Diversity-Studie in Österreich

Er ist männlich, promoviert – und heißt Stefan

Viele Juristinnen, wenige Partnerinnen – dieses Bild zeichnet der Merit-Report zu ,Partner:innen in Rechtsanwaltskanzleien‘. Entlang des Karrierewegs nimmt der Frauenanteil immer weiter ab, das Phänomen der ‚leaky pipeline‘ führt zu einem Verlust weiblicher Talente. Nur drei Kanzleien in Österreich durchbrechen dieses Muster.

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Er heißt Stefan und trägt mit 59-prozentiger Wahrscheinlichkeit einen Doktortitel. Zu diesem Ergebnis kommt der Merit Report 2026, bei der Frage, wie der typische Partner einer österreichischen Rechtsanwaltskanzlei gestrickt ist. Die Betonung liegt hier tatsächlich auf Partner, denn wie der Bericht weiter darlegt, sind 79,7 Prozent der Personen auf Partnerebene männlich. Schaut man noch etwas genauer hin, in die Equity-Riege der Kanzleien, nimmt dieser Anteil nochmals weiter zu.

Ulrike Farnik

Hier liegt der Anteil der Männer laut Merit-Bericht bei 84 Prozent. „Zugleich steigt hier der Anteil der Promovierten auf 68 Prozent an“, erläutert Ulrike Farnik. Sie ist Mitgründerin und Vorsitzende der Anfang 2026 gegründeten Organisation Merit, die sich für Gleichstellung und Vielfalt in Führungspositionen einsetzt.

Rechtsanwaltskanzleien unter der Lupe

In ihrem ersten veröffentlichten Report vom Februar 2026 beleuchtete Merit die Geschlechterverteilung in den Vorständen und Aufsichtsräten der im Wiener Börse-Index gelisteten Unternehmen. Darin enthalten sind auch die 20 ATX-Unternehmen. Zukünftig soll der Bericht jährlich die Entwicklungen genauer beleuchten. Als Sonderreport erschien nun die Untersuchung von insgesamt 34 Rechtsanwaltskanzleien zum Stichtag 1. Februar 2026. Der Vergleich von Unternehmen und Kanzleien zeigt, dass die Rechtsberatungseinheiten beim Frauenanteil in der Partnerschaft und Gesellschafterriege bereits etwas vorne liegen.

Mehr Männer als Frauen gibt es in der Kanzleiwelt hierzulande hingegen zum Beginn der Berufslaufbahn, auf der Ebene der Rechtsanwaltsanwärterinnen und Rechtsanwaltsanwärter. Ab der Anwaltsebene drehen sich die Verhältnisse deutlich, und bis zur Equity-Partnerschaft zeichnet sich ein immer klarerer Trend ab: Je höher die Position, desto männlicher wird das Umfeld.

So undicht ist die Pipeline in Kanzleien

52,6 % der Rechtsanwaltsanwärterinnen und -anwärter sind Frauen

25,6 % der eingetragenen Anwältinnen und Anwälte sind Frauen

20,3 % erreichen die Partnerebene

16,0 % erreichen die Equity-Partnerschaft

Quelle: Merit Report Partner:innen in Rechtsanwaltskanzleien 2026

Muster durchbrechen.

Dieser Umstand ist laut Farnik nicht zuletzt dem ,Ähnlichkeitsprinzip‘ geschuldet. „Aktuell sind es vor allem Männer, die an der Spitze von Unternehmen stehen. Entscheidungsträger greifen bei der Rekrutierung häufig – oft unbewusst aufgrund von Bias – auf bekannte Netzwerke zurück und neigen dazu, Personen auszuwählen, die ihnen selbst ähnlich sind, mit ähnlichem Hintergrund, Einstellungen und Karrierewegen“, erklärt Farnik. „Wenn diese sich nun Nachfolger suchen oder Stellen besetzen, suchen sie in der Regel ähnliche Charaktere oder Personen aus dem gleichen Netzwerk aus, und das sind meist Männer“, führt sie weiter aus. Ihr Fazit: „Diese Struktur muss durchbrochen werden, da sich andernfalls die ,Stefans‘ immer weiter reproduzieren und die Hälfte der Talente außen vor bleibt“.

Dass überwiegend oder sogar rein männliche Teams und Strukturen auf verschiedenen Ebenen auf Dauer in der Rechtsberatungsbranche nicht haltbar sein werden, liegt spätestens nach der Einführung von Diversitätsvorgaben durch Mandanten auf der Hand. Allerdings lässt sich eine solche Veränderung nicht allein durch externe Faktoren wie Vorgaben und Quoten vollziehen. „Es muss von innen, vor allem von der obersten Managementebene gewollt sein, sich aufgrund der Vorteile gemischter Führung diverser aufzustellen“, stellt Farnik klar und begründet, warum sich dies langfristig für die Kanzleien auszahlen dürfte: „Die Forschung hat bereits gezeigt, dass gemischte Teams innovativer, resilienter und wirtschaftlich erfolgreicher sind.“

Drei Kanzleien gegen den Trend.

Dass es anders geht, zeigt die ,Merit Liste‘ im Report. Von den insgesamt 34 Kanzleien erreichen drei Kanzleien die oberste Kategorie, die eine Frauenquote von mindestens 40 Prozent in der Partnerschaft beziehungsweise Equity-Partnerschaft voraussetzt. Sowohl EY Law – Pelzmann Gall Größ (50 Prozent Partnerschaft; 44 Prozent Equity-Partnerschaft) als auch DLA Piper Weiss-Tessbach (47 Prozent Partnerschaft; 44 Prozent Equity-Partnerschaft) und PHH Rechtsanwält:innen (43 Prozent Partnerschaft; 40 Prozent Equity-Partnerschaft) erreichten zum Stichtag jeweils Quoten von 40 Prozent oder mehr. Nur zwei der 34 betrachteten Kanzleien haben eine rein männliche Partnerschaft, sofern es nicht allein um das Equity geht. Insgesamt 9 der 34 Kanzleien weisen eine komplett männliche Gesellschafterriege auf.

Mit dem Bericht geht es Merit allerdings nicht darum, anzuklagen, wie die Vorsitzende ausdrücklich betont. Sondern es geht darum, Fakten zu präsentieren und positive Beispiele aufzuzeigen. Denn klar ist: Wer nicht mehr als die Hälfte der potenziellen juristischen Talente der Zukunft verlieren möchte, sollte sich darum bemühen, Strukturen zu durchbrechen, damit sich zukünftig zu den vielen Stefans auch gleich viele Stefanies gesellen können.

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