Artikel drucken
08.12.2017

Loveparade-Unglück: Verteidigerriege wächst zum Prozessauftakt auf 32

Das Landgericht Duisburg hat sieben Jahre nach dem Loveparade-Unglück mit der strafrechtlichen Aufarbeitung der Ereignisse vom Sommer 2010 begonnen. Damals waren 21 Besucher des Technofestivals in dichtem Gedränge ums Leben gekommen, 652 wurden verletzt. Das Gericht muss nun klären, ob vier Mitarbeiter des Veranstalters und sechs Angestellte der Stadt Duisburg schwerwiegende Fehler bei der Planung des Festivals gemacht haben und deshalb unter anderem wegen fahrlässiger Körperverletzung mit Todesfolge zur Verantwortung gezogen werden. (Az. 36 KLs 10/17)

Eva Racky

Eva Racky

53.000 Seiten Gerichtsakten, 1.000 Ordner mit Beweismaterial, Hunderte von Stunden Videomaterial, 32 Verteidiger, 10 Anklagte, 60 Nebenkläger und ihre 35 Anwälte – allein die Zahlen stehen für die Ausmaße, die das Strafverfahren um die Loveparade 2010 in Duisburg angenommen hat. Man spricht von einem der größten Prozesse der deutschen Nachkriegszeit.

Das Landgericht Duisburg hat für den Prozess aus Platzgründen eine Halle des Kongresszentrums in Düsseldorf angemietet, in dem 500 Menschen Platz finden. Außer den Prozessbeteiligten werden auch zahlreiche Angehörige und Besucher der damaligen Veranstaltung als Zuhörer erwartet.

Enges Zeitkorsett – Verjährung droht

Das Gericht steht also nicht nur vor der schwierigen Aufgabe, strafrechtliche Schuld oder Unschuld für jeden der Angeklagten zu definieren. Der Vorsitzende Richter muss auch bei der komplexen Führung durch die Hauptverhandlung stets die Bälle in der Luft halten, um den Prozess straff zu organisieren, ohne gleichzeitig Revisionsgründe zu verursachen. Eine Aufgabe, die durchaus mit der des Vorsitzenden Richters im NSU-Prozess, Manfred Götzl, zu vergleichen ist. Hinzu kommt der Faktor Zeit: Anders als im NSU-Prozess sind der Verhandlung in Duisburg enge Grenzen gesetzt. Wenn bis Sommer 2020 kein Urteil fällt, verjähren die Vorwürfe.

Die umfangreichen Ermittlungen sind ein Grund für die lange Zeit bis zum Prozessauftakt heute. Hinzu kam, dass die 5. Strafkammer des LG Duisburg die Anklage zunächst nicht zugelassen hatte. Nach Intervention des Oberlandesgerichts Düsseldorf setzt sich nun die 6. Strafkammer mit dem Verfahren auseinander.

 
Björn Gercke

Björn Gercke

Vertreter J. D.
Wessing & Partner (Düsseldorf): Dr. Ingo Bott
Julia Vogt (Düsseldorf; Pflichtverteidigerin)

Vertreter A. G.
Park (Dortmund): Dr. Tobias Eggers; Associate: Dr. Julia Geschke

Vertreter R. D.
Kaps + Lützenkirchen (Wuppertal): Michael Kaps, Manuela Lützenkirchen
Thomas Deckers Wehnert Elsner (Düsseldorf): Dr. Stephan Voigtel

Vertreter R. J.
Albert + Piel (Düsseldorf): Joachim Albert, Hannah Piel
Luther (Essen): Dr. Gerd-Ulrich Kapteina

Vertreter P. G.
Dierlamm (Wiesbaden): Eva Racky, Katharina Kolbe (beide Federführung), Prof. Dr. Alfred Dierlamm; Associate: Dr. Manuel Lorenz

Vertreter U. B.
Strafverteidigerbüro (Köln): Christof Püschel; Associate: Dr. Alexander Paradissis
Reims Seebode Röhrig Peveling Donay Graf Lillig (Köln): Gottfried Reims

Vertreter K. S.
Gercke Wollschläger (Köln): Prof. Dr. Björn Gercke, Dr. Kerstin Stirner; Associate: Andreas Grözinger
Carolin Warner (Bonn)

Tobias Eggers

Tobias Eggers

Vertreter L. W.
Römermann: Prof. Dr. Volker Römermann (Hannover), Dr. Philip von der Meden (Hamburg)
Ioannis Zaimis (Berlin)
Gubitz und Partner (Hamburg): Dr. Ole-Steffen Lucke (Pflichtverteidiger)

