Koerfer berät den fränkischen Automobilzulieferer Schaeffler schon seit Jahren und begleitete auch die spektakuläre Übernahme Contis im vergangenen Jahr federführend. Im Markt gilt er als einer der erfahrensten deutschen M&A-Anwälte und Beraterpersönlichkeit mit hervorragenden Kontakten.
Dennoch kommt die Entscheidung überraschend. Noch kurz zuvor hatte es geheißen, die Schaeffler-Eignerin Maria-Elisabeth Schaeffler selbst wolle die Oberaufsicht bei Conti übernehmen. Insofern gilt Koerfer als Kompromiss, mit dem auch Conti besser leben kann.
Erst Anfang 2008 hatte Koerfer mit seinem spektakulären Wechsel von der US-Kanzlei Shearman & Sterling – wo er Co-Leiter der weltweiten M&A-Praxis war – in das gerade erst eröffnete Düsseldorfer Büro von Allen & Overy für Aufsehen gesorgt.
Bei Allen & Overy regelt eine Policy die Wahrnehmung von Aufsichtsratsmandaten durch Partner der Kanzlei. Danach müssen diese – so auch im Fall von Rolf Koerfer – durch den Senior Partner und den Managing Partner in London genehmigt werden.
Die Tätigkeit an der Aufsichtsratsspitze von Konzernen hat bei Anwälten Seltenheitswert. Koerfer kann die Schaeffler-Gruppe formal gesehen unter Offenlegung der Beratungstätigkeit auch weiterhin rechtlich begleiten.
Marktbeobachter sehen im Zusammenhang mit seiner Anwaltstätigkeit insbesondere die Herausforderung potenzielle Interessenkonflikte zu vermeiden sowie eine Entscheidungsunabhängigkeit zu wahren. Die Tätigkeit an der Aufsichtsratsspitze sei andererseits eine Vollzeitbelastung, die wenig Raum für anwaltliche Tätigkeit lasse, so ein anderer Marktbeobachter.
Bei Allen & Overy sieht man Koerfers neue Aufgabe differenziert: „Vielleicht wäre es für uns wünschenswert gewesen, wenn der Kelch an ihm vorbeigegangen wäre, aber er ist eben nicht vorbeigegangen“, so ein Partner der Sozietät. „Er wird uns für Business-Development über die nächsten Monate nicht zur Verfügung stellen, aber wegen des Schaeffler-Conti-Deals hat Koerfer auch zuletzt in dieser Hinsicht nicht viel machen können“.
Ungewöhnliche Zeiten erforderten überdies auch ungewöhnliche Maßnahmen, so der Partner weiter. Langfristig sei Koerfers neue Position zudem sehr positiv, weil sie zeige wie gut sich Allen & Overy in der deutschen Industrie positioniert habe.
„Immer mehr sehen auch die Mandanten, dass wir auf Augenhöhe mit den führenden Kanzleien sind. Unsere Marke in Deutschland wird dadurch gestärkt“, so der Partner. Koerfer selbst habe zudem eine deutlich hervorgehobene Funktion im Markt gewonnen – so verhandele er inzwischen unter anderem mit den Spitzen der Politik.
Derzeit verhandeln Schaeffler und Conti mit dem Bundeswirtschaftsminister Michael Glos sowie den Ministerpräsidenten der Länder Bayern und Niedersachsen über Staatshilfen in Milliardenhöhe.
Offensichtlich hat sich die Herzogenauracher Schaeffler-Gruppe mit der Übernahme der dreimal so großen Conti finanziell verhoben. Auch auf Conti lasten hohe Verbindlichkeiten aus der Übernahme der ehemaligen Siemens-Tochter VDO im Jahr 2007. Insgesamt sitzen beide Unternehmen auf Schulden von über 20 Milliarden Euro.
Bei Allen & Overy ist neben der Schaeffler-Beratung auch eine weitere Mandatsbeziehung indirekt von Koerfers neuem Posten betroffen.
„Neil Weiand hat in der Vergangenheit Continental finanzrechtlich beraten. Das bräuchte jetzt die Zustimmung des Aufsichtsrates aber es gibt dafür zur Zeit sowieso keinen Bedarf“, so ein Partner der Kanzlei.
Ansonsten sitzt dem Vernehmen nach bei Conti weiterhin die Stammberaterin Freshfields Bruckhaus Deringer fest im Sattel. So berät etwa der Hamburger Partner Prof. Dr. Christoph Seibt nach wie vor im Zusammenhang mit der Übernahme durch Schaeffler und unter anderem auch mit der rechtlichen Verselbstständigung der Conti-Reifensparte Rubber Group. (René Bender)
Erstmals veröffentlicht auf www.juve.de am 26. Januar 2008