Interview mit SZA

„Potenzial sehen wir vor allem in der Produkthaftung“

Im April 2019 hat SZA Schilling Zutt & Anschütz ein Büro in München eröffnet und ist seither wiederholt mit Quereinsteigern gewachsen, zuletzt mit einem prominenten Litigation-Quereinsteiger. JUVE sprach mit Senior Partner Jochem Reichert über ihre Pläne vor Ort und wachsende Geschäftsfelder.

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Jochem Reichert
Jochem Reichert

JUVE: Sie haben vor zwei Jahren ein Büro in München eröffnet. Was macht den Standort interessant für Sie?
Prof. Dr. Jochem Reichert: Wir pflegen seit vielen Jahren Mandatsbeziehungen und zahlreiche Kontakte in bedeutende Wirtschaftsunternehmen im süddeutschen Raum, die wir weiter verstetigen konnten. Auch für unsere Betreuung vermögender Privatpersonen bietet München gute Ansatzpunkte.

Dann wären dort aber eher Erb- und Nachfolge-Experten gefragt, oder?
Im Corporate-Bereich, der für Unternehmensnachfolgegestaltungen wesentlich ist, sind wir in München sehr gut aufgestellt. In erb- und steuerrechtlichen Fragen arbeiten wir standortübergreifend eng mit unserem Private Client-Team zusammen. Aber Sie spielen sicher auf unsere Expansion im Bereich Forensik an. Auch in Nachfolgefragen wird leider oft gestritten.

Darauf wollen Sie sich also fokussieren?
Nein, bei Weitem nicht. Wir haben uns  – gerade durch die Aufnahme des renommierten Prozessrechtlers Michael Molitoris und seines Teams – sehr viel breiter aufgestellt. Wir sehen vor allem Potenzial in der Produkthaftung – und zwar quer durch alle Branchen. Die Verfahren nach dem Kapitalanleger-Musterverfahrensgesetz, die wir schon bestreiten, sind nur ein Baustein zu einer breiteren Produkthaftungsberatung.

Aber in dem milliardenschweren Diesel-­Musterverfahren von VW mussten Sie die Bühne Hengeler Mueller überlassen…
Ja, das ist richtig, Hengeler Mueller vertritt nun die gesamte Volkswagen-Gruppe vor dem Oberlandesgericht Braunschweig. Sie war durch die Vertretung von Porsche schon in der Materie und es ergibt durchaus Sinn, dass hier ein Prozessteam für alle Konzerngesellschaften spricht. Wir sind aber im Kapitalmarktrecht weiterhin für Volkswagen beratend tätig und haben unser Portfolio durch weitere neue Mandate im Bereich von Kapitalanlegerklagen und die Betreuung anderer Massenverfahren erweitert.

Abgesehen von der Autoindustrie – in welchen Branchen könnte es in größerem Stil um Produkthaftung gehen?
Die gesamte technische Compliance wird uns Juristen noch Jahrzehnte beschäftigen. Unsere Mandanten müssen immer mehr regulatorischen und gesellschaftlichen Ansprüchen Rechnung tragen. Neben der Einhaltung von Gesetzen geht es um Integrität und neue Standards bei Entwicklung, Fertigung und Lieferung von Produkten. Aufgrund unserer Board-Room-Verbindungen sind wir gut aufgestellt, diese Standards einerseits mitzugestalten und andererseits im Streitfall – und das sind dann die hochkomplexen Organhaftungsfälle – auch prozessual zu vertreten.

Wie groß ist Ihre Konfliktlösungspraxis denn?
Die überwiegende Anzahl unserer Partner ist auch in streitigen Mandaten tätig. Rund ein Drittel der Arbeit in unseren Kernbereichen sind streitgetrieben. Konfliktlösung gehört seit jeher zur DNA von SZA. Auch das ist ein Grund, warum wir die prozessrechtliche Expertise gezielt bei unserem Nachwuchs fördern. Dass wir uns in den vergangenen Jahren ganz bewusst mit Partnern verstärkt haben, die einen klaren Litigation-Schwerpunkt haben, ist Teil unserer strategischen Ausrichtung.

Sehen Sie denn mehr Wachstumspotenzial in der Litigation als in der SZA-typischen Corporate-Beratung?
Ich denke, der Bedarfsanstieg verläuft synchron. Es sind zwei enorm wichtige Bereiche, die eng mit unserer Tätigkeit im Bereich Kapitalmarktrecht und Compliance verbunden sind. Besonders verstärkt haben wir in den vergangenen Jahren auch unsere Transaktionspraxis, was sich bereits jetzt auszahlt. Das gilt auch für unser Team in München. Für Litigation gehen wir davon aus, dass die kollektive Schadensverfolgung auch in den kommenden Jahren deutlich ansteigen wird.

Auf welcher Basis denn?
Denken Sie nur an die Datenschutz-Grundverordnung. Oder an die Entwicklung, die wir gegenwärtig in den Niederlanden beobachten – allem voran die jüngste Entscheidung gegen Shell im Bereich Klimaschutz. Das dürfte sich auf alle europaweit tätigen Unternehmen auswirken und auch nicht ohne Folgen für Deutschland bleiben. Auf dieser Linie liegt auch die EU-Verbandsklagerichtlinie, die Sammelklagen auf Schadensersatz ermöglichen wird.

Und welcher Bereich könnte ähnlich wachsen in den kommenden Jahren?
Alle aufsichtsrechtlich kontrollierten Bereiche stehen derzeit im Fokus. Die BaFin hat nach dem Wirecard-Skandal zurecht ihre Wachsamkeit erhöht. Das mündet jetzt schon in eine wachsende Zahl an Compliance-Untersuchungen, Insider- und Ad-hoc-Streitigkeiten. Und es setzt sich bei den Gremienbesetzungen fort. Im Versicherungs- und Gesundheitssektor wiederum zeigte die Pandemie, wie schnell sich schwarze Schafe in der Krise tummeln. All das aufzuarbeiten, wird noch Jahre dauern.

Das Gespräch führte Sonja Behrens.

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