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22.11.2019

Karrierewege: Linklaters und die 40-Stunden-Woche

2017 hat Linklaters die 40-Wochenstunden-Option für Associates und Counsel eingeführt. Manche Partner und erst recht Wettbewerber waren sicher: Das kann nicht funktionieren. Doch heute gehören Anwälte mit Stundenlimit zum Alltag. Wie kann das sein? 

Kristina Klaaßen-Kaiser

Kristina Klaaßen-Kaiser

Einen Associate-Job mit vertraglich festgehaltenen 40 Wochenstunden und absolut planbaren Arbeitszeiten gibt es bei Linklaters für 80.000 Euro Einstiegsgehalt statt der üblichen 120.000 Euro. Dafür verzichten diese Associates auf eine zentrale Aufstiegsperspektive: Partner können sie nur werden, wenn sie das ‚YourLink‘ genannte Alternativmodell wieder aufgeben.

Linklaters hatte eine Antwort gesucht auf die Bedürfnisse der Bewerbergeneration, die im Vorstellungsgespräch schmerzfrei nach Feierabendzeiten und freien Wochenenden fragt. Schließlich sitzen Associates mit herkömmlichen Verträgen laut azur Associate-Umfrage im Marktdurchschnitt rund 54 Stunden pro Woche am Schreibtisch, bei Linklaters sogar 58 Stunden. Gäbe es ein Ranking der Kanzleien mit den längsten Arbeitszeiten, wäre Linklaters unter den Top Ten. Junge Juristen wissen durchaus, worauf sie sich in Großkanzleien wie dieser unter normalen Umständen einlassen müssen. Und immer weniger sind dazu bereit.

Immer häufiger hörten Personalverantwortliche eine ähnlich lautende Begründung von Associates, wenn sie kündigten: „Das Modell Großkanzlei ist nichts für mich.“ Sie hatten einfach keine Lust mehr, ihr Privatleben ständig dem Job unterzuordnen. Das Gleiche sagen potenziellen Kandidaten auf Bewerbermessen. Sie wollen sich wegen der Arbeitszeiten lieber gleich bei Unternehmen oder beim Staat bewerben, heißt es häufig. Großkanzlei? Nein, danke! Linklaters verlor erfahrene Associates, während sich potenzielle Neueinsteiger mit Top-Noten erst gar nicht für sie interessierten. Ein Problem, mit dem nahezu sämtliche Spitzenkanzleien kämpfen. Die ebenso marktübliche wie einfallslose Reaktion bis dato: jungen Associates ein (noch) höheres Gehalt zu zahlen in der Hoffnung, damit alles zu kompensieren. Mit Geld lassen sich aber immer weniger Bewerber dieser Generation locken.

Doch eine Idee zu haben, die verlässliche Arbeitszeiten garantiert, ist das eine. Das andere ist, eine solche in der Partnerschaft durchzusetzen. Die Begeisterung vieler altgedienter Partner hielt sich in Grenzen. Hungrig müsste ein Bewerber sein und zu persönlichen Opfern bereit, meinten die einen; feste Arbeitszeiten bedeuteten für sie automatisch eine Dienst-nach-Vorschrift-Mentalität. Andere Partner befürchteten eine Zweiklassen­gesellschaft. Wieder andere bezweifelten, dass man mit reduziertem Arbeitspensum überhaupt die besten Absolventen ansprechen könnte – auch wenn das neue Modell ausdrücklich keine Kompromisse bei der Qualifikation vorsah.

Inzwischen haben sieben Frauen und zwölf Männer bei Linklaters einen stundenfixierten Vertrag. Wenn rund 20 Prozent der Anwälte in einem Team feste Arbeitszeiten haben, ist für Linklaters allerdings auch das zunächst realistische Maximum erreicht. Denn das Modell erfordert mehr Management-Aufwand. Dirk Horcher, Linklaters-Partner und Mitinitiator des Modells: „Mit YourLink-Anwälten im Team müssen Mandate anders strukturiert werden, und das ist Aufgabe der Partner.“ Reibungsverluste nennen das die Gegner des Modells, Kristina Klaaßen-Kaiser, Personalpartnerin bei Linklaters, spricht lieber von Effizienz. Zwar bedeute es Zusatzaufwand, wenn der federführende Partner genau im Blick haben muss, wer was wann macht, aber: „Es ist unsere Aufgabe, Mandate effizient zu strukturieren“, sagt sie. „Das YourLink-Modell zwingt uns dazu, dies noch besser zu tun.“ Außerdem kompensiert die bessere Zeitausnutzung durch die Associates selbst diesen Mehraufwand. (Eva Flick)

Mehr über das 40-Stunden-Modell und neue Karrierewege lesen sie im aktuellen JUVE Rechtsmarkt, der gerade erschienen ist.

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