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02.07.2010

Zäsur: Graf von Westphalen-Büros in Köln und Freiburg spalten sich ab

Die deutsche Traditionskanzlei Graf von Westphalen zerfällt. Der Standort in Freiburg und das Kölner Büro um Namenspartner Prof. Dr. Friedrich Graf von Westphalen spalten sich zum Jahresende ab. Auf einen Schlag verliert die Sozietät damit rund ein Drittel ihrer derzeit rund 150 Berufsträger.

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Friedrich Graf von Westphalen

Im Kanzleigefüge verbleiben werden demnach die vier größeren Büros in Berlin, Frankfurt, München und Hamburg sowie der kleine Standort in Dresden mit ihren insgesamt 100 Anwälten.

Mit dem 18-köpfigen Kölner Büro um Friedrich Graf von Westphalen verlässt eine Gruppe die Sozietät, die insbesondere für ihre Schwerpunkte in der Produkthaftung und dem Versicherungsrecht bundesweit bekannt ist und auch in der Beratung zu Vertriebsystemen als etabliert gilt.

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Barbara Mayer

Demgegenüber verfügt das mit knapp 30 Anwälten noch etwas größere Freiburger Büro über eine starke, international ausgerichtete Corporate-Praxis um Dr. Barbara Mayer und Gerhard Manz. Insbesondere der Wegfall dieses Geschäfts dürfte die bisherige Einheit treffen und so schnell nicht zu kompensieren sein. So hatten das Freiburger Büro und der noch jüngere Standort in Frankfurt eine funktionierende Achse gebildet. Dennoch gilt das Frankfurter Corporate-Team wie auch das Hamburger weiter als schlagkräftig.

Hintergrund der Trennung sind strategische Differenzen, heißt es bei Graf von Westphalen. Die künftig getrennten Wege hängen dabei nicht zuletzt mit Veränderungen im Kurs der Kanzleiführung zusammen. Vor acht Monaten hatte die Partnerschaft der Sozietät den Frankfurter Arbeitsrechtler Christof Kleinmann und den Hamburger Bau- und Immobilienexperten Dr. Robert Theissen zur neuen Management-Doppelspitze gewählt (mehr…). Die beiden frisch amtierenden und mit großer Mehrheit gewählten Managing Partner hatten seither verschiedene Maßnahmen angestoßen, um die Kanzleistrukturen zu überarbeiten. Über den Veränderungsprozess gingen die Meinungen aber auseinander.

“Es geht uns darum, die Anliegen unserer Mandanten besser erfassen zu können und gleichzeitig effizientere Strukturen zu schaffen, die eine schnelle Bearbeitung durch die besten Experten unserer Sozietät ermöglichen – und zwar unabhängig vom Standort und weiterhin zu einem kompetitiven Preis”, sagte Kleinmann. “Hier wollen, können und werden wir uns weiter steigern.” Die Partner in Freiburg und Köln teilen zwar diese Ziele, wollen aber in der Umsetzung künftig eigene Wege gehen, heißt es aus der Kanzlei.

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Robert Theissen

“Wir halten die geplanten Schritte im Sinne der Fortentwicklung der Kanzlei für richtig und notwendig”, so Theissen. “Deshalb bedauern wir, dass unsere Partnerkollegen aus Freiburg und Köln sich entschlossen haben, diese von der Sozietät eingeschlagene Richtung nicht mitzutragen. Natürlich wünschen wir ihnen auf dem von ihnen gewählten Weg allen erdenklichen Erfolg.”

Für Marktbeobachter kommt das Auseindergehen überraschend. So hatte es zuletzt den Anschein, als ob ein Grundkonsens über den Veränderungskurs bestehe. Als Indiz dafür galt – auch in Teilen der Partnerschaft – der sehr deutliche Wahlerfolg des neuen Managements. Dieses war mit dem Ziel angetreten, die Ertragskraft zu steigern und die Standorte weiter zu integrieren sowie den Ausbau der Sozietät zu forcieren.

