JUVE Kanzlei des Jahres

M&A

Konjunktur trübt sich ein

Nach langer Boomzeit ließ die Begeisterung für M&A-Transaktionen im zweiten Halbjahr 2018 deutlich nach. Politische Unsicherheitsfaktoren, vom Brexit bis zum Iran-Konflikt, stimmten Investoren zurückhaltender und sorgten dafür, dass allzu hochfliegende Zukaufs- und Fusionspläne zurückgestellt wurden.

Die Dealstatistiken wiesen dann auch für die erste Jahreshälfte 2019 nicht nur weniger M&A-Deals mit Bezug zu Deutschland aus, auch die Volumen waren kleiner (>Mit angezogener Handbremse) – und das, obwohl der hiesige Markt zu den stabilsten im internationalen Vergleich zählt.

Dieser Rückgang bedeutete erst einmal nicht weniger Arbeit für die Berater in den Kanzleien und Rechtsabteilungen. Bis Fusionsvorhaben wie Thyssenkrupp/Tata Steel oder Siemens/Alstom am Ende von den Kartellbehörden oder von wirtschaftlichen Zwängen gestoppt wurden, waren teils mehrere Jahre mit intensiven Vorarbeiten vergangen und hohe Honorare geflossen.

Ausgesprochene Langläufer waren zuletzt auch viele öffentliche Übernahmen, ganz gleich, ob sie letztlich zustande kamen wie etwa in der europäischen Dreieckskonstellation Atlantia/Hochtief/Abertis, ob es mehrere Anläufe gab wie bei Merck/Versum oder ob der Versuch zunächst scheiterte wie bei Scout24. Mit der Projektdauer stieg auch die Gefahr von Störmanövern seitens aktivistischer Minderheitsaktionäre, wie der Hedgefonds Elliott wieder und wieder demonstrierte.

Viele Transaktionsprojekte spielen heute in einer Größenordnung, die die Umgestaltung ganzer Branchen impliziert, vom angedachten Zusammenschluss von Deutscher Bank und Commerzbank bis zur Neuordnung der Energiekonzerne RWE, E.on und Innogy. Hinzu kommt, dass die Grenzen zwischen strategischen M&A-Transaktionen, Private-Equity-Deals und konzern- bzw. übernahmerechtlichen Großprojekten heute fließender sind denn je. Large-Cap-Finanzinvestoren und Konzerne bieten immer häufiger für dieselben Objekte, teils sogar gemeinsam, wie die Deutsche Börse und der Finanzinvestor General Atlantic für den US-Technologieanbieter Axioma.

Dabei zählen Umstrukturierungen, Carve-outs und IPO-Überlegungen immer öfter zum Rahmenprogramm bedeutender M&A-Transaktionen. Umfangreiche Spartenverkäufe sind oft von kartellrechtlichen Gründen motiviert, wie etwa bei Linde im Zusammenhang mit dem Kauf durch Praxair oder bei Bayer wegen des Zukaufs von Monsanto.

Schwarmintelligenz ist gefragt

Für Kanzleien, die an dieser Art von Projekten mitarbeiten, ist es wichtiger denn je, unterschiedliche Spezialkenntnisse schnell und vernetzt mobilisieren zu können. Strukturell bedeutet das einen Vorteil für Praxen, die sowohl in der Transaktionsbegleitung als auch im komplexeren Gesellschaftsrecht tiefgehende Kompetenz und langjährige Erfahrung bieten können, aber keine zu strikte Trennung zwischen den entsprechenden Teams kultivieren.

Die führenden M&A-Praxen entsprechen diesem Bild tatsächlich recht genau. Und weil viele Verfolgerkanzleien versuchen, es ihnen nachzutun, waren Aktien- und Konzernrechtler, die die Brücke zu öffentlichen Übernahmen schlagen können, in den vergangenen Jahren als Quereinsteiger heiß begehrt. Ein besonders bemerkenswertes Beispiel für den erfolgreichen Aufbau entsprechender Kompetenz ist Kirkland & Ellis, die trotz ihrer geringen Größe an so vielen Übernahmeversuchen beteiligt war wie kaum eine ihrer Konkurrentinnen

Kirkland & Ellis zählte zu den Kanzleien, die auch während der Insolvenzflaute der letzten Jahre ungebrochen auf eine starke Restrukturierungspraxis setzten. Inzwischen richten wieder mehr Kanzleien ihre Aufmerksamkeit auf dieses Thema.

Der Strukturwandel in der Automobil- und Zulieferbranche, so die verbreitete Einschätzung, könnte gerade im Mittelstand sogar mehr Distressed-Deals mit sich bringen als die Krise des Einzelhandels oder der Umbruch im Finanzsektor. Einige Kanzleien erweiterten ihre Kompetenzen bereits gezielt, so etwa Noerr, die eine Restrukturierungsspezialistin von Baker & McKenzie holte.

