Artikel drucken
02.07.2021

Schutzschirm im Bahnverkehr: Abellio wird ein Fall für die Insolvenzrechtler

Das Bahnunternehmen Abellio Deutschland muss saniert werden. Die vor allem in Ostdeutschland, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg tätige Firma teilte mit, dass sie ein Schutzschirmverfahren beim Amtsgericht Berlin-Charlottenburg beantragt habe. Neben Flöther & Wissing sind noch weitere Kanzleien in die Sanierungsbemühungen eingebunden.

Lucas Flöther

Lucas Flöther

Die Kanzlei Flöther & Wissing berät Abellio insolvenzrechtlich. Ihr Leipziger Namenspartner Prof. Dr. Lucas Flöther steigt mit einer Generalvollmacht in die Geschäftsleitung der Bahngesellschaft ein. Er wird dabei insolvenzrechtlich unterstützt von den Associates Pia Erdmann und Dr. Florian Eckelt aus Halle. Abellio hatte sich schon vor der Antragstellung um Landeshilfen bemüht. Im Beihilferecht berät sie Dr. Alexander Csaki, Münchner Partner von Bird & Bird, gemeinsam mit dem dortigen Associate Ferdinand Sieber. Im Markt ist bekannt, dass Abellio als Unternehmen aus einer der Schwerpunktbranchen der Kanzlei schon seit über zehn Jahren zu ihren Mandanten im Vertrags-, Vergabe- und Beihilferecht zählt.

Die insolvente deutsche Abellio ist eine Tochter der Abellio Transport Holding aus Utrecht. Diese Holding koordiniert die hauptsächlich britischen und deutschen Auslandsaktivitäten der niederländischen Staatseisenbahn Nederlandse Spoorwegen im Personenverkehr. Die Staatseisenbahn und die niederländische Holding werden als Anteilseigner bei Abellio seit April von Watson Farley & Williams aus Hamburg beraten, namentlich dem Kreditrechtspartner Dr. Klaus Schmid-Burgk in der Federführung. Der Partner Dr. Clemens Hillmer und der Associate Justus Langelittig unterstützen ihn dabei ebenso wie der Steuerrechtspartner Gerrit Bartsch.

Klaus Schmid-Burgk

Klaus Schmid-Burgk

Die Organe von Nederlandse Spoorwegen lassen sich nach Angaben Beteiligter zudem von Hengeler Mueller beraten. Der erfahrene Frankfurter Restrukturierungspartner Dr. Daniel Weiß pflegt gute Kontakte in die Niederlande und berät zusammen mit dem Associate Dr. Markus Reps unter anderem wohl den Aufsichtsrat.

Über sechs Gesellschaften der Abellio hat die Kanzlei Eckert aus Hannover die vorläufige Sachwaltung übernommen. Sachwalter der operativen Gesellschaften Abellio Rail NRW in Hagen, Abellio Rail Mitteldeutschland in Halle, Abellio Rail Baden-Württemberg in Stuttgart sowie WestfalenBahn in Bielefeld ist der Namenspartner Dr. Rainer Eckert. Die Partnerin Dr. Stefanie Zulauf wurde vom Gericht für die Gesellschaft PTS bestellt, die Reinigungs- und Sicherheitsdienstleistungen erbringt. Die Sachwaltung bei der Holding Abellio übernimmt Partner Stephan Poppe aus Halle, der wie Zulauf regelmäßig am Amtsgericht Charlottenburg bestellt wird.

Daniel Weiß

Daniel Weiß

Die Abellio ist schon seit Langem unter Druck und verbucht Verluste. Inhouse berät Dr. Thilo Scholl das Unternehmen in Berlin als General Counsel. Abellio begründet die angespannte finanzielle Situation mit „massiven Kostenentwicklungen, die nicht ausreichend von den einzelnen Verkehrsverträgen gedeckt sind“. Dabei verweist die Firma unter anderem auf höhere Personalkosten und Baustellenfolgekosten – damit gemeint sind Schienenersatzverkehre und Strafzahlungen wegen Zugausfällen oder nicht erreichter Pünktlichkeitsvorgaben. Solche Mehrkosten seien nicht vorhersehbar gewesen, als Abellio die Verkehrsverträge mit den Aufgabenträgern für den Schienenpersonennahverkehr (SPNV) unterschrieben habe, argumentiert das Unternehmen.

Rainer Eckert

Rainer Eckert

In den Verhandlungen mit den Verkehrsverbünden versuchte Abellio, die Lage für sich zu verbessern und forderte von mehreren Bundesländern Nachzahlungen für den weiteren Betrieb. Doch die Verhandlungen führten für die Firma nicht zum gewünschten Ergebnis, daher entschied sie sich zum Gang vor das Amtsgericht.

In den Gläubigerausschüssen der operativen Gesellschaften vertritt Dr. Martin Heidrich von Taylor Wessing die Kleingläubiger. Die über ihre Landesverkehrsgesellschaften involvierten Bundesländer berät dem Vernehmen nach der gesellschaftsrechtlich in Restrukturierungen erfahrene Stuttgarter Luther-Partner Gunnar Müller-Henneberg. Für die Länder Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg soll zudem Heuking Kühn Lüer Wojtek mit der Düsseldorfer Beihilferechtspartnerin Dr. Ute Jasper und dem Münchner Insolvenzrechtspartner Prof. Dr. Georg Streit aktiv sein. GvW Graf von Westphalens Berliner Partner Ansgar Hain, selbst auch als Insolvenzverwalter erfahren, berät wohl Gläubiger der insolventen mitteldeutschen Tochtergesellschaft.

Abellio hat nach eigenen Angaben rund 3.100 Beschäftigte in Deutschland, seine 52 Zuglinien fahren vor allem in Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Baden-Württemberg. (Ludger Steckelbach; mit Material von dpa)

  • Teilen