Interview mit PXR-Gründer Peter Möllmann

„Wir müssen das Konzept der Partnerschaft aufbrechen“

Peter Möllmann ist überzeugt, dass klassische Kanzleistrukturen nicht mehr dem Zeitgeist entsprechen. In seiner Kanzlei PXR Legal will er deshalb vieles anders machen. Wie ein Rechtsberatungshaus ohne Partner und Hierarchien funktionieren kann, erklärt er im Gespräch mit JUVE.

Teilen Sie unseren Beitrag

JUVE: Warum ist die klassische Kanzleiorganisation aus Ihrer Sicht kein Modell mehr für das 21. Jahrhundert?
Dr. Peter Möllmann: Ich bin McKinseyaner. Meine Zeit dort prägt mich bis heute, nicht nur als Unternehmer, sondern auch mit Blick auf die Organisation von Beratungsgesellschaften. Das Unternehmen forderte damals und fordert heute viel von seinen Leuten. Aber nirgends habe ich eine ähnliche Verbundenheit mit dem Unternehmen, so viel Kooperation mit Kollegen und vom ersten Tag an so viel Vertrauen erfahren, unternehmerisch tätig zu sein. Von Bewerbern bekommen wir seit Jahren gespiegelt, dass sie sich so ein modernes Arbeitsumfeld wünschen. In den klassischen Kanzleistrukturen fühlen sie sich nicht wohl.

Mit Blick auf Ihre eigene Beratungsgesellschaft: Was macht ein ‚modernes‘ Beratungsunternehmen aus?
Aus meiner Sicht muss die Frage lauten: Wie lässt sich eine Struktur schaffen, die Beratern sehr früh Verantwortung und wirtschaftliche Teilhabe am Unternehmenserfolg ermöglicht? Darüber hinaus lebt ein modernes Beratungsunternehmen von einer offenen, wertegetriebenen Unternehmenskultur und einer klaren strategischen Ausrichtung. All das schafft Identität mit dem eigenen Unternehmen. Und egal, wie man es dreht und wendet: Es ist immer das Konzept der Partnerschaft, das aufgebrochen werden muss, um in diesem Sinn modern zu sein.

Wo liegt das Problem?
Ich bin überzeugt, dass das klassische partnerschaftliche Kanzleimodell für die Ausbildung von Kreativität, Partizipation und Diversität hinderlich ist. Partnerschaften zeichnen sich durch Homogenität aus und erzeugen ein ungesundes Wettbewerbsdenken. In gewisser Weise reproduzieren sich Partnerschaften. Dadurch fehlt es ihnen häufig an der notwendigen Agilität, um sich an verändernde Umstände anzupassen. Aber gerade das müssten sie, um einer neuen Anwaltsgeneration und ihren Prinzipien eine Heimat zu bieten. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die klassische Kanzleikultur ihre Bindungswirkung zunehmend verliert. Der Exodus aus den Kanzleien zum Beispiel in die Start-ups hat bereits begonnen.

Die Erklärung geht aber regelmäßig dahin, der Generation Z die Schuld an allen Problemen zu geben …
Richtig. Das ist schön simpel. Dabei geht es der Generation Z nach meiner Auffassung nicht darum, sich zurückzulehnen und allenfalls so hoch zu springen wie gerade mindestens nötig. Auch die Angehörigen dieser Generation können und wollen viel leisten. Aber eben nicht in dem alten partnerschaftlichen Modell. Sie wollen nicht in diesen homogenen Organisationen arbeiten, in denen sie beide Ellenbogen ausfahren müssen, um dann nach frühestens sechs Jahren von der Partnerschaft durch das Nadelöhr gewinkt zu werden. Jede Generation sucht sich ihre eigene Unternehmensstruktur. Das war schon immer so.

Was ist die Alternative?
Zusammenarbeit ohne Ellenbogen. Eine Vergütung unabhängig von Status. Die Möglichkeit, früh unternehmerische Verantwortung zu übernehmen und damit Freude und Sinn in der Arbeit zu entdecken. Das Ziel muss sein, so früh wie möglich selbstständige Berater zu entwickeln und Führungsverantwortung zu wecken. Dafür arbeiten wir an etwas, das Google psychologische Sicherheit nennt. Unsere Leute müssen sich wohl fühlen und gemeinsame Werte verinnerlicht haben. Nur dann funktionieren die Teams und die Organisation. Der Markt braucht keine Partner, der Markt braucht fähige Juristen mit effizienten Organisationen. Der Markt braucht ein gutes Produkt.

Heißt das, es gibt bei PXR keine Partner und auch keine Hierarchien?
Korrekt. Bei PXR gibt es keine Partner und wir haben ein anderes Verständnis von Hierarchie. Das bedeutet nicht, dass es bei uns nicht Leute mit spezifischer Letztentscheidungskompetenz gibt. Wir wollen aber, dass alle unabhängig von ihrer Führungsverantwortung schon frühzeitig am Unternehmenserfolg teilhaben und ab Tag eins an der Unternehmensentwicklung beteiligt werden. Ab dem zweiten Berufsjahr partizipiert bei uns jeder am Gewinn der Kanzlei. Das setzt sich mit zunehmender Seniorität unabhängig von einer Partnerwahl über Lockstep-Stufen fort. Wir bringen so Führung und ökonomische Teilhabe zusammen, wo es geht.

Und die Kulturrevolution, also das Aufbrechen der klassischen Partnerschaft, dient dem Erhalt der modernen Beratungsgesellschaften?
Richtig. Das geht nur über strukturelle Änderungen, über eine Unternehmenskultur, eine DNA, die sicherstellt, dass das Unternehmen nicht abdriftet. Ein Grund des Abdriftens kann sein, dass ein Unternehmen zu schnell mit neuen Mitarbeitern wächst, die diese DNA nicht teilen. Wir wollen daher geduldig sein und organisch wachsen mit Menschen, die sich von Anfang an mit der Kultur von PXR identifizieren können und diese mit uns leben.

Das Interview stammt aus der aktuellen Ausgabe des JUVE Rechtsmarkt 07/2022.

Artikel teilen