Gleichzeitig nehmen digitalisierungsgetriebene Transaktionen zu, jenseits des Automotive- und Technologiesektors auch in regulierten Branchen wie Verkehr und Telekommunikation. Hier haben sich dank ihrer ausgeprägten Branchenschwerpunkte zuletzt so unterschiedlich aufgestellte Kanzleien wie Luther oder Watson Farley & Williams positionieren können.

Wer ist Effizienzkönig?

Die immer höheren Anforderungen im Spitzensegment und auf Spezialgebieten könnten die von manchen Analytikern schon lange erwartete Segmentierung des Beratermarkts beschleunigen und eine stärkere Trennung zwischen Top-Kanzleien, Nischen- und Massenanbietern bringen. Die These, dass Kanzleien sich für das eine oder andere entscheiden müssen, schien mit dem immer fokussierteren Auftritt von Kanzleien wie Freshfields Bruckhaus Deringer, Clifford Chance oder Latham & Watkins, die sich strikter denn je auf besonders anspruchsvolle und lukrative Transaktionsmandate konzentrieren, auch schon belegt.

Doch mit Noerr, Hogan Lovells und nun auch Baker & McKenzie gab es in den vergangenen Jahren immer wieder eindrucksvolle Beispiele dafür, dass Kanzleien sehr wohl den Spagat zwischen Volumenarbeit und komplexen, hoch spezialisierten Deals schaffen und damit strategisch wie auch kommerziell sehr erfolgreich sein können.

Dahinter steckt eine Vielzahl von Faktoren: geduldig aufgebaute Konzernkontakte, überzeugende Branchenschwerpunkte, bestimmte Beraterpersönlichkeiten, inhaltliche Breite und internationale Reichweite, zunehmend aber auch ein Maß an Kosteneffizienz, das Mandanten überzeugt und das den entscheidenden Unterschied zu Wettbewerbern ausmacht.

Daraus folgen nicht nur Plätze auf den Beraterlisten, sondern auch tatsächlich umfangreiche Mandate für Konzerne wie BASF, Bayer, Daimler, Evonik oder Metro – oft Projekte, die auch die führenden Kanzleien gern übernehmen würden, aus Kostengründen aber nicht können.

Das muss nicht so bleiben. Die hohen Summen, die etwa Baker & McKenzie, aber auch die Londoner Spitzenkanzleien wie Allen & Overy oder Freshfields Bruckhaus Deringer und Mittelfeldspieler wie Eversheds Sutherland oder Luther derzeit in technische Lösungen und flexiblere Personalressourcen investieren, dürften den Markt in den nächsten Jahren stark verändern. Im Immobilien- und inzwischen auch im Finanzierungsmarkt ist die Automatisierung bestimmter Transaktionsbestandteile schon weit fortgeschritten. Auch im M&A bieten einige Kanzleien schon nichtjuristische Serviceleistungen an, die aber meist in anwaltliche Mandate integriert sind.

So flankierten Projektmanager von Linklaters die anwaltliche Beratung durch die Kanzlei beim Mandanten Thyssenkrupp. Die Tatsache, dass Kanzleien wie Freshfields oder Linklaters inzwischen Gewerbesteuer zahlen und dies als Investition in künftige, strategische Bewegungsfreiheit sehen, zeigt, wie auch Top-Kanzleien sich bereits darauf vorbereiten, in ganz andere Märkte vorzudringen.

Die größten Folgen werden diese Veränderungen vermutlich beim Wettbewerb um mittelgroße Deals haben. Hier ist der Kostendruck schon heute besonders stark. Zu den deutschen Mittelstandsberatern, immer massiver auftretenden, globalen Großkanzleien wie DentonsEversheds Sutherland oder Norton Rose Fulbright und den technisch hochgerüsteten Big-Four-Beratungsgesellschaften mit ihren Anwaltssparten gesellen sich dann vielleicht auch noch Spitzenkanzleien, die mit kostengünstig arbeitenden Servicecentern und Legal-Tech-Einsatz ganz neue Skaleneffekte erzielen können.

Die folgenden Bewertungen behandeln Kanzleien, die zum Kauf oder Verkauf von Vermögenswerten (Asset-Deals) oder Anteilen (Share-Deals) eines Unternehmens beraten und das Transaktionsmanagement übernehmen. Verschmelzungen und Fusionen sind im Kapitel Gesellschaftsrecht erfasst. Berater von Private-Equity-Häusern zu Käufen und Verkäufen finden sich im Kapitel Private Equity und Venture Capital. Eine Auswahl oft empfohlener Notare ist im Kapitel Notariat aufgeführt.

Ranking Transaktionssteuerrecht


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