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12.10.2020

Turbulenzen bei Grenke: FIU setzt Untersuchung fort

Seit Mitte September die ersten Vorwürfe des Shortsellers Viceroy bekannt wurden, beschäftigt der Fall des Baden-Badener Leasingspezialisten Grenke Heerscharen von Anwälten, Wirtschaftsprüfern und Behördenmitarbeitern. Auch die Anti-Geldwäsche-Einheit des Zolls (FIU) ist dabei, die Vorgänge zu untersuchen.

Christof Schulte

Christof Schulte

Die Zoll-Spezialeinheit Financial Intelligence Unit (FIU) teilte auf JUVE-Nachfrage mit, dass sie mit Bekanntwerden der Vorwürfe eine vertiefte Analyseoperation aufgenommen habe. Aufgrund der aktuellen Ereignisse unterziehe man Verdachtsmeldungen einer nochmaligen Bewertung. Die FIU, die allein im Vorjahr insgesamt 14.914 Verdachtsmeldungen erhalten hatte, identifizierte laut Presseberichten schon zu Beginn ihrer Untersuchung acht Verdachtsmeldungen, die sich auf Grenke bezogen. Fünf wurden bereits an die Strafverfolgungsbehörden weitergegeben.

Aktuell prüfe die FIU „insbesondere mögliche Deliktsbezüge zu Anlagebetrug, Insiderhandel und Marktmanipulation, erforderlichenfalls aber auch weitergehende Deliktsbezüge.“ Die nationale Zentralstelle für Finanztransaktionsuntersuchungen wird seit August 2018 von dem Jurist Christof Schulte geleitet.

Zuvor hatte die Analyseagentur Viceroy Research, hinter der der Engländer Fraser Perring steht, Mitte September einen Report zu den Geschäftspraktiken des Leasing- und Finanzierungsunternehmens Grenke  veröffentlicht. Viceroy, die zuvor auch Steinhoffs und Wirecards Bilanzen durchleuchtet und hinterfragt hatte, warf Grenke vor, dass ein Großteil ihrer in Finanzberichten angezeigten liquiden Mittel nicht existiere. Zudem habe sich Firmengründer Wolfgang Grenke im Januar an der CTP-Mutter Sacoma beteiligt, die regelmäßig Anlauffinanzierungen für die Franchises von Grenke bereitstellt. Diese Verquickung hätte aktienrechtlich bekanntgegeben werden müssen.

Im Fadenkreuz der Investoren und Behörden

Die Unternehmensführung von Grenke wies die Vorwürfe wiederholt zurück. Der Barbestand sei vorhanden und dessen Umfang von mehr als einer Milliarde Euro der Profitabilität und der Ausgabe einer 200 Millionen Euro schweren Anleihe im April geschuldet. Um die Zweifel auszuräumen, legte das MDax-Unternehmen sogar Bankauszüge offen. Zudem beauftragte es zwei multidisziplinäre Einheiten mit Prüfgutachten: Während KPMG den Zahlungsmittelbestand überprüfen sollte, widmet sich Warth & Klein Grant Thornton dem ebenfalls stark kritisierten Franchisesystem.

Auch die BaFin untersucht Vorwürfe auf Marktmissbrauch und zum möglichen Insiderhandel schon im Vorfeld der Viceroy-Studie. Ihr obliegt die Aufsicht über das Finanzierungsleasinggeschäft sowie über die Grenke Bank, die auch die Refinanzierungstätigkeit der Muttergesellschaft absichert. Die BaFin bestätigte gegenüber JUVE, dass sie die Sonderprüfung gemeinsam mit Mazars durchführt. Zudem überprüft sie auch die Grenke-Jahresabschlüsse.

Aufsteiger mit 40.000 Handelspartnern

Grenke war im vergangenen Herbst vom SDax in den MDax aufgestiegen. Das Unternehmen mit etwa 1.700 Mitarbeitern und über 40.000 kooperierenden Händlern bietet Geräte für die Bürokommunikation als Leasingprodukte an. Rund 40 Prozent der Aktien des seit 2003 börsennotierten Unternehmens hält die Familie Grenke über eine Beteiligunsgesellschaft, knapp 60 Prozent befinden sich im Streubesitz.

Das Unternehmen selbst wird nach JUVE-Recherchen gesellschaftsrechtlich schon seit einigen Jahren von Ebner Stolz beraten. Ihr Karlsruher Partner Andreas Rupp unterstützte etwa 2018 eine Kapitalerhöhung mit einem Emissionsvolumen von etwa 200 Millionen Euro und er begleitete auch die Vorbereitungen zur virtuellen Hauptversammlung in diesem Sommer. Dort hatten die Aktionäre einer Dividendenausschüttung von 0,80 Euro je Aktie zugestimmt. Dabei hatten sie die Möglichkeit, die Dividende ausschließlich in bar oder teilweise in Form von Aktien der Grenke AG zu erhalten. Etwa ein Drittel entscheid sich für die aktienbasierte Dividendenzuteilung. Die dabei involvierte Commerzbank vertraute auf ein Team um Hogan Lovells-Partner Prof. Dr. Michael Schlitt. 2014 und 2016 hatte Hogan Lovells auch Grenke direkt zur Dividendenausschüttung und einer Bezugsrechtsemission beraten.

Zu kapitalmarktrechtlichen Aspekten der Aktienausschüttungen beriet 2020 auch erstmals Pinsent Masons, nachdem zuvor die Kapitalmarktrechtlerin Susanne Lenz aus Schlitts Team zu Pinsent Masons gewechselt war. Aktuell sind nach JUVE-Informationen aber weder Pinsent noch Hogan Lovells mandatiert.

Grenkes Aufsichtsrat wird derzeit interimsweise von dem Wirtschaftsprüfer und Steueberater Jens Rönnberg geführt. Rönnberg war früher Partner bei PricewaterhouseCoopers und gehört dem Gremium seit 2019 an. Nun übernahm er den Vorsitz vorübergehend von Unternehmensgründer Grenke. (Sonja Behrens)

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