JUVE Kanzlei des Jahres

M&A

Deutsche Transaktionsanwälte in Hochstimmung

Lange gab es keinen so aktiven M&A-Markt wie in den letzten Monaten. Große, grenzüberschreitende Transaktionen wie Peugeots Übernahme von Opel oder die geplante Fusion der Börsen Frankfurt und London waren wieder da. Anders als im goldenen M&A-Jahr 2007 sprechen Anwälte auch nicht von einer Blase. Vielmehr sei der Boom Ausdruck der Stärke der deutschen Wirtschaft und der Tatsache, dass Kontinentaleuropa und seine größte Wirtschaft nach dem Brexit ein noch attraktiveres Ziel von Inboundinvestionen werden. Zugleich investierten deutsche Unternehmen im Ausland. Bayer, Evonik, Lanxess und BASF wagten sich an die Expansion.

Deutsche M&A-Partner führen häufiger internationalen Deals

Noch nie waren bei all dem so viele deutsche M&A-Partner an Transaktionen beteiligt, die wenige oder gar keine Berührungspunkte zu Deutschland aufwiesen. Transaktionen in Südostasien, wie etwa Lazadas Verkauf an Alibaba, oder in Lateinamerika wären vor ein paar Jahren ohne deutsche Anwälte über die Bühne gegangen. Heute dagegen sind sie in den führenden Praxen zentraler Bestandteil der Arbeit. Branchenkenntnisse, Transaktionserfahrung und das Vertrauen der Entscheider in den Unternehmen bringen sie auf das internationale Parkett. Die vielen Fragezeichen, die vor dem Londoner Markt und den Londoner Anwälten stehen, tun ihr Übriges.

In einem gewissen Marktsegment hat außerdem die schwindende Bedeutung von Investmentbanken als Transaktionsberater Spielräume eröffnet. Saßen die Berater aus den Banken früher bei praktisch jedem größeren Deal mit am Tisch, werden viele Deals heute ohne sie von leistungsstarken Inhouse-M&A-Teams gestemmt. Viele Investmentbanker sind inzwischen auch in der Industrie oder bei Private-Equity-Häusern tätig.

Beide Entwicklungen führen dazu, dass die Rolle des außenstehenden Beraters, der dank intimer Kenntnis von Unternehmen und Branche die Risiken eines Deals abschätzt, anders besetzt werden kann. In diese Lücke schlüpfen dank der zunehmenden Branchenfokussierung auch Anwälte. Zwar ist ihre Aufgabe nicht identisch mit der der Investmentbanker – und nicht ansatzweise so gut bezahlt, aber sie ist komplementär zur Arbeit der Inhouse-M&A-Teams bei großen Unternehmen.

Geändertes Anforderungsprofil

Als Risikoberater sind aber nicht nur M&A-Anwälte gefragt. Weil Risikofragen insgesamt an Bedeutung gewonnen haben, ist der Rat von hoch spezialisierten und erfahrenen Rechtsberatern in der Breite wertvoller geworden. Dabei ändert sich gerade auch im Transaktionsgeschäft der Blick auf Risiken ständig: So wollen Finanzinvestoren ihre Beteiligungen heute aus Angst vor einem Reputationsschaden intensiver und breiter geprüft sehen, Themen wie Menschenrechte oder Umweltschutz beginnen eine Rolle zu spielen.

Auch politische Risiken, wie sie sich in der Diskussion um den Kuka-Verkauf angedeutet und im US-präsidialen Übernahmeverbot im Fall Aixtron verwirklicht haben, nehmen im frostiger werdenden Klima der Weltwirtschaft zu und bekommen eine rechtliche Komponente: Erfahrung an der Schnittstelle zu Regulierung und anderen politiknahen Bereichen ist gefragt – und wird hochpreisiger.

Wechselspiel von Fachwissen im Gesellschaftsrecht und M&A

Diese Entwicklung beeinflusst auch die Struktur von Deals. So werden die Verkaufskandidaten vorab gesellschafts- und steuerrechtlich neu strukturiert. Viele Kanzleien hatten in den vergangenen Jahren stärker zwischen Gesellschaftsrecht und M&A differenziert. Nun aber sehen manche es wieder als Wettbewerbsvorteil, wenn sich beides in einem Anwalt vereint. Auch die Prüfung wertbeeinflussender rechtlicher Probleme aus dem Kartellrecht, aus Embargoverstößen oder verschärften außenwirtschaftsrechtlichen Prüfungen in Deutschland oder anderen Ländern wird zunehmend weit vorverlagert.

Das birgt für Transaktionskanzleien einerseits Chancen, in die Beratung noch mehr Köpfe einzubinden. Andererseits eröffnet diese teilweise Entkoppelung scheinbarer Randaspekte vom eigentlichen Deal Kanzleien, die nicht primär im M&A-Geschäft agieren, die Chance, sich über andere Spezialisierungen ins Spiel zu bringen. Noch messen jedoch nur wenige M&A-Kanzleien diesem eigenen Risiko eine größere Bedeutung bei.

