Aus rein sportlicher Sicht findet eine sehr erfolgreiche Ära ein abruptes Ende: Der HSV erkämpfte in den vergangenen Jahren zahlreiche Titel, noch 2013 setzte er sich mit dem Gewinn der Champions League die europäische Krone auf. Jetzt gehen die Lichter aus – der HSV steht als Absteiger aus der Handball-Bundesliga fest. Damit findet der Niedergang des Vereins einen vorläufigen Tiefpunkt.
Kurz vor Weihnachten hatte der HSV Insolvenz anmelden müssen. Als Insolvenzverwalter wurde Gideon Böhm, Partner bei Münzel & Böhm, bestellt. Die finanzielle Krise des Vereins hatte sich zuvor dramatisch zugespitzt, nachdem dessen Mäzen Andreas Rudolph nicht mehr eingesprungen war. Rudolph hatte in den vergangenen Jahren Millionen in den Club investiert. Die Rede ist von mehr als 20 Millionen Euro, die wesentliche Grundlage für die sportlichen Erfolge waren.
Vor der aktuellen Saison hatte der Unternehmer eine finanzielle Verpflichtungserklärung unterschrieben – die Voraussetzung dafür, dass der Gutachterausschuss der Liga eine positive Lizenzempfehlung abgab und der verschuldete Verein überhaupt weiter in der Bundesliga auflaufen durfte. Für die rechtlichen Fragen im Gutachterausschuss zeichnet Dr. Hans-Peter Rechel verantwortlich, auf Insolvenzrecht spezialisierter Namenspartner bei der Hamburger Sozietät Wülfing Zeuner Rechel. Allerdings enthielt die Erklärung eine Einschränkung, von der die HBL und ihr Gutachterausschuss keine Kenntnis hatten. Die HSV-Geschäftsführung um den inzwischen freigestellten Christian Fitzek hatte ihnen diese vorenthalten. Im Saisonverlauf machte Rudolph dann Gebrauch von der Einschränkung und half finanziell nicht mehr weiter.
„Der von Lizenzierungskommission und Gutachterausschuss gewollte Sinn und Zweck der Liquiditätsabdeckungsverpflichtung wurde durch die im Lizenzierungsverfahren vom HSV Handball nicht vorgelegte interne Vereinbarung ausgehebelt“, so die HBL jetzt in einer Erklärung. Die Spielberechtigung sei „nicht auf der Grundlage vollständig und wahrheitsgemäß vorgelegter Unterlagen erfolgt“, so der Verband. Entsprechend harsch reagierten nun der Verband und seine Lizenzierungskommission um Rolf Nottmeier, hauptberuflich Richter am Arbeitsgericht Minden. Mit der Verweigerung der Lizenz „schöpft das unabhängige Gremium das maximal mögliche Strafmaß aus, das die Lizenzrichtlinien bei schwerwiegenden Pflichtverletzungen vorsehen“, so die HBL.
Der Ligaverband behält sich eine Klage vor und will nun rechtlich prüfen, wie er seine Rechte und Forderungen geltend machen kann und welche Pflichten auf ihn zukommen. Intern hat die Handball-Liga den früheren Weltklassetorhüter Andreas Thiel als Justiziar in ihren Reihen. Derzeit prüft sie jedoch auch, ob sie eine Kanzlei hinzuzieht, so HBL-Geschäftsführer Frank Bohmann auf JUVE-Nachfrage. Der Zweitligist GWD Minden, der wegen der Lizenzierung zu Unrecht abgestiegen war, kündigte sogar schon an, wahrscheinlich vor Gericht zu ziehen. Auf rund eine halbe Million Euro beziffert GWD-Geschäftsführer Horst Bredemeier den Verlust. Klagen drohen dem HSV zudem von Vereinen, denen nun Heimspiele gegen den Club wegfallen. Denn ob es sportlich weitergeht, ist mehr als unklar.
Viel spricht dafür, dass der HSV den Spielbetrieb wohl noch während der laufenden Saison wird einstellen müssen, auch weil die HSV-Profis das sinkende Schiff bereits nach und nach verlassen. HSV-Insolvenzverwalter Gideon Böhm will voraussichtlich am Dienstag eine Entscheidung bekanntgeben, ob die Hanseaten die Saison zu Ende spielen, zuvor will er die schriftliche Begründung des Lizenzentzugs prüfen und mit Spielern, Mitarbeitern, Sponsoren und Hallenbetreibern über Sinn und Unsinn einer Fortsetzung der Saison sprechen. (René Bender)