Rechtsmarkt der Zukunft

Wann stirbt der Stundensatz, Herr Sengpiel?

Wer arbeitet in der Kanzlei der Zukunft? Wie verändern sich Kanzleistrukturen, und wie werden Berater künftig mit Mandanten zusammenarbeiten? Wir haben mit deutschen Managing-Partnern diese Frage diskutiert. Lesen Sie in Folge 3: Dr. Markus Sengpiel, einer der beiden Kanzleimanager von Luther.

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Markus Sengpiel
Markus Sengpiel

JUVE: Wie wird sich die Zusammenarbeit zwischen Kanzlei und Mandant verändern?
Markus Sengpiel:
Sie wird noch viel differenzierter sein, das heißt einerseits enger und andererseits offener. Wir haben jetzt schon Kollaborationsplattformen mit unseren Mandanten, Luther-Anwälte und Inhouse-Juristen teilen in einigen Projekten Unterlagen und Terminkalender. Das lässt sich ausbauen und wird enorme Effizienzsteigerungen bringen. Je mehr Schritte in der Mandatsbearbeitung wir automatisieren, desto besser werden die Kosten des Produkts Rechtsberatung für uns kalkulierbar.

Stirbt also der Stundensatz?
Er wird definitiv nicht mehr für Commodity-Arbeit bezahlt werden. Da werden wir zu Fallpauschalen oder sonstigen kalkulierbaren Rechenmodellen kommen. Und das dauert keine zehn Jahre – wir sind schon dabei. Die Mandanten forcieren diese Entwicklung, indem sie einerseits schlicht mehr Festpreise einfordern und damit Druck auf Kanzleien ausüben. Andererseits ermöglichen sie bestimmte Dinge erst, indem sie uns Informationen datenbasiert zur Verfügung stellen, die früher kaum zu bekommen waren. Es gab Zeiten, in denen ist ein großer Teil des berechneten Aufwands durch Abstimmungsschleifen mit dem jeweiligen Fachbereich des Mandanten entstanden. Heute gibt es immer besser aufbereitete Informationen durch die Mandanten, die wir durch unsere eigenen Systeme laufen lassen können, sodass wir automatisiert über Daten in aggregierter Form verfügen. Das trägt dazu bei, Beratungskosten besser kalkulierbar zu machen.

Wie werden in der Kanzlei der Zukunft die Nachwuchsjuristen ausgebildet?
Das ist eine spannende Frage, denn vieles von dem, was bisher klassische „Ausbildungsformate“ waren, wird längst durch Maschinen erledigt. Sie können heute keine Associates mehr wochenlang zu Ausbildungszwecken in einen Datenraum setzen, damit sie sich von Hand durch eine Due Diligence arbeiten. Das zahlt Ihnen keiner mehr, und es widerspricht auch unserem Anspruch an eine hochwertige Ausbildung. Auch der Input von Mandanten in größeren Litigation-Fällen wird heute bereits durch vorher angelernte Systeme verschlagwortet, der Anwalt beschäftigt sich dann mit der juristischen Lösung. Wenn man diese Entwicklungen fortschreibt, werden wir in ein paar Jahren schon weiter sein. Es könnte auch sein, dass wir in der Kanzlei der Zukunft schlicht weniger Associates als heute und dafür neue Mitarbeitergruppen in der Mandatsbearbeitung haben.

Wie werden sich die Vergütungssysteme in Kanzleien verändern?
Ein neues Modell müsste berücksichtigen, dass nicht nur Juristen Partner sein können. Damit wären auch Billable Hours als Maßstab für den Beitrag zum Unternehmenserfolg überholt. Denn viele wichtige Tätigkeiten erfordern andere Abrechnungsmodelle. Schon heute arbeiten bei uns 35 Mitarbeiter in der IT, davon sind 8 fast ausschließlich mit Coding befasst. Für einen Mandanten haben wir neulich in einem Monat 1.500 Programmierstunden geleistet, die natürlich nicht über Stundensätze abgerechnet werden. Wir werden also auch zum Softwareanbieter.

Aufgezeichnet von Marc Chmielewski. 

Weitere Beiträge zum Rechtsmarkt der Zukunft finden Sie in der aktuellen Ausgabe 4/2020 des JUVE Rechtsmarkt, die wegen der Corona-Ausnahmesituation diesmal auch kostenlos online erhältlich ist.

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