JUVE: Sie haben im Sommer 2022 ein Büro im Metaverse eröffnet. Wie viele Besucher haben Sie dort?
Marc Geiger: Wir zählen dort nicht jeden Besucher einzeln. Jedenfalls kann dort ganz schön was los sein. Während der Fashionweek waren die Straßen voll mit verrückten und bunten Avataren. An Wochenenden legen beispielsweise bekannte DJs in Decentraland auf und es finden Konzerte oder Ausstellungen statt. Da ist schon mitunter Trubel angesagt.
Das Grundstück zum virtuellen Büro liegt auf der Plattform Decentraland, die auch einen eigenen Law District hat. Hat sich diese Plattform für Sie bewährt?
Das Spannende an Decentraland ist, dass sie als Paradebeispiel für die Idee des Metaverse steht. Eine offene virtuelle Welt mit dezentraler Datenhaltung und einfachem Zugang. Allerdings muss sich die Plattform auch weiterentwickeln und aktuell wartet die Community auf ein größeres Grafik- und Funktionsupdate. Neben Decentraland als ‚Homebase‘ nutzen wir allerdings auch weitere digitale Plattformen, wie beispielsweise Spatial oder Horizon Workrooms, eben die Plattform, die unsere Anforderung am besten erfüllen kann.
Haben Sie schon Mandate im Metaverse akquiriert, und werden Sie dann auch in virtueller Währung bezahlt?
Nein, wir machen keine Mandatsakquise als Avatar und wir lassen uns auch nicht in Kryptowährung bezahlen. Wir gehen aber mit Mandanten in die virtuelle Welt und leisten dabei auch Aufklärungsarbeit. Spätestens beim Thema Markenschutz wird erkannt, dass dieses Thema doch vielschichtiger ist, als zuvor vermutet. Was uns vielleicht von Mitbewerbern unterscheidet ist, dass wir inzwischen viel praktische Erfahrung gesammelt haben und diese an unsere Mandanten weitergeben. Und wenn wir vom Thema Metaverse sprechen, meinen wir auch explizit Themen wie Web3, Virtual Reality, Augmented Reality, Tokenisierung und in Teilen auch KI.
Können Sie ein Beispiel-Mandat nennen, bei dem das Metaverse eine Rolle gespielt hat?
Wir haben jüngst Ritter Sport beim Launch der ersten NFT-Kollektion rechtlich und strategisch beraten, die innerhalb von acht Stunden ausverkauft war. Es gibt noch weitere tolle Mandate, über die in den nächsten Wochen und Monaten noch Spannendes zu lesen sein wird. Auch wenn das Thema Metaverse in den Medien etwas in den Hintergrund gerückt ist, ist es doch für viele Top-Unternehmen weiterhin eines der großen Themen der Zukunft.
Wie viele der Gleiss-Anwälte sind regelmäßig im Metaverse-Büro?
Sie können jeden unsere Anwälte im Metaverse treffen, Sie brauchen eben nur einen Termin. Das Metaverse-Büro dient uns als weiterer Kommunikationskanal mit unseren Mandanten. Mit Prof. Dr. Eric Wagner haben wir auch einen festen Resident Partner. Mein Team stimmt sich zu allen operativen Themen mit ihm ab. Viele der Themen mussten wir uns selbst erarbeiten, was eine Vorreiterrolle eben mit sich bringt.
Wie groß ist Ihr Legal-Operations- und Legal-Tech-Team, und wie setzt es sich zusammen?
Das Legal-Operations und Legal-Tech-Team besteht aus 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und ist multidisziplinär aufgestellt. Hierzu gehören Wirtschaftsjuristen, Informatiker, Datenanalysten, Betriebswirte sowie auch Rechtsfachwirte und Rechtsanwälte. Dieser Mix ist es, der uns innovativ macht. Ein Schwerpunkt liegt in den Bereichen Legal Tech und digitale Lösungen, aber auch in der Produktentwicklung und dem Support in großen Mandaten. Der andere Kernbereich liegt in der Optimierung der Arbeitsprozesse in den Referaten, im gesamten Practice Management sowie im Riskmanagement und der internen Compliance.
Sie sind Wirtschaftsjurist und seit 20 Jahren bei Gleiss Lutz. Wie hat sich Ihr Aufgabenzuschnitt über die Jahre verändert?
Die Zeit von damals und heute ist schwer vergleichbar. Vor 20 Jahren wurde ich mit der Idee eingestellt, unser Kanzleimanagement in der Umsetzung von Projekten zu unterstützen. Aus der damaligen ‚ein Mann-Abteilung‘ ist heute die Business Service Unit ‚Legal Operations & Business Technologies‘ mit 90 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geworden. Die digitale Transformation spielt inzwischen eine tragende Rolle und Legal Operations sowie Legal Tech sind harte Wettbewerbsfaktoren. Aktuell beschäftigen wir uns besonders mit Generative AI und vollautomatisierten juristischen Workflows. Die Themen werden also von Jahr zu Jahr mehr, und von Jahr zu Jahr wichtiger.