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25.06.2013

Suhrkamp-Streit nach den Regeln der Insolvenzordnung

Welches Unternehmen ist wichtiger? Zwei sogenannte Schutzschirmverfahren, beide begonnen im Mai, beschäftigen die Öffentlichkeit – oder eben nicht.

Startverzögerung: Erst ein nachgebesserter Insolvenzantrag bescherte Dirk Andres das Verfahren GTI Travel.

+++ Das eine Schutzschirmverfahren betrifft den Suhrkamp-Verlag. Rund 150 Mitarbeiter erwirtschaften dort rund 40 Millionen Euro Umsatz, der Gesellschafterstreit ist legendär. Nach dem letzten gerichtlichen Erfolg der Medienholding von Hans Barlach, die vor dem Landgericht Frankfurt am Main eine Auszahlung von 2,2 Millionen Euro erstritt, überraschte der Verlag mit dem Schutzschirm-Konstrukt. Als Generalbevollmächtigter agiert seitdem Dr. Frank Kebekus von Kebekus & Zimmermann, einer der bekanntesten deutschen Insolvenzexperten und unter anderem Sprecher des Gravenbrucher Kreises. Beratend ist Gleiss Lutz für den Verlag tätig, federführend mit Dr. Jörn Wöbke und dem Restrukturierungsexperten Dr. Andreas Spahlinger. Zum Sachwalter bestimmte das Berliner Insolvenzgericht Prof. Rolf Rattunde aus der Kanzlei Leonhardt. +++

+++ Das andere Schutzschirmverfahren ist wirtschaftlich bedeutender. Die Blechformwerke Bernsbach, Autozulieferer im Erzgebirge, zählen rund 400 Mitarbeiter und setzten im vergangenen Jahr noch 64 Millionen Euro um, nach 75 Millionen im Jahr 2011. Nach dem Antrag beim Amtsgericht Chemnitz ist Rüdiger Wienberg von hww Wienberg Wilhelm als Sachwalter bestimmt worden, für das Unternehmen ist Andreas Ziegenhagen von Dentons als Restrukturierungsberater aktiv. Die erklärten Ziele sind nachhaltige Sanierung, Rekapitalisierung und Neuausrichtung. Das wären vielleicht auch gute Ziele für Suhrkamp … +++

+++ Den Schutzschirm zusammengefaltet hat Arndt Geiwitz von Schneider Geiwitz & Partner für den Strumpfhersteller Kunert. Die beim Amtsgericht Kempten angesiedelte Insolvenz war im Februar unter Eigenverwaltung begonnen worden, mit Geiwitz als Sachwalter. Doch die Richter eröffneten das Verfahren Anfang Mai als Regelinsolvenz. Etwas schneller und etwas leichter fällt so der Abschied von finanziellen Altlasten, die einen möglichen Käufer abschrecken. Doch dieser Schritt ruft Anlegerschützer auf den Plan, die nun am liebsten Arndt Geiwitz selbst als Altlast präsentieren möchten: Ein knappes Jahr lang, bis Juli 2006, war er Mitglied des Aufsichtsrats der Kunert AG – als Restrukturierungsexperte, denn damals durchlief die Gesellschaft ihre erste Neufinanzierung. +++

+++ Das Düsseldorfer Amtsgericht hatte Anfang Juni den Insolvenzantrag des Reiseveranstalters GTI Travel zurückgewiesen, weil dem Vernehmen nach nicht einmal die Mindestanforderungen erfüllt waren. Das hielt das Unternehmen, das zur türkischen Kayi-Gruppe gehört, allerdings nicht davon ab, auf der eigenen Website die Pleite zu verkünden: Der Betrieb wurde eingestellt, Tausende von Urlaubern standen vor vollendeten Tatsachen. Eine Woche später war der Antrag nachgebessert und ein vorläufiger Insolvenzverwalter gefunden: Dr. Dirk Andres von AndresSchneider ist jetzt am Drücker. Die abrupte Betriebspause vor seiner Bestellung macht eine Rettung schwierig. +++ (Markus Lembeck)

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