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25.02.2020

„Kein Ruhmesblatt“: Freshfields zeigt sich in Sachen Cum-Ex erstmals selbstkritisch

Nachdem Freshfields Bruckhaus Deringer monatelang jede Verantwortung zur Cum-Ex-Beratung von sich gewiesen hat, gab es nun ein erstes zaghaftes Signal einer Selbstkritik. Managing-Partner Dr. Stephan Eilers sprach mit der Wochenzeitung ,Die Zeit‘. Das ist einerseits ein Signal an die Vorstände in Unternehmen, aber auch eines, das nach innen strahlt, an die Anwälte und Mitarbeiter. Ein Kommentar von Antje Neumann.

„Die Beratung im Cum-Ex-Kontext ist sicher kein Ruhmesblatt.“ Das sagte der oberste Managing-Partner von Freshfields, Dr. Stephan Eilers, im Gespräch mit der Wochenzeitung ,Die Zeit‘. Damit gibt es von der Kanzlei erstmals eine öffentliche Stellungnahme, die von der bisherigen Linie abweicht. Lange hatte sie sich auf die Aussage beschränkt, man sei „zuversichtlich, dass die rechtliche Beratung nicht zu beanstanden“ war. Dass Eilers für die erste, zumindest leise selbstkritische Äußerung die renommierte Wochenzeitung wählte, macht deutlich, dass es neben der strafrechtlichen Aufarbeitung und der Diskussion um Schadensersatzforderungen früherer Auftraggeber – zu denen sie sich weiterhin nicht äußert – noch eine weitere Baustelle gibt. Die reelle Sorge um Reputationsschäden hat offensichtlich dazu geführt, die Kommunikationsstrategie zu überdenken.

Der zeitliche Zusammenhang zwischen dem ,Zeit‘-Artikel und der Infineon-Hauptversammlung am vergangenen Donnerstag dürfte kein Zufall sein. Ein Aktionär des Chipherstellers hatte dem Vorstand vorgeworfen, gegen den internen Code of Conduct verstoßen zu haben – weil er Freshfields trotz der Cum-Ex-Ermittlungen für die geplante Übernahme des US-Wettbewerbers Cypress Semiconductor mandatiert hatte. Das Selbstverständnis, eine der besten Kanzleien der Welt zu sein und höchste Ansprüche an das Berufsethos und Integrität als Anwälte sowie die Qualität der professionellen Arbeit zu stellen, passt nicht damit zusammen, dass sich Mandanten öffentlich rechtfertigen müssen, wenn sie Freshfields beauftragen.

Am Ende haben die Vorwürfe im Rahmen der Hauptversammlung keine hohen Wellen geschlagen, doch eins ist klar: Das Thema der Dienstleister-Due-Diligence ist in der Rechtsberatung angekommen. Infineon sah sich genötigt zu erklären, dass „die Integrität der für die Gesellschaft tätigen Anwälte unabdingbar“ sei und keiner der für Infineon tätigen Freshfields-Anwälte in den Cum-Ex-Komplex involviert gewesen sei.

Doch Eilers‘ öffentliche Erklärung ist mehr als ein Signal an die Vorstandsvorsitzenden der Unternehmen. Sie ist zugleich ein längst überfälliges Zeichen nach innen und entscheidend für die stets so hochgelobte Kanzleikultur bei Freshfields. Mitarbeiter und Partner durften sich bisher trotz der Empörung in der öffentlichen Diskussion nur in starren Worthülsen äußern, wenn sie auf Cum-Ex angesprochen wurden. Das ist eine nur schwer erträgliche Situation. Beim Wechsel in andere Kanzleien mussten sie teils sogar schriftlich erklären, nicht an Cum-Ex-Mandaten mitgearbeitet zu haben. Anwälte, die sich um Aufträge bewerben, müssen versichern, dass sie nicht in den Komplex involviert waren – wie offenbar auch gegenüber Infineon. Nach dem öffentlichen Eingeständnis ihres Chefs dürfen nun auch Anwälte und Mitarbeiter sich und anderen gegenüber eingestehen, dass die Cum-Ex-Beratung moralisch angreifbar war. Erst auf der Grundlage einer solchen Diskussion kann verbesserte Compliance künftig nachhaltig greifen und Vertrauen wieder wachsen. (Antje Neumann)

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