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17.02.2016

Thielert-Komplex: Haft für Firmengründer, Vergleich mit BDO im Zivilprozess

Wegen gewerbs- und bandenmäßigen Betrugs sowie Urkundenfälschung hat das Landgericht Hamburg gestern den Flugzeugunternehmer Frank Thielert zu vier Jahren Haft verurteilt. Das zivilrechtlichen Verfahren des Komplexes, derzeit beim Hanseatischen Oberlandesgericht anhängig, entwickelt sich unterdessen überraschend: Die Kläger, der Insolvenzverwalter des Unternehmens Thielert und der niederländische Investor Guestos schlossen mit der Wirtschaftsprüfungsgruppe BDO einen Vergleich. In erster Instanz war BDO noch zur Zahlung von gut 40 Millionen Euro verurteilt worden.

Marc Langrock

Marc Langrock

Im Strafprozess gegen Frank Thielert hatte die Staatsanwaltschaft ursprünglich eine fünfjährige Haftstrafe gefordert, Thielert plädierte auf Freispruch. Der Gründer des seit 2008 insolventen Flugzeugmotorenherstellers soll unter anderem durch Scheinbuchungen die Situation des Unternehmens positiver dargestellt haben als sie war, auch im Hinblick auf den Börsengang 2005. Thielert soll gegenüber mehreren Banken bei Verhandlungen über einen 24,3 Millionen Euro schweren Kredit eine entsprechende Bonität des Unternehmens vorgetäuscht haben. Das Gericht bezifferte den Gefährdungsschaden nun auf mindestens fünf Millionen Euro. Thielert will gegen das Urteil vor dem Bundesgerichtshof in Revision gehen.

Urteil im zweiten Anlauf

Das Verfahren beschäftigte das Hamburger Gericht in den vergangenen drei Jahren intensiv: Im Sommer 2013 war der Ex-Vorstandschef des insolventen Flugzeugmotorenherstellers während einer Verhandlung wegen Fluchtgefahr im Saal verhaftet worden. Drei Monate später kam Thielert gegen Kaution auf freien Fuß. Als Ende 2014 der Richter Michael Kaut in Pension ging, platzte der Prozess nach 90 Verhandlungstagen und musste unter neuem Vorsitzenden noch einmal komplett neu aufgerollt werden. Bereits im Laufe des Verfahrens war Beteiligten zufolge deutlich geworden, dass es auf eine Haftstrafe für den ehemaligen Börsenstar hinausläuft. Der Haftbefehl bleibt zunächst jedoch außer Vollzug, dafür hatte sogar die Staatsanwältin plädiert.

Vergleich mit BDO

Gilbert von Knobelsdorff

Gilbert von Knobelsdorff

Bewegung kommt unterdessen auch in den zivilrechtlichen Prozess. Nachdem das Landgericht die WP-Gesellschaft BDO als Abschlussprüferin der Thielert AG 2013 zur Zahlung 40 Millionen Euro verurteilt hatte, einigten sie sich nun mit dem Insolvenzverwalter Dr. Achim Ahrendt und dem niederländischen Investor Stichting Bewaarbedrijf Guestos. Genaueres zu dem Vergleich wurde nicht bekannt, jedoch wird der Insolvenzverwalter auf der nächsten Gläubigerversammlung darüber berichten müssen. Am kommenden Montag geht der Prozess gegen die verbliebenen drei Beklagten weiter, Frank Thielert als Ex-Vorstandsvorsitzenden, die Commerzbank und die damalige Aufsichtsratsspitze Dr. Georg Wittuhn, Partner der Hamburger Kanzlei Huth Dietrich Hahn.

Im erstinstanzlichen Urteil hatte das Landgericht die Ansprüche gegen die Commerzbank – der Rechtsnachfolgerin der Dresdner Bank als Konsortialbank beim Börsengang – als verjährt abgewiesen. Vor dem OLG zeichnet sich Prozessbeobachtern zufolge aber ab, dass die Bank diesmal nicht mit einer Verjährung durchkommt. Zumindest mit einem Teilurteil rechnen Beteiligte demnächst. Die Kläger hatten 132 Millionen Euro aus Prospekthaftung sowie Pflichtverletzungen und unerlaubter Handlung gefordert und dies jeweils unterschiedlich begründet. Auch das Oberlandesgericht hat sich noch einmal sehr genau mit dem Fall befasst und sogar noch mehr Zeugen als in der ersten Instanz vernommen, darunter auch mehrere Anwälte. Mit einem Urteil wird nicht vor April gerechnet.

