JUVE: Wie sieht ein zukunftsfähiges Personalmanagement für Wirtschaftskanzleien aus?
Prof. Dr. Stephan Kaiser: Es muss der Kanzlei genau die ,humanen Ressourcen‘ zur Verfügung stellen, die sie aufgrund von Markt- und Mandantenanforderungen benötigt. Drei Aspekte halte ich für besonders relevant: Erstens, Leistungsträger zu gewinnen und zu binden – auch jenseits monetärer Anreizsysteme. Zweitens sollten Kanzleien nicht nur über alternative Karrierepfade zur Partnerschaft nachdenken, sondern auch darüber, Projektjuristen einzusetzen und externes Know-how über Kooperationen zu integrieren. Und drittens sollten sie im Personalmanagement stärker evidenzbasierte Entscheidungen treffen, etwa durch die Nutzung von datenanalytischen Verfahren. Im Idealfall werden diese und andere Themen zusammen mit HR-Professionals bearbeitet, die auch die Managementlogik und das Geschäftsmodell von Wirtschaftskanzleien vollständig verstanden haben.
Warum ist der Bereich HR in Kanzleien dennoch immer noch der, der am ehesten von Partnern nebenbei betreut wird?
Zunächst: Das ist kein branchenspezifisches Phänomen. Viele Unternehmen denken, ihnen fehlt die nötige Größe, um spezialisierte HR-Stellen aufzubauen. Das kann ich nachvollziehen, rate dann aber, externe HR-Spezialisten mit branchenspezifischer Erfahrung einzukaufen. Problematisch ist auch, dass häufig das Verständnis für die strategische Bedeutung von Personalarbeit fehlt und zudem ihre Komplexität unterschätzt wird. In Kanzleien kommt zudem dazu, dass Partner, bedingt durch die organisationsgegebenen Führungsaufgaben, ohnehin nah an Personalthemen dran sind.
Welche Strukturen braucht es, damit HR von Nichtjuristen in Kanzleien erfolgreich betrieben werden kann?
Dazu müssen Kanzleien vor allem eine funktionale HR-Abteilung einrichten – mit Spezialisten, die über spezifisches Wissen etwa zu Personalmarketing und -auswahl, Karrierewegen und Anreiz- und Entlohnungssystemen, aber eben auch zu Besonderheiten des Rechtsmarkts und des Kanzleimanagements verfügen. Derartige Personaler sind kaum am freien Arbeitsmarkt zu finden, sondern entwickeln sich aus entsprechenden Karrierepfaden in Kanzleien. Kanzleien müssen hier entweder die Lernkurve der Personaler finanzieren oder versuchen, erfahrene Personaler abzuwerben. Darüber hinaus ist der strukturelle Austausch zu kanzlei- und rechtsmarktspezifischen Besonderheiten mit den Berufsträgern notwendig.
Das Gespräch führte Geertje de Sousa.
Das vollständige Interview mit Prof. Dr. Stephan Kaiser lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des JUVE Rechtsmarkt.