JUVE: Der Ruf der SEC ist angekratzt, unter anderem weil sie Betrüger wie Bernie Madoff jahrelang hat gewähren lassen. Ist Mary Jo White die Richtige, um den Ruf wiederherzustellen?
Joe Warin: Mary Jo White ist eine ausgezeichnete Wahl als neue Leiterin der SEC. Sie verfügt über einen breiten Erfahrungsschatz, der sie für die Leitung der SEC im Besonderen qualifiziert. Als United States Attorney (Staatsanwalt für Straf- und Zivilsachen) für den Southern District in New York, der traditionell für zivil- und strafrechtliche Verfahren der Wall Street zuständig ist, hat sie sich zwischen 1993 und 2002 großen Respekt erworben, nicht zuletzt durch das durch sie geführte Verfahren gegen den Mafia-Boss John Gotti, der ihren Ruf als „Mafia-Jägerin“ begründete.
White bringt nun Erfahrung aus einer internationalen Kanzlei und mit der „anderen Seite“ mit. Ist das aus Ihrer Sicht gut oder schlecht?
Als Leiterin des Litigation Department der Kanzlei Debevoise & Plimpton hat Mary Jo in den folgenden zehn Jahren gezeigt, dass sie auch als Defense Attorney erfolgreich Wall-Street-Größen in Zivilrechts- und Strafverfahren verteidigen kann. In den Fällen, wo unsere Partner Mary Jo White in Aktion gesehen haben, waren wir beeindruckt von ihrer Fähigkeit, komplexe Sachverhalte umfassend zu durchdringen. In Europa wird das in den USA übliche Wechseln von Regierungsämtern in die Privatwirtschaft und zurück häufig als „Kungelei“ beklagt. Allerdings ist dies Teil des amerikanischen Systems und fördert wiederum pragmatische und lebensnahe Regelungen durch den regen Austausch von Erfahrungen beim „Wechseln der Seiten“.
Welche Politik ist von ihr zu erwarten?
Sicher ist, dass Frau White alle Voraussetzungen mitbringt, um die komplexen Regelungen des Dodd-Frank Act und weitere Aufräumarbeiten, die nach der Finanzkrise noch ausstehen, kraftvoll und mit überlegener Intelligenz anzugreifen. Die hat wohl auch für Präsident Obamas Entscheidung, Mary Jo White als neue Leiterin der SEC vorzuschlagen, den Ausschlag gegeben.
Das Gespräch führte Volker Votsmeier.