Corona-Krise

Taylor Wessing kündigt allen wissenschaftlichen Mitarbeitern

Taylor Wessing hat allen wissenschaftlichen Mitarbeitern in Deutschland gekündigt. Wirksam wird dies zum 30. April, für Mitarbeiter in der Probezeit bereits Mitte April. 95 junge Juristen sind nach JUVE-Informationen betroffen.

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Wie JUVE erfuhr, wurden am vergangenen Freitag alle wissenschaftlichen Mitarbeiter telefonisch von ihrem jeweiligen Vorgesetzten, also dem Partner oder Senior-Associate, kontaktiert. Ihnen wurde gesagt, dass die Kanzlei eine wirtschaftliche Rezession aufgrund der Corona-Krise erwarte und dies zum Anlass nehme, die wissenschaftlichen Mitarbeiter vorerst zu entlassen. Mitarbeiter in Probezeit sollen bereits zum 15. April gekündigt werden. Teilweise soll es aber nicht einmal diese telefonische Ankündigung gegeben haben. Einen Tag später soll die schriftliche Kündigung ins Haus geflattert sein, allerdings ohne einen konkreten Grund für die Kündigung zu nennen. Im Falle einer Veränderung der Situation könne man aber wieder in Kontakt treten, hieß es. Viele der gekündigten Mitarbeiter machen sich Sorgen, dass sie in Zeiten, in denen auch die Kanzleien weitestgehend aus dem Homeoffice arbeiten, kurzfristig keine neue Anstellung finden. 

Aus internen Kreisen ist zu hören, dass dieser Schritt möglichweise in einzelnen Praxisgruppen in der aktuellen Krise wirtschaftlich zu begründen sei, darunter M&A. Doch andere Bereiche, beispielsweise die sehr große IT- und Datenschutz-Praxisgruppe von Taylor Wessing, haben gerade Hochkonjunktur und konnten laut Insider-Informationen auch die wissenschaftlichen Mitarbeiter im Homeoffice gut auslasten.

In den sozialen Netzwerken sorgt das Vorgehen der Kanzlei für großen Unmut und Unverständnis, auf Twitter wurde der Ärger über den Umgang mit dem Nachwuchs kritisiert und andere Marktteilnehmer kommentierten: „Bewerben Sie sich bei uns. Wir brauchen immer schlaue Köpfe…“. Wettbewerber und Nachwuchsjuristen stellen sich die Frage, was die Kündigungen für künftige Nachwuchsarbeit bedeutet. Schließlich sind gerade die wissenschaftlichen Mitarbeiter einer der zentralen Wege für Kanzleien, qualifizierten Nachwuchs zu gewinnen.

Olaf Kranz
Olaf Kranz

Olaf Kranz, Managing Partner der Kanzlei, erklärte in einem späteren Statement „Ich kann Ihnen versichern, dass uns die Trennung von unseren Wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nicht leichtgefallen ist. Wir kennen die schwierige Lage im umkämpften Arbeitsmarkt und wissen genau, wie herausfordernd es ist, Talente zu gewinnen und langfristig zu binden. Dennoch mussten wir diese schmerzhafte Entscheidung treffen, weil wir verpflichtet sind, die nachhaltige Wirtschaftlichkeit von Taylor Wessing zu priorisieren. Da ein Ende der aktuellen Situation heute nicht absehbar ist, ist es die zentrale Herausforderung, die Kanzlei durch diese unsichere Zeit zu steuern. Wir sind mit diesem Schritt unserer Vorsorgepflicht nachgekommen, den Geschäftsbetrieb unserer Sozietät und unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gegen eine länger anhaltende wirtschaftliche Krise abzusichern.“

Erst vor rund einem Jahr, zum Jahreswechsel 2019, hatte Taylor Wessing ein Zeichen für die Relevanz ihres juristischen Nachwuchses gesetzt und eine notenabhängige Vergütung eingeführt. Wissenschaftliche Mitarbeiter, die zwei Prädikatsexamina vorweisen konnten, erhielten 1.100 Euro pro Wochenarbeitstag. Das entspricht einem umgerechneten Stundenlohn von rund 32 Euro bei einem Arbeitstag von acht Stunden. Wer nicht das Prädikat in beiden Staatsexamina nachweisen konnte, kam nur auf rund 27 Euro pro Stunde. Nach dem damals eingeführten System konnte ein wissenschaftlicher Mitarbeiter oder auch ein Referendar, der bisher nur das erste Examen absolviert hatte, mit 1.000 Euro pro Wochenarbeitstag genauso viel verdienen wie ein Mitarbeiter, der beide Examina in der Tasche, darin aber schlechtere Noten erzielt hatte.

Die Einführung des Systems hatte für viel Aufsehen im Markt gesorgt, es wurde nach JUVE-Informationen aber nach einem Jahr wieder abgeschafft. Die Kanzlei kehrte zur einheitlichen Vergütung zurück. (Anika Verfürth)

Anmerkung der Redaktion: Wir haben den Artikel am 02.04.2020 mit dem Statement von Taylor Wessing ergänzt.

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