Allerdings soll etwa der sehr zügig vorangetriebene personelle Ausbau nicht mehr auf ungeteilte Zustimmung in Freiburg und Köln gestoßen sein. So hatte die Kanzlei seit Jahresende 2009 an mehreren Standorten und in verschiedenen Praxen Partner hinzugeholt. In München kam zum Dezember ein Corporate-Partner (mehr…), in Hamburg gewann sie einen Partner im Öffentlichen Recht hinzu, und in Frankfurt (mehr…) sowie Berlin (mehr…) holte sie Immobilienexperten. Doch auch in Köln wuchs die Sozietät, hier schloss sich ebenfalls ein Immobilienspezialist (mehr…) an.

Zudem sind die Meinungen offenbar in puncto einer zentraleren und strafferen Steuerung der Kanzlei sowie detaillierter Business-Development-Anstrengungen auseinandergegangen.

„Die Entscheidung ist uns nicht leicht gefallen“, sagte Prof. Dr. Friedrich Graf von Westphalen. „Aber wir sind davon überzeugt, dass wir in unserer neuen Ausrichtung mit einem ausgeprägt unternehmerischen Ansatz den Bedürfnissen unserer Mandanten besser gerecht werden und unseren guten Associates eine wirkliche Partnerperspektive geben können. Dies entspricht einer nachhaltigen Kanzleistrategie“, sagte Prof. Dr. Tobias Lenz, ebenfalls Partner in Köln.

In ihrer neuen, personell kleineren Einheit wollen sich die Kölner und Freiburger klarer als bislang auf das mittelgroße Geschäft für mittelständische Unternehmen wie auch Konzerne konzentrieren. Dabei will die Sozietät, die weiter Graf von Westphalen zumindest als Bestandteil ihres Namens tragen möchte, Full-Service-Beratung anbieten. Besondere Schwerpunkte sollen entsprechend der bisherigen Ausrichtung unter anderem im Gesellschaftsrecht//M&A, im Handelsrecht sowie im Haftungs- und Versicherungsrecht und dem Vertriebsrecht liegen

Dr. Barbara Mayer, Corporate-Partnerin in Freiburg und bis zum vergangenen Jahr acht Jahre lang mit an der Management-Spitze der Kanzlei, sagte: „Wir setzen weiterhin auf unser starkes internationales Netzwerk. Ein Großteil unserer Mandate hat grenzüberschreitenden Bezug. Deshalb werden wir die Zusammenarbeit mit unseren ausländischen Best Friends, unabhängige Kanzleien, die unseren partnerschaftlichen Ansatz teilen, nicht nur fortsetzen, sondern weiter vertiefen.”

Dass künftig ausgerechnet das Kölner und das Freiburger Büro eine eigenständige Einheit bilden wollen, überrascht Beobachter. Zwar ergänzen sich die angebotenen Beratungsfelder trefflich, vor allem nachdem der Kölner Standort in den vergangenen Jahren über keine genuinen Corporate-Kapazitäten verfügte. Allerdings lagen beide Büros hinsichtlich ihrer Einbindung in den Gesamtverbund in der Vergangenheit häufig nicht auf einer Linie. In den vergangenen Jahren stand insbesondere Freiburg einem stärkeren Management und einer strategischeren Entwicklung der Sozietät immer sehr aufgeschlossen gegenüber, während Köln in dieser Richtung eher als konservativ ausgerichtet galt.

Andererseits sind die Verbindungen zwischen den Kölnern und Freiburgern die Keimzelle für die Sozietät, wie sie 2002 in ihrer heutigen Form entstand. Die Wurzeln reichen dabei sehr viel länger zurück, im Hamburger Büro bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, in Freiburger Büros bis in die 1920er-Jahre. In Köln schließlich hatte Prof. Dr. Friedrich Graf von Westphalen seine Sozietät 1973 gegründet. (Anja Hall, René Bender)