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28.08.2009

Das Ende einer Ära: Hengeler übernimmt von Freshfields beim VW/Porsche-Übernahmekampf die Führungsrolle

In den vergangenen Jahren hatte es Freshfields Bruckhaus Deringer ziemlich bequem gehabt bei Porsche. Die Top-Kanzlei beriet sowohl die Familienaktionäre Piëch und Porsche als auch die Dachgesellschaft Porsche SE exklusiv. Doch damit ist es nun vorbei. Denn seit Ende Mai hat mit Hengeler Mueller noch eine weitere Topkanzlei direkten Zugang zum Innersten der Porsche SE.Ganz offiziell ist nämlich, dass Hengeler das Unternehmen bei den Verhandlungen zum Zusammengehen mit dem VW-Konzern begleitet, während Freshfields zu den bestehenden Finanzverträgen, zum Steuerrecht und dem Kartellrecht berät. Die wichtigsten Bereiche der Riesentransaktion liegen damit aber in Hengeler-Händen.

Die Nerven waren zum Zerreißen gespannt zwischen VW und Porsche in ihrem seit Wochen andauernden Übernahmekampf. „Es geht schließlich nicht nur um Milliarden. Es geht um alles. Die Zukunft von Porsche und VW steht auf dem Spiel“, sagt ein an den Verhandlungen zwischen den beiden Traditionsunternehmen beteiligter Jurist. „Ich bin zuletzt jede Nacht erst um 3 Uhr nach Hause gekommen. Wir haben manchmal 15 Stunden getagt. Das ist eine absolute Krisensituation bei Porsche“, sagt er.

Angespannt bleibt die Stimmung auch jetzt, wo zumindest der Kampf um die Vorherrschaft in einem künftigen gemeinsamen Unternehmen zwischen den beiden Autobauern zugunsten VW entschieden ist. Sie bleibt es unter den Juristen vor allem auch dann, wenn es um die neue Rollenverteilung der Berater an der Seite von Porsche geht. Kaum einer der Beteiligten möchte darüber sprechen, und wenn doch, dann möchte er auf keinen Fall namentlich genannt werden.

Hengeler jedenfalls wird mindestens im stillen Kämmerlein jubeln über ihr neues Renommiermandat. Denn zuvor war die Kanzlei kaum einmal öffentlich an der Porsche-Seite aufgetreten. Hengelers Arbeit blieb auf die Beratung bei kleineren Fragen und konzernrechtliche Gutachten beschränkt. Ihr blieb aber meist nur die Second Opinion, während Freshfields die Entscheidungsträger in Form der Familienaktionäre und der Holding SE beriet.
Dann aber hatte Porsche unter ihrem Vorstandsvorsitzenden Wendelin Wiedeking eine kühne und vor weniger als einem Jahr auch durchaus realistische Vision. Der Stuttgarter Sportwagenhersteller wollte den viel größeren VW-Konzern übernehmen.

Unter großem Protest des Landes Niedersachsens, das aufgrund des VW-Gesetzes faktisch eine Sperrminorität in dem Konzern hat, stockte Porsche seine Anteile an VW sukzessive auf und übernahm die Mehrheit von 51 Prozent des Stammkapitals. Doch daran verhob sich der schwäbische Autobauer finanziell gründlich.

Der Porsche-Miteigentümer und VW-Aufsichtsratschef in Personalunion, Ferdinand Piëch, lieferte sich mit Wiedeking einen monatelangen Machtkampf, weil sie sich nicht auf eine Lösung über den Ausweg aus der Schuldenlast einigen konnten. Wiedeking hielt an seinem Plan fest und beabsichtigte, das Problem mittels Investoren wie dem Golfemirat Katar über dessen Staatsfonds Qatar Investment Authority und einer Kapitalerhöhung zu lösen. Piëch wollte, dass die Porsche im VW-Konzern als eigenständige Marke aufgeht. Das Ergebnis ist bekannt: Auch wenn Wiedeking sich mit einigen seiner Forderungen durchsetzte, es eine Kapitalerhöhung geben und Katar einsteigen wird, letztlich gewann Piech, Porsche wird unter dem VW-Dach in den Konzern integriert. Wiedeking, bedacht mit einer Abfindung von 50 Millionen Euro, und der Finanzvorstand Holger Härter mussten gehen. Die weiteren Verhandlungen über den Zusammenschluss sind in vollem Gange, die Grundsatzvereinbarung für einen integrierten Autokonzern aus Porsche SE und Volkswagen AG soll noch im August stehen. Bis 2011 soll die Fusion schrittweise vollzogen sein.