Vertreter G. S.
Dr. Marc Kaulfuß (Essen)
Ruth Fischer (Essen)
Lina Schuster (Essen)

Vertreter J. S.
Hoemann Schmitt Schwab Schenk Muzikant (Duisburg): Heinz Schmitt
Oliver Ufermann (Duisburg)
Wolfram Hemkens (Krefeld)

Nebenklagevertreter (Auswahl)
Baum Reiter & Kollegen (Düsseldorf): Prof. Dr. Julius Reiter, Gerhart Baum
Janssen + Maluga (Düsseldorf): Prof. Dr. Gerhard Janssen
Prof. Dr. Thomas Feltes (Bochum)
Bärbel Schönhof (Bochum)

Staatsanwaltschaft Duisburg
Jens Hartung (Oberstaatsanwalt), Uwe Mühlhoff (Oberstaatsanwalt), Christian Seiffge

Volker Römermann

Volker Römermann

Landgericht Duisburg, 6. Große Strafkammer
Mario Plein (Vorsitzender Richter)

Hintergrund: Für die Bewältigung des gigantischen Prozesses hat auch die Verteidigerseite noch einmal aufgestockt. Beinahe jeder der zehn Angeklagten hat zur Hauptverhandlung noch einen dritten oder vierten Verteidiger hinzu genommen und setzt nun zum Teil auch auf renommierte und bundesweit tätige Wirtschaftsstrafrechtler.

In der Düsseldorfer Strafrechtsboutique Wessing ging die Prozessführung von Prof. Jürgen Wessing und Matthias Dann an Bott über. Er ist seit 2012 bei Wessing und zum Januar diesen Jahres Partner geworden. Ebenfalls aus Düsseldorf kam für einen weiteren Angeklagten vor einigen Monaten der Thomas Deckers-Partner Voigtel hinzu und verstärkt nun eines der Stammverteidigerduos.

Auch die Dortmunder Kanzlei Park hat für die Verhandlung eine ihrer Associates hinzu gezogen. Zur Hauptverhandlung hat Namenspartner Dr. Tido Park die Federführung an seinen Partner Eggers übergeben. Die Frankfurter Boutique Dierlamm ist mit zwei Dritteln ihrer Kanzleibelegschaft im Einsatz. Die Federführung liegt bei den Partnerinnen Kolbe und Racky.

Interessante Verstärkung haben sich die Strafrechtler Albert und Piel geholt: Ihnen und dem Angeklagten zur Seite steht nun der Bau- und Planungsrechtler Kapteina, seit Sommer 2016 Partner im Essener Büro von Luther. Er soll für die bau- und planungsrechtliche Kompetenz im Verteidigerteam sorgen, einem Thema, das bei der Beurteilung möglicher Planungsfehler von großer Bedeutung sein wird.

Die Kölner Strafrechtler um Namenspartner Gercke von Gercke Wollschläger sind ebenfalls mit drei Anwälten vor Ort. Hinzu gekommen ist mit Warner eine ehemalige Associate von Eimer Heuschmid Mehle. Sie arbeitet seit Anfang des Jahres mit zwei weiteren Strafverteidigerinnen in einer Bürogemeinschaft in Bonn. Gercke kennt Warner noch als Mitverteidigerin aus dem Bonner WCCB-Verfahren.

Gerd-Ulrich Kapteina

Gerd-Ulrich Kapteina

Ein weiterer Angeklagter hat eine Riege aus Hamburger Verteidigern mandatiert. Zusätzlich zu den Anwälten von Römermann und dem ehemaligen Römermann-Anwalt Zaimis kam noch der Hamburger Strafverteidiger Lucke hinzu. Der ehemalige Associate von Strate und Ventzke hatte im Juli für die Kieler Boutique Gubitz ein Büro in Hamburg eröffnet.

Bereits seit Beginn des Ermittlungsverfahrens berät die Düsseldorfer Strafrechtlerin Renate Verjans von VBB Rechtsanwälte die Stadt Duisburg zu den Loveparade-Vorgängen.

Aufseiten der Nebenklage, die mit insgesamt knapp 40 Opfern oder Angehörigen im Prozess vertreten sein wird, finden sich renommierte Klägerberater wie Baum Reiter, Janssen und Prof. Feltes von der Ruhr-Universität Bochum. Sie sind ebenfalls seit vielen Jahren in die Interessensvertretung der Opfer eingebunden und kümmern sich auch um deren Beratung bei Zivilklagen. (Christiane Schiffer)

Wir haben den Artikel am 06. Februar 2018 ergänzt.

 

 

  • Teilen