Stattdessen beherrschte die Standardisierung weiter Teile der M&A-Arbeit die strategischen Diskussionen. Aus gutem Grund, denn die Auswirkungen dieser Entwicklung zeigen sich schon deutlich, und in ihrem Gefolge brechen sich weitere Veränderungen Bahn, die den Wettbewerb verschärfen.

In vielen Kanzleien gelten die M&A-Praxen traditionell als Treiber des Geschäfts, US-amerikanische oder britische Kanzleien setzten beim Eintritt in den deutschen Markt auf das Transaktionsgeschäft und investierten viel in den Aufbau dieser Praxen. Dieser relativ großen Zahl von M&A-Anwälten stehen jedoch längst nicht nur die Standardisierung, sondern auch ein wachsendes Kostenbewusstsein der Mandanten, professionellere Inhouse-M&A-Teams und der zunehmende Einsatz von Technologie, nicht nur bei Due Diligences, gegenüber. Die Folge sind stagnierende, wenn nicht sinkende Preise. Die M&A-Praxen wurden teils verkleinert und viele sind zumindest zuletzt nicht mehr gewachsen.

Setzen auf Hoffnungswerte

Doch der jetzige Transaktionsboom weckt neue Begehrlichkeiten und die Kanzleien investieren wieder. Erneut sind es insbesondere US-Kanzleien, die sich mit Quereinsteigern Anteile am deutschen M&A-Markt sichern wollen. Die in Chicago beheimatete Kanzlei Sidley Austin startete 2016 in München, nachdem sie 2014 ihr Frankfurter Büro geschlossen hatte. Jetzt holte sie ein Team von Kirkland & Ellis, das vornehmlich M&A-Anwälte zählt.

Auch Latham & Watkins’ Praxis wuchs weiter. Dass das Team Fahrt aufnimmt, konnte zwar nach dem Zugang des Linklaters-Partners Dr. Rainer Traugott nicht unbedingt überraschen. Doch dass nun mit Dr. Nikolaos Paschos einer der Stars aus Linklaters’ M&A-Praxis wechselte, der im Konzernrecht ebenso zu Hause ist wie bei Transaktionen, ist eine echte Kampfansage. Die Auflösung der deutschen Praxis der asiatisch-australischen Kanzlei King & Wood Mallesons ermöglichte es weiteren Kanzleien, erfahrene Partner mit gut laufender Praxis zu sich zu holen.

Machtverhältnisse zwischen den Kanzleien blieben konstant

In einem Markt, in dem praktisch alle M&A-Praxen gut zu tun hatten, blieb wenig Raum für strategische Positionierungen, die Machtverhältnisse verschoben sich kaum. Freshfields Bruckhaus Deringer, Linklaters und Hengeler Mueller bleiben die unangefochtenen Marktführer, wenn auch mit unterschiedlichen Akzenten. Freshfields reduziert schon seit einigen Jahren die Zahl ihrer Corporate-Partner und konzentrierte sich ganz auf hochvolumige, europaweite Transaktionen. Hengeler ist breiter aufgestellt und kann zudem ein hohes Maß an Inboundmandaten an sich ziehen. Linklaters wiederum richtet sich stärker als Freshfields auf ihre Verankerung in deutschen Konzernen aus, tut dies aber mit einem kleineren und fokussierteren Team als Hengeler.

Vor rund zehn Jahren war Clifford Chance die gefährlichste Verfolgerin dieses Spitzentrios, doch die Kanzlei durchlebte eine interne Restrukturierung mit Wechseln in Management und Partnerschaft. Erst seit dem letzten Jahr präsentiert sich die Kanzlei zusammen mit Gleiss Lutz wieder als ernst zu nehmende Herausforderin, in der das klassische M&A-Geschäft gleichberechtigt neben den früher übermächtigen Private-Equity-Mandaten steht.

 


Die folgenden Bewertungen behandeln Kanzleien, die aktiv sind in der rechtlichen Beratung sowie im Projekt- und Transaktionsmanagement bei Akquisitionen von Vermögenswerten eines Unternehmens (sog. Asset-Deals) oder Anteilen (sog. Share-Deals, egal ob mit Minderheits- oder Mehrheitsbeteiligung). Obwohl die ursprüngliche Bedeutung von M&A-Fusionen (d.h. ‚Mergers‘) umfasst, rechnet ein Großteil der auf diesem Gebiet tätigen Anwälte die Begleitung derartiger Verschmelzungen eher zum Bereich ?Gesellschaftsrecht. Die Tätigkeit für Private-Equity-Häuser bei Akquisitionen wird im Kapitel ?Private Equity und Venture Capital besprochen.


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