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24.08.2017

Kampf um Air Berlin: Auch Mandanten von Noerr, Gleiss und Eversheds mischen mit

Nach der ersten Sitzung des Gläubigerausschusses ist vor allem eines klar: So schnell, wie manche Politiker sich das vorstellen, wird es wohl nichts mit einem Komplett- oder Teilverkauf von Air Berlin. Der Generalbevollmächtigte der insolventen Airline erklärte, vor September erwarte er keine großen Deals. An Interessenten mangelt es aber nicht. Neben Lufthansa und Ryanair sowie dem Flugunternehmer Hans Rudolf Wöhrl sollen auch Thomas Cook/Condor und Easyjet darunter sein.

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Thomas Hoffmann

Nach JUVE-Informationen gibt es drei Gläubigerausschüsse, jeweils einen für die PLC, die Luftverkehrs KG und die Technik GmbH. Diese sind ähnlich, aber nicht deckungsgleich besetzt und in jedem ist ein Anwalt vertreten. Bei der PLC sitzen Eurowings, die Bundesagentur für Arbeit und die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger, vertreten durch das Vorstandsmitglied Markus Kienle am Tisch. Kienle ist Anwalt und saß beispielsweise auch schon für die Kapitalanleger im Prokon-Gläubigerausschuss. In der KG versammeln sich neben Eurowings, einem Air Berlin-Vertreter und der Arbeitsagentur auch die Commerzbank als Gläubiger. Außerdem der Berliner Anwalt Niklas Lütcke, Partner bei CMS Hasche Sigle. Lütcke sei allerdings kein Vertreter der Leasinggesellschaften wie in einigen Medien berichtet, erklärte die Kanzlei auf JUVE-Anfrage, wollte sich aber zur genauen Berufung Lütckes mit Hinweis auf das laufende Verfahren nicht äußern. In Beraterkreisen wird spekuliert, ob Lütcke möglicherweise die Kleingläubiger vertritt, die häufig einen Repräsentanten in Gläubigerausschüsse schicken dürfen. Diese Rolle könnte allerdings auch White & Case zufallen, die Mitglied im Gläubigerausschuss der Technik GmbH sind, meinen Insider. Die Kanzlei wollte keine Stellungnahme abgeben. Weiteres Ausschussmitglied ist neben Lufthansa Technik auch ein Vertreter des Reinigungsmaschinenherstellers B.N.S.

Ärger über Lufthansa-Bevorzugung

Christian Gerloff

Christian Gerloff

Mit Unverständnis wurde die Berufung von Eurowings-Vertretern in den Ausschuss zur Kenntnis genommen. Unter Eurowings-Flagge fliegen die meisten Maschinen, die die Lufthansa von Air Berlin samt Crew geleast hat. Gleichzeitig wurde die Lufthansa von zahlreichen Wirtschaftspolitikern als aussichtsreichster Käufer von Air Berlin ins Spiel gebracht. Schon diese Tatsache ließ die Wogen bei Interessenten wie Wöhrl und Ryanair hochschlagen.

Dass der ärgste Konkurrent nun auch noch im Kreis derer sitzt, die das Schicksal von Air Berlin nachhaltig mitbestimmen werden, kommt da nicht gut an. Selbst wenn Eurowings über den Verkauf nicht abstimmen darf und auch keine Akteneinsicht erhält. Zusätzlich beschweren sich zahlreiche Gläubigergruppen, wie etwa Arbeitnehmer und Anleihegläubiger, die sich in dem nur fünfköpfigen Ausschuss nicht ausreichend repräsentiert sehen.

Wie zu hören ist, hat einzig die Lufthansa bislang ein detailliertes Angebot abgegeben, in dem sie vor allem ihr Interesse an der nicht von der Insolvenz betroffenen Air Berlin-Tochter Niki bekundet. Weitere potenzielle Käufer wie Ryanair und Wöhrl, die Air Berlin als Ganzes übernehmen wollen, haben ernsthafte Absichten bekundet. Sie könnten aber ohne Einblick in die Air Berlin-Geschäftsunterlagen keine konkreten Pläne vorlegen, ließ ein aufgebrachter Hans Rudolf Wöhrl mitteilen.

Für welche Teile sich Easyjet und Condor interessieren, ist noch nicht klar, ebensowenig, welche Rolle die Tui in dem Verfahren genau spielt. Die Tui ist mit Air Berlin geschäftlich verbunden, weil zunächst Air Berlin selbst und nun Tochter Niki Flugzeuge und Crews von Tui gemietet haben. Ein Interesse daran, Air Berlin-Stücke zu übernehmen, habe Tui aber nicht, teilte der Touristikkonzern mit.

Flugslots sind die Kronjuwelen

Gepokert wird hinter den Kulissen vor allem um die sogenannten Slots, also die Strecken samt Start- und Landerechten, die Air Berlin derzeit bedient. Crews und Flugzeuge hätten Käufer auch nach einem regulären Insolvenzverfahren übernehmen können. Die Slots würden jedoch dann nicht direkt weiterverkauft, sondern sie würden in den Pool des staatlichen Flughafenkoordinators zurückfallen und dann völlig neu vergeben werden. Das würde den Wert von Air Berlin erheblich schmälern.

Daniel Kress

Daniel Kress

Nach Einschätzung vieler Insolvenzexperten ist die Gefahr groß, dass das eigenverwaltete Verfahren noch kippt. Denn schon jetzt verlangen zahlreiche Dienstleister Vorkasse, und es sind immense Schäden für das Verfahren denkbar, wenn etwa Air Berlin-Ferienflieger auf einem ausländischen Flughafen stillgelegt würden. In den USA hat ein Gericht Gläubigerschutz beschlossen, damit Air Berlin zumindest bis zum 18. September vor dem Zugriff amerikanischer Gläubiger geschützt ist. Die Strecken in die USA sind für Air Berlin die wichtigsten Langstrecken.

