das nicht, dass hinter den Kulissen nichts geschieht. Die Emirate und ihre Nachbarn haben mehr als genug Ressourcen, um die Investitionen der vergangenen Jahrzehnte – ihre eigenen, aber auch die aus dem Ausland eingeworbenen – wirkungsvoll zu schützen, auch militärisch. Diese Ressourcen werden sie einsetzen.
Großen Teilen der emiratischen Wirtschaft – Tourismus, Transport, Logistik – fehlt unter Raketen- und Drohnenbeschuss allerdings die Geschäftsgrundlage.
In der Öffentlichkeit wird vor allem der tatsächliche oder gefühlte Exodus der Influencer diskutiert, was ein bisschen absurd ist – diese Szene hat finanziell für Dubai keine Bedeutung. Echte wirtschaftliche Folgen hätte es, wenn Luftfahrt und Tourismus länger beeinträchtigt blieben. Zugleich würde sich damit aber die Bedeutung der Finanzindustrie nochmals vergrößern.
Als Drehscheibe für Finanztransaktionen zwischen Asien, Europa und Afrika ist Dubai schon heute nicht mehr zu ersetzen. Für viele Unternehmen und auch Einzelpersonen stehen hohe Investitionen auf dem Spiel. Der Finanzplatz Dubai wird nicht nur weiter funktionieren; ich bin mir sicher, dass er durch die aktuelle Bedrohung sogar stärker und widerstandsfähiger werden wird. Das System wird unter Druck gehärtet, könnte man sagen.
Wie sähe ein derart gehärtetes System am Ende aus?
Alltägliches Leben im Büro, im Restaurant und am Strand gibt es in Tel Aviv schon lange nur im Schutz der Raketenabwehr. Vielleicht ist es in Dubai bald ähnlich. Die heute schon allgegenwärtige Überwachung wird vermutlich noch stärker werden. Wer damit umgehen kann und die positive Seite – Sicherheit – zu schätzen weiß, dürfte sich dort wohler fühlen denn je. Eins steht wohl fest: Der harte Kern der Wirtschaft – Handel und Finanzen – wird weiterarbeiten. Wenn es sein muss, vom Bunker aus.