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12.04.2018

Nachwuchssuche: Schleichender Abschied vom Doppel-VB

Ein doppeltes Prädikatsexamen als Abschluss des Jurastudiums galt lange als das wichtigste Einstellungskriterium für Einsteiger bei Wirtschaftskanzleien. Doch das ändert sich, denn die Nachfrage übersteigt das Angebot an hochdekorierten Bewerbern bei Weitem. Deshalb gehen viele Kanzleien beim Balztanz um die fähigsten Junganwälte Kompromisse ein und sehen das sogenannte ‚Doppel-VB‘ nicht mehr als in Stein gemeißelte Einstellungsvoraussetzung. Das zeigen Ergebnisse aus einer aktuellen azur-Erhebung. Eine gute Startposition haben Absolventen, die sich bereits im Referendariat bewiesen haben.

Allein die knapp 200 von azur befragten Wirtschaftskanzleien melden rund 2.300 freie Stellen, über zehn Prozent mehr als im Vorjahr. Der Bedarf steigt und das Angebot an Top-Absolventen passt dazu weniger denn je. Wie die aktuellste verfügbare Statistik des Bundesamts für Justiz zeigt, haben 2016 genau 1.584 Jurastudierende in beiden Staatsexamen mindestens die Note ‚Vollbefriedigend‘ (Doppel-VB) erreicht.

Marktteilnehmer vermuten, dass Jahr für Jahr sogar nur rund 500 Absolventen übrig bleiben, die eine Karriere bei einer Wirtschaftskanzlei in Betracht ziehen und gleichzeitig genau die Qualifikationen mitbringen, die sich die Arbeitgeber wünschen: das sogenannte Doppel-VB, unternehmerisches Denken, hervorragende Englischkenntnisse und soziale und emotionale Kompetenz. Kompromisse sind die Folge, wie die azur-Recherche zeigt: Nur wenige Kanzleien stellen ausschließlich Bewerber mit Doppel-VB ein oder können es sich leisten, den Bewerberkreis so weit einzugrenzen.

Bonus für Referendare

Fast alle Kanzleien, die eigentlich strenge Notenmaßstäbe anlegen, machen immer wieder Ausnahmen für ehemalige Referendare. Soziale und emotionale Intelligenz, die etwa bei Verhandlungssituationen entscheidend ist, Englischkenntnisse und Unternehmergeist lassen sich bei Bewerbungsgesprächen nur ausschnitthaft erfassen. Bei einem ehemaligen Referendar wissen die Kanzleien, auf was sie sich einlassen. So bietet Latham & Watkins wie viele Mitbewerberinnen vielversprechenden Referendaren durchaus schon mal eine Associate-Stelle an, bevor die Note im Zweiten Staatsexamen überhaupt feststeht.

Besonders klar sind auch die Prioritäten für viele Arbeitgeber, die nicht mit einem Zustrom an Doppelprädikatsjuristen rechnen können, wie die bekanntesten Kanzleiadressen: Die US-Kanzleien Goodwin Procter und Reed Smith etwa verlangen ‚nur‘ 16 Punkte als Summe aus beiden Examina, bei Eversheds Sutherland sind es 15 Punkte.

Einige Sozietäten, darunter Allen & Overy und Hogan Lovells, nennen aus beiden Examina addierte 18 Punkte als Untergrenze – meist mit dem Zusatz, dass kein Ergebnis unter acht Punkten liegen sollte.

Nur bei einem Punkt macht keine Kanzlei Abstriche, egal ob es die kleine Regionalkanzlei ist oder der international vernetzte Kanzleiriese: Wer nicht gut Englisch spricht, ist sofort aus dem Rennen. Die meisten Arbeitgeber setzen schlicht voraus, dass ihre Anwälte auf Englisch ähnlich gut verhandeln können wie auf Deutsch.

Doppel-VB wird zum Luxuskriterium

Wie rigoros Kanzleien das Einstellungskriterium Doppel-VB durchsetzen wollen, hängt oft von der Größe und dem Zuschnitt der Kanzlei ab. Am strengsten sind die Einheiten, die jährlich nur eine Handvoll Berufseinsteiger einstellen müssen. Das betrifft zum einen elitäre Traditionsadressen wie Dissmann Orth in München. Zum anderen sind es oft internationale Transaktionskanzleien mit hochkarätigem Geschäft, aber eher kleinen deutschen Präsenzen, die besonders konsequent auf die Noten achten.

Es gibt aber auch Großkanzleien mit einem sehr viel größeren Bedarf an Berufseinsteigern, die am Doppel-VB festhalten. Allein Freshfields Bruckhaus Deringer will 2018 bis zu 110 Berufseinsteiger einstellen – möglichst alle mit zwei Prädikatsexamina. Das wären mehr als ein Fünftel aller geeigneten Bewerber, die in Deutschland überhaupt zur Verfügung stehen. Nach Kanzleiangaben haben weit über 90 Prozent der Berufsanfänger zwei ‚Vollbefriedigend‘ im Zeugnis stehen.

Auch Hengeler Mueller und Gleiss Lutz, die beide mit rund 50 Neueinstellungen planen, gelten im Markt als besonders strikt. Zwar zieht Hengeler nicht stur die Grenze bei zweimal neun Punkten, sondern lädt auch Kandidaten ein, die aus anderen Gründen interessant sind. Faktisch bringen aber die meisten Bewerber sowieso zwei Prädikatsexamina mit.

Gleiss Lutz schaltet bei jeder Abweichung das Management ein: Geeignete Bewerber, die kein Doppelprädikat vorweisen können, brauchen eine Sondergenehmigung vom Führungsgremium der Kanzlei. (Helena Hauser, Norbert Parzinger)