Wie bei Mißerfolgen üblich, ruft auch der gescheiterte Versuch Porsches, die Macht über VW zu gewinnen, unweigerlich Kritiker auf den Plan. Denn es gibt Beobachter, die genau darin den Grund sehen, warum nun Hengeler das Zepter bei der Porsche SE schwingt. „Nach der gescheiterten Übernahme von VW durch Porsche hatte Freshfields keinen Plan B dafür in der Tasche, was geschehen soll, wenn das VW-Gesetz nicht abgeschafft wird. Deshalb sind die aus der Transaktion jetzt raus“, sagt ein Beobachter. Außerdem habe mancher Entscheidungsträger in der SE den Verdacht gehegt, dass die Beratung von Freshfields interessengelenkt sei. Schließlich berate die Kanzlei ja auch die Familienaktionäre, durch Dr. Stephan Waldhausen und vor allem den Wiener Partner Dr. Günther Horvarth, der auch als persönlicher Berater Wolfgang Porsches gilt.

Anders äußern sich dagegen Stimmen aus Porschekreisen selbst. Dass das VW-Gesetz nicht wie erhofft gekippt worden sei, habe keineswegs zur Mandatierung von Hengeler geführt. Denn an der Arbeit von Freshfields habe es bislang nichts auszusetzen gegeben, ist zu hören. Im Gegenteil, Porsche sei mit der Beratung immer sehr zufrieden gewesen. Der Grund, eine weitere Kanzlei zu mandatieren liege vielmehr darin, dass man den Anschein einer Interessenkolllision vermeiden wolle, da Freshfields auch die Familienaktionäre berate. Auf Hengeler sei die Wahl gefallen, weil die Kanzlei Porsche seit Jahren in kleineren Mandaten beraten habe und dabei immer eine exzellente Leistung abgeliefert habe.

Konflikte wurden tatsächlich unumgänglich, meinen wiederum andere Beobachter. Deshalb habe Porsche Hengeler, wenn auch erst ziemlich spät, hineingeholt. „Freshfields hatte es zuvor immer gut geschafft, einen Gleichklang bei der Beratung der SE und der Familie hinzubekommen, sagen diese Stimmen. „Aber wenn es nun um harte Themen und Verhandlungen geht, ist es einfach besser, dass die Gesellschaft eigene Anwälte hat“. Hengeler sei letztlich mit im Boot, um die Interessen der SE gegenüber der Familie zu vertreten.

Eine explosive Stimmung zwischen den Hengeler- und Freshfields-Anwälten gebe es aber in der neuen Konstellation nicht. Im Gegenteil, die Zusammenarbeit zwischen den beiden Kanzleien laufe dabei konstruktiv, sagt ein Freshfields-Anwalt, auch wenn seine Kanzlei bei der SE zurzeit insgesamt nur noch die zweite Geige spiele. „Der Austausch funktioniert auf fachlicher Ebene. Die brauchen keinen Rat von uns“. Auch bei Hengeler lobt man eine reibungslose Zusammenarbeit.

Immer im Zentrum der derzeitigen Marathon-Sitzungen sind vor allem das Team um den Düsseldorfer Partner Dr. Andreas Austmann für die Porsche SE und Dr. Stephan Waldhausen für die Porsche-Familienaktionäre. Sie sehen sich dabei den Clifford Chance-Anwälten Dr. Wolfgang Richter und Johannes Perlitt auf der VW-Seite gegenüber.

Auch nach der Entscheidung über die grundsätzliche Vorherrschaft in dem neuen Superkonzern sind sie jetzt immer wieder dabei, wenn sich Unternehmensvertreter, Porsches Eigentümerfamilien, der VW-Aktionär Niedersachsen und die Arbeitnehmer treffen. Denn die Herausforderungen sind gewaltig: Porsches Schulden sollen abgebaut werden, VW darf sich bei der Übernahme nicht verheben, eine mögliche Kapitalerhöhung muss geregelt werden muss, ebenso wie die Beteiligung der Arbeitnehmer und der bevorstehende Einstieg des Emirats Katar am neuen Konzern.

Unbequemere Zeiten sind für Freshfields in jedem Fall auch langfristig angebrochen, wie der neue gemeinsame VW/Porsche-Konzern auch immer konkret ausgestaltet sein wird. Denn die große Rivalin Hengeler hat jetzt nicht nur einen Fuß in der Tür bei Porsche. Sie hat sich durch die aktuelle Arbeit in Teilbereichen sogar schon ein Wissensvorsprung über die Gesamtsituation im Unternehmen angeeignet, wie selbst Freshfields zugibt. Ein Pfund, mit dem Hengeler auch in der Zukunft wuchern könnte.

Vielleicht wird sich aber auch ein lachender Dritter langfristig noch weiter in den Vordergrund schieben: Clifford. Die Kanzlei ist für VW schon seit Zeiten der Vorgängerkanzlei Pünder Volhardt Weber & Partner aktiv. So betreute sie etwa Mitte der 1990er Jahre den damaligen VW-Manager José Ignacio Lopez. Heute steht die Kanzlei der Mandantin im M&A-Bereich, aber auch im Gesellschafts- und Kapitalmarktrecht umfangreich zur Seite. Und beim Streit um das VW-Gesetz vor der EU-Kommission beriet sie die Bundesregierung (JUVE 12/07), um das umstrittene Gesetz zu retten.