Strafrechtliches Verfahren vor dem LG

Vertreter Frank Thielert
John (Hamburg): Norbert John, Dr. Eike Hering
Langrock Voß & Soyka (Hamburg): Dr. Marc Langrock (Wirtschaftsstrafrecht)

Staatsanwaltschaft Hamburg
Angelika Hauser

Landgericht Hamburg, Große Strafkammer 20
Torsten Schubert (Vorsitzender Richter), Dr. Kai-Alexander Heeren (Berichterstatter)

Zivilrechtliches Verfahren vor dem OLG

Vertreter Achim Ahrendt (Insolvenzverwalter)/Stichting Bewaarbedrijf Guestos
Raschke von Knobelsdorff Heiser (Hamburg): Gilbert von Knobelsdorff

Vertreter BDO
Prof. Dr. Stephan Schaub (Haan)
Inhouse Recht: Nicht bekannt

Vertreter Commerzbank
Graf von Westphalen (Hamburg): Dr. Michael Nicolaus, Dr. Patrick Wolff

Vertreter Frank Thielert
John (Hamburg): Norbert John

Vertreter Dr. Georg Wittuhn
Huth Dietrich Hahn (Hamburg): Dr. Georg Wittuhn

Hanseatisches Oberlandesgericht, 13. Zivilsenat
Ralph Panten (Vorsitzender Richter)

Hintergrund: Alle Vertreter sind aus dem Markt bekannt. Nicht nur beim Vorsitzenden Richter des Strafprozesses gab es personelle Veränderungen, sondern auch bei den Anwälten. Frank Thielert hatte 2013 noch drei Kanzleien an seiner Seite. Neben Dr. Derk Siebert aus der Hamburger Kanzlei Marx Siebert, der Thielert sowohl im Zivil- als auch Strafprozess zur Seite stand, verteidigten ihn der renommierte Düsseldorfer Strafrechtler Prof. Dr. Jürgen Wessing aus der Kanzlei Wessing & Partner sowie der Hamburger Anwalt Andreas Harms.

JUVE-Informationen zufolge kam die Kanzlei John 2014 zunächst als Wahlverteidigerin in das Mandat, zuletzt agierten die Anwälte als Pflichtverteidiger. Wessing wurde dagegen nicht mehr für Thielert aktiv. Vor einiger Zeit endete auch das Mandatsverhältnis mit Siebert. Über die Rolle von Harms ist nichts bekannt. In einer späten Prozessphase wurde dann Langrock aus der Hamburger Strafrechtsboutique Langrock Voß & Soyka hinzugezogen. Der renommierte Strafrechtler soll nun vor allem im Revisionsverfahren vor dem BGH zum Einsatz kommen.

Auch im Zivilprozess änderten sich einige Konstellationen: Hatte BDO in erster Instanz noch auf CMS Hasche Sigle gesetzt, mandatierte sie später Stephan Schaub, der unter anderem auf Haftungs- und in Schadensersatzfragen spezialisiert ist. Der Ex-Aufsichtsratschef Wittuhn hatte zunächst den damaligen Bird & Bird-Partner Dr. Ulf Grundmann (heute bei King & Spalding) mandatiert, aber schon seit dem Ende der ersten Instanz vertritt sich der Gesellschaftsrechtler aber selbst.

Die Commerzbank setzt wie in der ersten Instanz auf ein Hamburger Team von Graf von Westphalen.

Der Name der Kanzlei des Klägervertreters von Knobelsdorff hat sich im Laufe des Verfahrens ebenfalls gewandelt: nach dem Ausscheiden des Gründungspartners Dr. Ulf Renzenbrink (zu Renzenbrink & Partner) firmiert die Hamburger Corporate-Boutique unter Raschke von Knobelsdorff Heiser.

Vier wesentliche Gläubiger von Thielert – Sputnik, Pogan, Drake, Butterfield – werden zudem von Latham & Watkins beraten. Der Hamburger Restrukturierungsspezialist Frank Grell ist auch Mitglied des Gläubigerausschusses. Die beiden Latham-Partner Grell und Sebastian Seelmann-Eggebert wurden in dem Zivilprozess auch als Zeugen gehört. Latham hatte 2008 die Investorengruppe um die russische Sputnik Group nach deren Einstieg bei den Restrukturierungsbemühungen für Thielert beraten. (Christine Albert)