Für das operative Fluggeschäft von Air Berlin ist auch der internationale Airline-Verband IATA von großer Bedeutung. Er ist unter anderem für den Abwicklung zuständig, wenn eine Strecke über mehrere Airlines hinweg gebucht wird. Außerdem sorgt er für Ticketverkäufe über Reisebüros und den Zahlungsfluss zwischen Kunde und Airline. In diesem Zusammenhang kommen auch andere Airlines wie beispielsweise Britisch Airways ins Spiel, die über Codesharing-Slots mit Air Berlin verbunden sind.

Berater Thomas Cook/Condor
Noerr: Dr. Thomas Hoffmann (Insolvenzrecht; Berlin), Holger Alfes (Corporate/M&A; Frankfurt; beide Federführung), Uwe Erling (Luftverkehrsrecht; München), Alexander Israel (Kartellrecht; Brüssel)

Berater Wöhrl
Gerloff Liebler (München): Dr. Christian Gerloff (Insolvenzrecht)

Berater Lufthansa
Inhouse Recht (Frankfurt): Michael Niggemann (General Counsel)
Hengeler Mueller: Dr. Daniel Kress (Corporate/M&A; London)
Latham & Watkins (Brüssel): Dr. Sven Völcker (Kartellrecht)
SGP Schneider Geiwitz (Neu-Ulm): Arndt Geiwitz

Berater Easyjet – nicht bekannt

Konrad Schott

Konrad Schott

Berater Ryanair – nicht bekannt

Berater Tui
Gleiss Lutz: Dr. Fred Wendt (Corporate/M&A; Hamburg), Dr. Andreas Spahlinger (Restrukturierung; Stuttgart)

Berater IATA
Eversheds Sutherland (München): Dr. Alexander Niethammer (Handelsrecht/Regulierung), Dr. Christian Hilpert (Insolvenzrecht; Berlin)

Berater British Airways/Iberia
DLA Piper: Mike Danielewsky (Restrukturierung; Frankfurt), Guido Kleve (Öffentliches Recht/Aviation)

Sachwalter
Flöther & Wissing (Leipzig): Prof. Dr. Lucas Flöther (Insolvenzrecht)

Generalbevollmächtigter Air Berlin
Kebekus et Zimmermann (Düsseldorf): Dr. Frank Kebekus (Insolvenzrecht)

Fred Wendt

Fred Wendt

Berater Air Berlin
Inhouse Recht (Berlin): Michelle Johnson (General Counsel)
Freshfields Bruckhaus Deringer: Dr. Konrad Schott (Bank- und Finanzrecht; Frankfurt), Dr. Peter Niggemann, Juliane Ziebarth (beide Kartellrecht; beide Düsseldorf); Associate: Dr. Marvin Knapp (Insolvenzrecht; Hamburg)
BRL Boege Rohde Luebbehuesen (Hamburg): Stefan Denkhaus, Dominik Demisch, Katharina Gerdes, Dr. Carsten Siebert, Björn Schwencke, Friedemann Schade (Berlin; alle Insolvenzrecht – für die PLC und die Luftverkehrs-KG)
Finkenhof (Frankfurt): Dr. Lorenzo Matthaei (Federführung), Stephan Strumpf; Associate: Dr. Kaan Güzel, Tim Grabbe (alle Insolvenzrecht – für operative Gesellschaften)

Hintergrund: Die Berater sind aus dem Markt bekannt.

Noerr ist als langjährige Beraterin von Condor-Mutter Thomas Cook bekannt und hat den Tourismuskonzern schon bei diversen Transaktionen und Umstrukturierungen begleitet. Der für den insolvenzrechtlichen Teil federführende Partner Hoffmann war bereits für die Briten tätig, als deren damaliger Mutterkonzern Arcandor pleite ging. M&A-Partner Alfes saß schon mit am Verhandlungstisch, als Air Berlin 2007 Condor übernehmen wollte. Der Deal kam letztlich nicht zustande.

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Alexander Niethammer

Der bekannte Flugunternehmer Wöhrl hat sein Angebot über den erfahrenen Insolvenzrechtler Gerloff eingereicht. Gerloff hat gerade erst das traditionsreiche Modehaus der Familie Wöhrl als Chief Restructuring Officer während des Insolvenzverfahrens begleitet.

Gleiss-Partner Wendt hatte Tui schon bei den Verhandlungen zu dem geplanten Joint Venture mit Niki begleitet, das dann letztlich abgeblasen wurde. Die Kanzlei ist als regelmäßige Beraterin des Reisekonzerns in unterschiedlichen Rechtsfragen bekannt. Ein Team um den Arbeitsrechtspartner Dr. Christian Arnold vertrat Tui zuletzt im EuGH-Verfahren zur Vereinbarkeit des deutschen Mitbestimmungsrechts mit dem Unionsrecht.

Eversheds vertritt den Airline-Verband IATA weltweit, seit sich die Kanzlei vor mehreren Jahren in einem Pitch durchsetzen konnte. Client Partner ist Niethammer aus dem Münchner Büro, für insolvenzrechtlichen Fragen ist in diesem Fall dem Vernehmen nach Hilpert zuständig. Er ist seit dem vergangenen Jahr Partner bei Eversheds.

DLA berät immer wieder Fluggesellschaften und ist auch für Etihad und Lufthansa tätig. In diesem Fall sind Teams dem Vernehmen nach für British Airways im Einsatz. (Christiane Schiffer)

Wir haben den Artikel am 25.08.2017 ergänzt.

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