Gut möglich jedenfalls, dass Clifford als Beraterin in dem entstehenden Superkonzern noch wichtiger wird. Schließlich sind die Berater des übernehmenden Unternehmens oft auch diejenigen, die dann für den Gesamtkonzern mandatiert werden. Andererseits soll Porsche nach derzeitigem Stand wie Audi eine eigenständige Tochter im VW-Konzern bleiben. Das spräche dafür, dass die Porsche-Beraterliste auch bleiben könnte, wie sie ist. Klar scheint nur, dass derzeit nichts klar ist. „Was nach der Transaktion geschieht, weiß niemand“, sagt einer bei Porsche. (Lars Hering)

Berater Porsche SE
@Hengeler Mueller (Düsseldorf): Dr. Andreas Austmann (Federführung), Dr. Gerd Sassenrath (Corporate), Dr. Carsten Schapmann (Corporate), Dr. Ernst-Thomas Kraft (Steuerrecht; Frankfurt)
@Freshfields Bruckhaus Deringer (Frankfurt): Dr. Thomas Bücker, Dr. Christoph von Bülow (beide Gesellschaftsrecht), Wilfried Schaefer (Steuerrecht), Dr. Andreas König (Finanzrecht), Dr. Andreas von Bonin (Kartellrecht; Brüssel)
@Inhouse (Stuttgart): Dr. Konrad Wartenberg (Leiter Porsche-Rechtsabteilung)

Berater Familienaktionäre Porsche
@Freshfields Bruckhaus Deringer: Dr. Günther Horvath (Wien), Dr. Stephan Waldhausen (beide Gesellschaftsrecht; Düsseldorf)

Berater Wolfgang Porsche
@Lovells (Düsseldorf): Dr. Christian Eichner (Federführung/Gesellschaftsrecht), Dr. Kerstin Schmidt (Arbeitsrecht), Andreas Ege (Arbeitsrecht; München); Associates: Guido Brockhausen, Dr. Murad Mustafa Daghles, Dr. Sabine Kamp (alle Gesellschaftsrecht), Dr. Heiko Gemmel (Steuerrecht)

Berater Wendelin Wiedeking
@Gleiss Lutz (Stuttgart): Dr. Jobst-Hubertus Bauer; Associate: Dr. Christian Arnold (beide Arbeitsrecht)

Berater Holger Härter
@Gleiss Lutz (Stuttgart): Dr. Martin Diller (Arbeitsrecht)

Berater Uwe Hück
@Ladenburger Neifeind Schmücker & Homann (Pforzheim): Dr. Christoph Bühler, Dr. Felix Ladenburger (beide Gesellschaftsrecht/Arbeitsrecht); Associate: Dr. Henrike Vincon (Gesellschaftsrecht)

Berater VW
@Clifford Chance (Frankfurt): Dr. Wolfgang Richter, Johannes Perlitt – aus dem Markt bekannt
@KPMG Law (Frankfurt): Dr. Volker Balda, Nicole Baumeister (beide Due Diligence) – aus dem Markt bekannt
Inhouse (Wolfsburg): Dr. Michael Ganninger – aus dem Markt bekannt

Berater Betriebsrat-Arbeitnehmervertreter im VW-Aufsichtsrat
White & Case (München): Dr. Christoph von Einem, Dr. Ines Buermeyer (beide M&A) – aus dem Markt bekannt

Berater Land Niedersachsen
@CMS Hasche Sigle (Hamburg): Dr. Christian von Lenthe (Federführung; Gesellschaftsrecht), Dr. Heino Büsching (Federführung; Steuerrecht), Dr. Hendrik Drinkuth, Dr. Michael Bauer (Kartell- und EU-Recht), Dr. Eva Annett Grigoleit (Gesellschaftsrecht), Dr. Fritz von Hammerstein, Dr. Hermann Müller, Dr. Christian Scherer-Leydecker (alle Öffentliches Recht); Associates: Dr. Janne Great Barrelet (Steuerrecht), Arne Burmester, Dr. Rainer Herzog (beide Gesellschaftsrecht), Dr. Wolfram Schwetzel (Öffentliches Recht; Köln), Dr. Matthias Nordmann (Kartell- und EU-Recht; Brüssel), Dr. Winfried Veil (Öffentliches Recht)
Inhouse (Niedersächsische Staatskanzlei; Hannover): Dr. Mathias Middelberg, Dr. Ines Ahlmann-Otto

Berater Qatar Investment Authority
@Shearman & Sterling (Frankfurt): Dr. Roger Kiem – aus dem Markt bekannt

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