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02.06.2020

Resilienz & Co: „Für die mentale Gesundheit kann die Krise auch viel Gutes haben“

Als ehemalige professionelle Tennisspielerin hat Dr. Angela Kerek gelernt, sich auf Hochleistung zu trimmen und körperlich wie geistig fit zu bleiben. Für beides setzt sie sich nun als Partnerin bei Morrison & Foerster ein. JUVE sprach mit ihr darüber, warum das Thema für Kanzleien gerade auch jetzt so wichtig ist.  

Angela Kerek

Angela Kerek

JUVE: Frau Kerek, was hat Tennis mit Rechtsberatung zu tun?
Dr. Angela Kerek: Bei beidem geht es um Leistung, um das Bessersein. Als Anwältin will ich gut sein, eine Verhandlung gewinnen. Man vergisst dabei schnell, dass es nicht darum geht, alles zu gewinnen, sondern darum, die wichtigen Punkte zu machen. Der Anwaltsberuf ist, jedenfalls was den Wettbewerb und den erwarteten Output angeht, genau wie auch der Leistungssport, in vielerlei Hinsicht ungesund.

Wie haben Sie das gemerkt?
Als junge Associates, kurz nach der Finanzkrise, haben wir ein unglaubliches Arbeitspensum abgearbeitet. Doch bei allem, was wir erreichten, hielt das Erfolgsgefühl nie lange an. Wie im Sport. Das Problem ist: Verlieren oder schlechter sein als andere fühlt sich viel länger bitter an als das gute Gefühl, erfolgreich zu sein. Als ich später Partnerin wurde, ging es mir genauso. Anfangs war ich stolz und fühlte mich gut, aber eben nicht so gut, wie ich immer dachte. Ich wollte mehr Wachstum erzielen und mich mit anderen messen. Irgendwann kam der Punkt, an dem ich mich fragte: Willst du eigentlich so weitermachen oder musst du deine Ziele neu überdenken, dich neu sortieren? 

Sie haben 2019 ein Programm initiiert, um die psychische und physische Fitness zu steigern. Wie bekommen Sie Anwälte dazu, sich darauf einzulassen?
Die jüngere Generation ist sehr offen für solche Themen, fordert sie beinahe schon. Partner sind schwerer zu überzeugen. Wichtig ist, den Dialog anzustoßen. Dazu gehören offene Gespräche, auch über Themen wie persönliches Scheitern, Krankheiten, Depressionen oder Burn-out. Etwas, das im Anwaltsmarkt häufig unter den Tisch gekehrt wird. Nach einer Veranstaltung bedankten sich unsere Associates dafür, dass auch wir Partner zugaben, manchmal Fehler zu machen und nicht immer perfekt zu sein. Dabei sind gerade Fehler und ein Scheitern so lehrreich. Ich kann wieder aufstehen, um danach besser zu werden. Das nennt sich Resilienz.

Wie haben Sie das Programm in der Corona-Krise weitergeführt?
Dass die gesamte Kanzlei im Homeoffice arbeitet, war neu für uns. Wir haben täglich Kontakt zu den Mitarbeitern aufgenommen und angeregt, neue Routinen zu entwickeln, sich eine Struktur zu geben und auch Grenzen zu setzen. Denn gerade jetzt verschwimmt die Trennlinie zwischen Arbeit und Privatem sehr stark. Auch unser Sportangebot haben wir auf virtuell umgestellt. Wir haben unsere Partnerschaft mit der Charité ausgeweitet und Spezialisten zu Corona-spezifischen Fragen zu Videokonferenzen eingeladen. Für die mentale Gesundheit wird die Krise langfristig sicher auch viel Gutes haben.

Inwiefern?
Gerade jetzt ist die Zeit, sich neue und gesunde Routinen anzueignen. Sich zu fragen, ob alle Reisen künftig noch nötig sind oder ob die Welt wirklich untergeht, wenn ich eine E-Mail nicht mehr spätabends beantworte, sondern bis zum nächsten Morgen warte. 

Lässt sich denn das Leistungssystem, auf dem Kanzleien fußen, ändern?
Ich persönlich glaube: ja, auch wenn es nicht leicht ist, ab und zu anzuhalten, um Luft zu holen. Jeder muss bereit sein, sich selbst zu reflektieren, um daraus bessere Praktiken im Arbeitsalltag zu entwickeln. Zudem muss auch die Kanzlei ein positives Umfeld schaffen, in dem man gesunde Entscheidungen treffen kann. 

Befeuert es am Ende nicht aber wieder das System, wenn jeder mental besser und somit auch leistungsstärker wird?
Es geht nicht per se darum, ein besserer Mitarbeiter zu werden. Das ist ganz wichtig. Es geht um das eigene persönliche Gleichgewicht. Klar geht es dem Team besser, wenn es mir besser geht – und das kommt auch beim Mandanten besser an. Aber anders als im Leistungssport üben wir diesen Beruf in der Regel 40 Jahre oder länger aus. Wie will man so lange top bleiben, wenn man sich nicht um sich selbst kümmert?

Das Gespräch führte Anika Verfürth.

Das Interview ist aus der aktuellen Ausgabe des JUVE Rechtsmarkt. Da immer noch viele im Homeoffice sitzen, während das Heft an den Arbeitsplatz geliefert wird, stellen wir auch diese Ausgabe kostenlos online zur Verfügung: hier entlang

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