JUVE: Als Chef von KPMG Law haben Sie jüngst die Vorteile beschworen, wenn Wirtschaftsprüfung, Steuerberatung und Rechtsberatung aus einer Hand angeboten werden. Wo passt der MDP-Ansatz denn besonders gut?
Mathias Oberndörfer: Die ganze Regulatorik, die in Compliance-Management-Systeme übersetzt werden muss, ist sicher so ein Bereich. Aber auch die Post-M&A-Integrationsberatung beschäftigt uns stark. Oder das Thema Work-from-anywhere, also wie sich Unternehmen in der Post-Corona-Zeit aufstellen werden, hat massive steuerliche und rechtliche, aber auch IT-Implikationen.
Das Finanzmarktintegritätsstärkungsgesetz (FISG) verschärft nun die Trennung von Prüfung und Beratung. Das schränkt die Handlungsmöglichkeiten von MDP-Einheiten doch eher ein?
Aus meiner Sicht nicht. Das FISG verbietet künftig jegliche Erbringung von Steuerberatungs- und Bewertungsleistungen für Public Interest Entities (PIEs), also kapitalmarktorientierte Unternehmen. Bislang waren diese Leistungen in beschränktem Umfang auch für Prüfungsmandanten zulässig.
Ansonsten ändert sich im Hinblick auf die Trennung von Prüfung und Beratung die Rechtslage nicht und damit bleiben auch Rechtsdienstleistungen, wenn sie nicht Steuerstrafrecht umfassen, im bisherigen Umfang zulässig. Das schließt also unser Modell nicht aus, wenn man einmal von der Steuerberatung für den Kreis der kapitalmarktorientierten Prüfungsmandanten absieht.
Selbst wenn Sie noch 70 Prozent des Prüfungshonorars in der Rechtsberatung erbringen dürften: Ist das Reputationsrisiko bei gleichzeitiger Prüfung und Beratung nicht zu groß?
Die ganzheitliche Beratung von Unternehmen in den schon früher gezogenen Grenzen ist sinnvoll, wenn es zum Beispiel gilt, ein Compliance-System à jour zu halten. Ressourcenplanungssysteme, an denen häufig auch die ganze Rechts- und Steuerfunktion hängt, verlagern sich zunehmend in die Cloud. Hier sind wir sehr gut positioniert, denn solche Leistungen können multidisziplinäre Zusammenschlüsse besser erbringen als etwa Anwaltskanzleien allein.
Das mag sein, beantwortet aber die Frage nach der Reputation nicht. Nach jüngsten Meldungen hat EY Law bei Wirecard viele Zukäufe in Asien beraten und EY war bei Wirecard ja auch Prüfer. Das hilft nicht gerade, oder?
KPMG hat in diesen ganzen Prozessen ein mehrschichtiges Prüfungsverfahren. Erst mal wird geprüft, ob eine rechtliche Beratung überhaupt zulässig ist inklusive Conflict Checks. Dann wird geschaut, ob ein Mandat wirtschaftlich interessant ist. Und danach blicken wir sehr intensiv auf das Reputationsthema, auch mit der Unterstützung von IT-Systemen. Da sind wir als KPMG sehr, sehr strikt.
Zum kommenden Geschäftsjahr ziehen Sie in den Gesamtvorstand der KPMG AG mit der Verantwortung für die Services Tax und Law ein. Traditionell nimmt dieses Amt ein Steuerberater wahr, Sie aber sind Rechtsanwalt. Ist das eine Zeitenwende bei KPMG?
Das müssen andere sagen. Mich hat es sehr gefreut. Ich habe ja ursprünglich in der Steuerabteilung von KPMG angefangen und dort auch meine Erfahrungen gesammelt. Ich freue mich auf meine neue Rolle und darauf, gemeinsam mit meinen Kolleginnen und Kollegen dafür zu arbeiten, nachhaltig und profitabel zu wachsen.
Das Gespräch führte Jörn Poppelbaum. Das Interview ist aus der aktuellen Ausgabe des JUVE Rechtsmarkt (09/2021)