Thielert-Komplex

Geldstrafe für BDO, Ex-Vorstandschef im Gericht verhaftet

Im Prozesskomplex um den insolventen Flugzeugmotorenhersteller Thielert haben sich zwei spektakuläre Entwicklungen direkt aneinandergereiht: Erst verurteilte das Hamburger Landgericht die WP-Gesellschaft BDO zur Zahlung von rund 32 Millionen Euro, zuzüglich rund 8 Millionen Euro Zinsen. Der Thielert-Namensgeber und Unternehmensgründer muss fünf Millionen Euro berappen. Nur knapp eine Stunde nach der Urteilsverkündung in dem zivilrechtlichen Prozess wurde Frank Thielert in einem parallel laufenden strafrechtlichen Prozess dann im Saal verhaftet.

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Gilbert von Knobelsdorff
Gilbert von Knobelsdorff

Zu den Hintergründen: 2008 hatten der Insolvenzverwalter von Thielert, Dr. Achim Ahrendt, sowie der niederländische Investor Stichting Bewaarbedrijf Guestos geklagt. Die Klage richtete sich gegen die BDO AG als Abschlussprüferin von Thielert und ihren Töchtern, gegen Frank Thielert als Ex-Vorstandsvorsitzenden sowie gegen die Commerzbank und die damalige Aufsichtsratsspitze Dr. Georg Wittuhn, Partner der Hamburger Kanzlei Huth Dietrich Hahn. Die Kläger forderten 132 Millionen Euro aus Prospekthaftung sowie Pflichtverletzungen und unerlaubter Handlung. Die Forderungen waren jeweils unterschiedlich begründet.

Die Ansprüche gegen die Commerzbank – der Rechtsnachfolgerin der Dresdner Bank als Konsortialbank beim Börsengang – wurden nun als verjährt abgewiesen. Auch für Wittuhn hat das Urteil keine Auswirkungen. Das Gericht sah keine Anhaltspunkte dafür, dass er gegen seine Pflichten als Aufsichtsrat verstoßen habe.

Im Fall von BDO ist die Lage äußerst komplex: Die WP-Gesellschaft hatte die Thielert-Jahresabschlüsse von 2003 bis 2005 geprüft. Unter anderem führte sie auch eine Forderungssonderprüfung durch, die von den kreditgebenden Banken im Vorfeld des Börsengangs veranlasst worden war. Zwar sind die in den Abschlüssen enthaltenen Bilanzmanipulationen Frank Thielert zuzurechen, jedoch muss sich die BDO als Abschlussprüferin dafür zu einem bestimmten Prozentsatz verantworten.

Deswegen muss BDO nun die geforderte Summe nur zu knapp einem Viertel bezahlen. Trotzdem ist das Urteil für das Unternehmen happig. 40 Millionen Euro muss BDO zahlen, zudem für ein Viertel noch nicht bezifferter Schäden von Anlegern und Kreditgebern geradestehen. Unter Prozessbeteiligten gilt es als sicher, dass zumindest BDO Berufung einlegen wird. Bis Redaktionsschluss lag keine Stellungnahme der WP-Gesellschaft vor.

Frank Thielert verhaftet

Frank Thielert dagegen muss die von den Klägern geforderten fünf Millionen Euro in voller Höhe bezahlen.

Es kam aber noch härter: In dem Strafprozess gegen den Ex-Vorstandschef, in dem es um Kapitalanlage- und Kreditbetrug sowie um Urkundenfälschung geht, wurde der Unternehmer im Saal verhaftet. Die Kammer begründete ihre Entscheidung mit ‚Fluchtgefahr‘, weil Thielert eine mehrjährige Haftstrafe ohne Bewährung drohe. Auch der mitangeklagte Matthias H., ehemaliger Leiter der Buchhaltung bei Thielert, wurde verhaftet. Die frühere Finanzchefin Roswitha G. blieb dagegen auf freiem Fuß. Die Richter begründete die Maßnahmen in einer vorläufigen Einschätzung damit, dass die Angeklagten als Mitglieder einer Bande gewerbsmäßig gehandelt haben könnten, so das ‚Hamburger Abendblatt‘.

Der Strafprozess geht am 3. Juli weiter, der Haftprüfungstermin wird wohl aber früher stattfinden.

