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21.12.2016

Sparzwang: Rechtsabteilungen entdecken Leihjuristen als Kostensenker

Die deutschen General Counsel haben schon viel versucht, um Geld zu sparen. Sie etablierten Panels und experimentierten mit der Mandatierung anhand strikter Einkaufskriterien. Nun steht die nächste Einsparmöglichkeit auf dem Prüfstand: Leihjuristen.

ThyssenKrupp setzt bereits regelmäßig Juristen auf Zeit ein. Sie arbeiten an kurzfristigen Projekten wie Compliance-Untersuchungen und vertreten Mitarbeiter in Elternzeit. Flexibel, schnell, günstig. Für den Head of Governance bei ThyssenKrupp, Dr. Martin Klein, sind sie „eine attraktive Bereicherung und nicht selten auch eine Alternative zu Kanzleien“.

Mit dieser Meinung findet Klein bislang nur wenige Gleichgesinnte. Denn: Das Modell Zeitarbeit, das etwa im angloamerikanischen Raum schon weit verbreitet ist, setzt sich hierzulande erst langsam durch. Bislang sind es vor allem Kanzleien, die für große Projekte wie Due Diligences oder umfangreiche Verfahren ­fleißige, aber günstige Juristen für einen überschaubaren Zeitraum brauchen und damit ihre Belastungsspitzen personell abdecken.

Rechtsabteilungen könnten in Zeiten des anhaltenden und sich weiter verschärfenden Kostendrucks den gleichen Weg gehen, vor allem dann, wenn es schwierig ist, neue Stellen bei der Geschäftsführung durchzusetzen. Doch die deutschen General Counsel sind wesentlich zurückhaltender als die Kanzleien – auch deshalb, weil bei vielen Entscheidern bislang das Vertrauen in die Dienstleister fehlt.

Ein paar Tage und das Team steht

Auch die jüngste JUVE-Inhouse-Umfrage zeigt, dass die deutschen Rechtsabteilungen zuletzt nur selten alternative Dienstleister wie Projektanwälte hinzuzogen: Nur gut 10 Prozent der Befragten antworteten auf diese Frage mit ,Ja‘. In der Personalplanung ergibt sich laut der Umfrage ein leicht differenziertes Bild: Zwar sind ebenfalls nur 10 Prozent der Befragten entschlossen, Personal zu leihen. Immerhin denken aber weitere 14 Prozent darüber nach. Es tut sich also etwas, die Nachfrage steigt langsam. Das bestätigen auch die in Deutschland aktiven Personaldienstleister wie Perconex und Xenion.

Der Einsatz von Projektjuristen ermöglicht den Rechtsabteilungen ein hohes Maß an Flexibilität: Personalengpässe können schnell be­hoben, Überkapazitäten ebenso schnell wieder abgebaut werden. Das benötigte Personal wird von den Personaldienstleistern in der Regel innerhalb von ein bis zwei Wochen zur Verfügung gestellt, im Fall von Due Diligeces gelingt die Bereitstellung häufig auch innerhalb weniger Tage. Die Kündigungsfrist beträgt in der Regel zwei ­Wochen.

Nicht nur wegen der Flexibilität, sondern auch aufgrund des Kostendrucks in den Unternehmen treten die Personaldienstleister durchaus in Konkurrenz zu den Kanzleien. Denn: Während die etablierten Kanzleien auch für First-Year-Associates Stundensätze zwischen 200 und 400 Euro aufrufen, ist ein Projektjurist bereits ab rund 40 Euro pro Stunde zu ­haben. Dabei ist der Preis natürlich von der fach­lichen Qualifikation und der Zahl der Berufsjahre abhängig. So kann ein Spezialist auch mit 200 Euro pro Stunde zu Buche schlagen.

Eine Ausnahme ist hier der jüngste Akteur auf dem deutschen Markt, der Dienstleister Axiom aus den USA: Er bietet seinen Kunden nur sehr erfahrene Anwälte an, für die er 19.500 bis 40.000 Euro pro Monat verlangt. Generell gilt jedoch: Die Kosten für ein Projekt lassen sich mit dem Einsatz von Leihjuristen leichter kalkulieren als beim Einsatz externer Berater.

Keine Wunderwaffe

Allerdings: Leihjuristen stehen den internen Kompetenzen einer Rechtsabteilung in gewissem Sinne nach. Und auch Kanzleien können von ihnen nicht gänzlich ersetzt werden. „Bei manchen Projekten brauchen wir einfach Anwälte, die 24 Stunden an sieben Tagen der Woche ansprechbar sind – und das in unterschiedlichen Zeitzonen“, sagt Dr. Eike Wissmann, Leiter des Bereichs Konzern, Support und Versicherungen in der Rechtsabteilung von ­EnBW. „Diese Lösung kann uns ein Personaldienstleister nicht bieten.“ Auch bei Projekten, die spe­zielle Kenntnisse erfordern, etwa im Offshore­bereich, sei der Einsatz von externen Experten unerlässlich.

Hartnäckig hält sich das Vorurteil im Markt, dass die Juristen der Personaldienstleister nur von zweitklassiger Qualität sind. Tatsächlich arbeiten einige Leihjuristen gerade deshalb in Zeitarbeit, weil sie den Sprung in die Kanzlei oder ein Unternehmen nicht geschafft haben. Aber: Es sind auch echte Top-Juristen im Angebot, die zum Beispiel auf ­eine Richterstelle warten oder solche, die die Zeitarbeit nutzen, um sich nach dem Studium Einblicke bei verschiedenen Arbeitgebern zu verschaffen. (Christin Stender)

Mehr über juristische Zeitarbeiter in Rechtsabteilungen lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des JUVE Rechtsmarkt 01/2017.