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21.11.2019

Kommentar: Cum-Ex-Deals holen die Kanzleien ein

Jahrelang zog sich die Aufarbeitung der umstrittenen Cum-Ex-Deals hin, nun geht es Schlag auf Schlag: Der erste Strafprozess am Landgericht Bonn fördert zahlreiche neue Einblicke in die komplexen Deals zutage. Nun wurde bekannt, dass Dr. Ulf Johannemann, Leiter der Steuerpraxis von Freshfields Bruckhaus Deringer, die Kanzlei verlassen hat. Gegen Johannemann, der die Cum-Ex-Praxis mit steuerrechtlichen Gutachten flankierte, ermittelt die Staatsanwaltschaft bereits seit längerem. Ein Kommentar von Jörn Poppelbaum.

Die Personalie Johannemann ist nur der jüngste Höhepunkt des Cum-Ex-Skandals – schon in den vergangenen Wochen hat dessen Aufarbeitung merklich an Fahrt aufgenommen. Länger als ursprünglich geplant hörte etwa die Strafkammer des Bonner Landgerichts aufmerksam zu, denn offensichtlich war die Aussage des sogenannten Kronzeugen im Cum-Ex-Strafprozess so interessant und glaubwürdig, dass die Richter ihm mehr Zeit einräumen wollten. Durch die Angaben des Mannes, der in den Medien den Decknamen Benjamin Frey trägt, verschob sich der Fokus weg von den eigentlich Angeklagten – zwei ehemaligen Händlern der HypoVereinsbank – hin zu den steuerrechtlichen Beratern der Deals.

Für einige Wirtschaftskanzleien ist das unangenehm. Denn durch den Bonner Strafprozess erfuhr auch die Öffentlichkeit, dass es zu einfach ist, Dr. Hanno Berger und vielleicht einigen Partnern von Freshfields Bruckhaus Deringer die gesamte Verantwortung in die Schuhe zu schieben. Zwar bleibt es dabei: Berger, der Ex-Shearman & Sterling- und Ex-Dewey & LeBoeuf-Partner, stand im Zentrum, er war das ‚Hirn‘ der quasi industrialisierten Cum-Ex-Transaktionen; und Freshfields-Gutachten spielten von Anfang an eine maßgebliche Rolle für die Legitimierung der Deals – das zeigt etwa die vom Zeugen beschriebene rechtliche Stellungnahme für die australische Bank Macquarie.

Doch dass Berger helfende Anwaltshände in mehreren Kanzleien hatte, ist in dieser Breite und Tiefe noch nicht erläutert worden. Klar dürfte nun auch dem letzten Kanzleimanager sein, dass er den einen oder anderen Partner in seinen Reihen hat, der zurzeit von seiner eigentlichen Arbeit etwas abgelenkt sein dürfte. Es wird zwar seine Gründe haben, warum die energische Staatsanwältin Anne Brorhilker, die die Angaben ‚ihres‘ Kronzeugen schon seit Monaten kennt, bislang nicht bei weiteren Anwälten aus dem Cum-Ex-Zirkel angeklopft hat. Nicht einmal als Zeugen sind diese nach Informationen von JUVE bislang für den Bonner Prozess benannt worden. Doch ist dieses Strafverfahren ja nach aller Wahrscheinlichkeit nur das erste. In Frankfurt scharrt die Justiz ebenfalls mit den Füßen. Vor weiteren bösen Überraschungen ist niemand sicher.

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