JUVE Kanzlei des Jahres

Wirtschafts- und Steuerstrafrecht

Das Unternehmenssanktionsrecht kommt

Der im August 2019 vorgelegte Entwurf zum Unternehmenssanktionsrecht ist die tiefgreifendste gesetzliche Neuerung im Strafrecht seit Jahrzehnten. Monatelang war im Markt darüber spekuliert worden. Verteidiger sorgten sich um Beschuldigtenrechte. Doch der Entwurf enthält immerhin Regeln für interne Untersuchungen, die etwas mehr Rechtssicherheit schaffen.

Den Zugriff auf Unterlagen interner Untersuchungen will sich der Staat nicht nehmen lassen, erlaubt bei strikter interner Trennung aber, dass die Kanzlei, die den Sachverhalt aufklärt, auch in die Verteidigerrolle schlüpft. Selbst wenn es dabei bliebe, werden wohl in der Praxis in großen Fällen weiterhin beide Rollen getrennt besetzt werden.

Nach wie vor beherrschen daneben der und große Steuerkomplexe die anwaltliche und justizielle Arbeit, auch wenn der VW-Konzern und Bosch ihre Ordnungswidrigkeitenverfahren in Sachen Diesel abschlossen. Allerdings zeigt sich nach Beobachtung vieler Verteidiger, dass Gerichte wegen der formal komplizierten Regelungen vor Absprachen zurückschrecken.

Die Folge: Mehr Strafverfahren gehen in die Hauptverhandlung. Dabei kommt hinzu, dass Finanzbehörden wesentlich häufiger als früher den Weg zur Staatsanwaltschaft wählen – und damit ebenfalls zu einer Auslastung bei den Gerichten beitragen. Vereinzelt meinen Verteidiger inzwischen zu beobachten, dass die Strafverfolgung hier und da längst unter der Situation leidet.

Im Umbruch

Selten war der Beratermarkt so unruhig wie 2018: Großkanzleien werben sich inzwischen gegenseitig ihre Strafrechtler ab. DLA Piper etwa holte einen Partner von Gleiss Lutz zurück. Clifford Chance versorgte gleich mehrere internationale Kanzleien, darunter Pinsent Masons und Norton Rose Fulbright, mit strafrechtlicher Kompetenz, insbesondere zur Verstärkung der Compliance-Beratung. White & Case kompensierte derweil den Wechsel eines erfahrenen Anwalts zu Hengeler Mueller mit einem Zugang von Freshfields Bruckhaus Deringer.

Noch lässt das Aufrüsten bei den Großkanzleien die Strafrechtsboutiquen kalt, denn Arbeit gibt es reichlich. Es entstanden durch Spin-offs sogar gleich eine ganze Reihe neuer Strafrechtskanzleien. Unter ihnen sind Rosinus Partner, Schork Kauffmann und das Kölner Duo Gazeas Nepomuck, die einen soliden Start hinlegten, weil die Gründer ihre Mandate weitgehend nahtlos in den eigenen Büros fortsetzten.

Andere werden sich erst noch beweisen müssen, sei es Schröder Racky, bei der jetzt eine ehemalige Dierlamm-Anwältin zweite Namenspartnerin ist, die noch jungen Münchner Einheiten MichalkeRosskopf und SvS Sidhu von Saucken oder Dr. Jens Schmidt, der Heimes & Müller den Rücken kehrte.

Sie alle stehen bereit, um die Lücken zu schließen, die durch den absehbaren Rückzug einiger hoch angesehener Verteidiger entstehen. Zuletzt machten DLA-Partner Prof. Dr. Jürgen Taschke, der in den Of-Counsel-Status wechselte, Prof. Dr. Franz Salditt, über Jahre eine Ikone des Steuerstrafrechts, und Dr. Eddo Compart Platz. Letzterer schied aus der Partnerschaft seiner eigenen Kanzlei aus, Salditt verabschiedet sich langsam aus der aktiven Anwaltschaft. Fachlich kann die jüngere Generation den alten Hasen zweifellos das Wasser reichen, ob sie ein vollwertiger Ersatz für die senioren Charakterköpfe sein wird, ist allerdings noch nicht entschieden.

Die folgenden Bewertungen behandeln Kanzleien, die im Wirtschafts- und/oder Steuerstrafrecht beraten. Die Mandatsbeschreibungen beziehen sich in aller Regel auf zum Zeitpunkt des Redaktionsschlusses nicht rechtskräftig festgestellte Vorwürfe.

Die tabellarischen Übersichten unterscheiden zwischen Individualverteidigung u. der Beratung von geschädigten oder betroffenen Unternehmen (siehe auch Compliance-Untersuchungen, Konfliktlösung und Öffentlicher Sektor). Hinzu kommt eine Übersicht über ausgewiesene Steuerstrafrechtler.


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