Weitere Prozesse laufen

Der Komplex beschäftigt noch weitere Gerichte: Das Flensburger Landgericht hat bereits in zwei Verfahren den Investor Marco Hahn und die Nord-Ostsee-Sparkasse (Nospa) als Rechtsnachfolgerin der Flensburger Sparkasse zur Zahlung von insgesamt rund 65 Millionen Euro an Frank Thielert verurteilt. Dieser hatte Hahn und die Nospa verklagt, weil der in der Schweiz lebende Investor 2006 unrechtmäßig mehr als drei Millionen Thielert-Aktien im Wert von rund 70 Millionen Euro von zwei Depots der Flensburger Sparkasse in Depots der UBS transferiert und die Aktien danach veräußert haben soll. Thielert dagegen behauptete, er habe Hahn die Aktien nur geliehen. In diesem Komplex läuft die Berufung noch (AZ 2 O 97/07 und AZ 2 O 98/07)

 

Alle Vertreter sind aus dem Markt bekannt:

Vertreter Achim Ahrendt (Insolvenzverwalter)/Stichting Bewaarbedrijf Guestos
Renzenbrink Raschke von Knobelsdorff Heiser (Hamburg): Gilbert von Knobelsdorff; Associate: Dr. Lars Kirschner

Vertreter BDO
CMS Hasche Sigle (Hamburg): Dr. Thomas Seiffert
Inhouse: Nicht bekannt

Vertreter Commerzbank
Graf von Westphalen (Hamburg): Dr. Michael Nicolaus, Dr. Patrick Wolff

Vertreter Frank Thielert
Marx Siebert (Hamburg): Dr. Derk Siebert (im Zivil- und Strafprozess)
Wessing & Partner (Düsseldorf): Prof. Dr. Jürgen Wessing (Strafrecht)
Andreas Harms (Hamburg)

Vertreter Dr. Georg Wittuhn
Bird & Bird (Frankfurt): Dr. Ulf Grundmann

Vertreter Roswitha G.
Wessing & Partner (Düsseldorf): Dr. Heiko Ahlbrecht

Vertreter Matthias H.
Pancic (Hamburg): Maximilian Pancic (Strafrecht)

Staatsanwaltschaft Hamburg
Angelika Hauser

Landgericht Hamburg, Zivilkammer 9
Uta Mithoff (Vorsitzende Richterin), Dr. Jens Fortmann, Dr. Carola Klaassen

Landgericht Hamburg, Große Strafkammer 20
Michael Kaut (Vorsitzender Richter), Karl-Willhem Finck Graf von Finckenstein, Dr. Kai-Alexander Heeren

Hintergrund: In dem aufwendigen zivilrechtlichen Verfahren hatten zu Anfang auch die beiden Hamburger Latham & Watkins-Partner Frank Grell und Sebastian Seelmann-Eggebert als Zeugen ausgesagt. Latham hatte 2008 die Investorengruppe um die russische Sputnik Group nach deren Einstieg bei den Restrukturierungsbemühungen für Thielert beraten (mehr…).

Zwischenzeitlich ruhte der Prozess fast ein Jahr, als die Richterin Klaassen in eine andere Kammer abgeordnet war. Sollte nun der Prozess in die zweite Instanz gehen, würde die Sache beim 13. Zivilsenat des Hanseatischen Oberlandesgerichts landen.

Huth Dietrich Hahn-Partner Wittuhn hatte bei Prozessbeginn zunächst den erfahrenen Frankfurter Bird & Bird-Partner Grundmann eingesetzt, den er noch aus seiner Zeit bei Mayer Brown kannte. Als sich aber abzeichnete, dass es keine Anhaltspunkte für die gegen ihn erhobenen Vorwürfe gab, übernahm Wittuhn seine Vertretung selbst.

Graf von Westphalen ist schon seit vielen Jahre für die Commerzbank aktiv, die beiden Hamburger Partner Nicolaus und Wolff vertreten ihre Mandantin auch in dem Lehman-Komplex.

Frank Thielert lässt sich schon seit Jahren vom renommierten Düsseldorfer Strafrechtler Wessing vertreten, noch länger allerdings ist der Hamburger Strafverteidiger Harms im Mandat. In Verknüpfung mit dem zivilrechtlichen Prozess ist daneben der Hamburger Anwalt Siebert auch für Thielert im strafrechtlichen Verfahren aktiv. Der 46-Jährige ist im Schwerpunkt eigentlich Immobilien- und Baurechtler und hatte sich erst zum Juni der kleinen Hamburger Kanzlei Marx angeschlossen, die seither als Marx Siebert firmiert.

Bei Hamburger Anwälten sorgte die Saalverhaftung von Frank Thielert für Verwunderung. Der Vorsitzende Richter der 20. Großen Strafkammer geht im Herbst in Pension, Marktteilnehmer vermuten, dass er den Prozess vorher noch beenden möchte.

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