JUVE Kanzlei des Jahres

M&A

Anhaltender Hochbetrieb

Nach Zahl und Gesamtvolumen der Transaktionen war 2018 erneut ein gutes M&A-Jahr. Die Transaktionsteams waren bestens ausgelastet, auch wenn eine von manchen Marktteilnehmern gefühlte Spitzenkonjunktur sich aus den Zahlen der gängigen Statistiken nicht bestätigen lässt. Dennoch ist angesichts von schlagzeilenträchtigen Deals ein solcher Eindruck durchaus verständlich, denn finanzstarke Konzerne wie Siemens, Bayer oder BASF gaben viel Geld für Auslandsakquisitionen aus. Praktisch alle Kanzleien im oberen Segment profitierten außerdem vom anhaltenden Interesse ausländischer Investoren am deutschen Markt. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass aus China wegen der staatlichen Reglementierung von Kapitalabflüssen weniger Geld nach Deutschland floss. Die Investitionen aus anderen starken Staaten, u.a. den USA, nahmen dagegen unvermindert zu.

Der schon seit einigen Jahren bei M&A-Anwälten anhaltende Trend, sich auf bestimmte Branchen auszurichten, zeigt inzwischen breitere Wirkung: ein besonderes Verständnis für das Funktionieren von zunehmend internationalen Produktmärkten erlaubt es ihnen, auch an Transaktionen mitzuwirken, deren Schwerpunkt gar nicht in Deutschland liegt. Zahlreiche M&A-Anwälte aus deutschen Kanzleien sind heute zu internationalen Transaktionsspezialisten geworden – eine Rolle, die lange Zeit der Londoner oder bestimmten Teilen der US-Anwaltschaft vorbehalten war. Der Umfang, in dem sich M&A-Anwälte aus Kanzleien wie Hengeler Mueller, Noerr oder CMS Hasche Sigle außerhalb Deutschlands engagieren, zeigt neben dem Bedarf dafür auch die Kompetenz deutscher Anwälte. Für die Deutschen aus Kanzleien mit starken Londoner Praxen ist es wegen einer durchaus gegebenen internen Konkurrenzsituation oft schwieriger gewesen, sich in gleicher Weise zu profilieren. Doch das kann sich ändern, je nachdem wie sich der Brexit gestaltet.

Digitalisierung schreitet voran

Es gibt wenige Beratungsfelder, die künftig so stark von Legal-Tech-Tools beeinflusst werden wie M&A. So jedenfalls lautet die Prognose. Fast alle Kanzleien beschäftigen sich mit den Möglichkeiten der Digitalisierung und Standardisierung von M&A-Abläufen, doch letztlich ist der Einsatz in der Due Diligence und bei der Gestaltung und Prüfung von Verträgen noch begrenzt. Die Zeiten, in denen Heerscharen von Associates sich durch Berge von Dokumenten gruben, sind aber lange vorbei, das ist eher die Folge eines veränderten Kostenmanagements seit der 2008er Finanzkrise. Mandanten waren danach nicht mehr bereit, die Kosten für die zuvor üblichen großen Associate-Teams und umfangreiche Due-Diligence-Berichte zu tragen.

Ein M&A-Bereich, in dem Legal Tech schon jetzt bestimmten Mehrwert schafft, ist die Immobilienwirtschaft, doch in anderen Marktsegmenten wird der große Paradigmenwechsel mehr erwartet als gelebt. Es gibt bisher keine Anwendung, die von der erforderlichen kritischen Masse an M&A-Praxen eingesetzt wird, um sich zum Marktstandard zu entwickeln. Einige der großen Kanzleien haben eigene Entwicklungsabteilungen geschaffen oder kooperieren mit IT-Start-ups, denen sie finanziell unter die Arme greifen. CMS unterhält in Berlin eine Entwicklungseinheit, Freshfields Bruckhaus Deringer hat den Aufbau eines entsprechenden Teams in Berlin angekündigt, Baker & McKenzie unterstützt in Frankfurt mit einigen von namhaften Mandanten ein Innovationsprojekt. Immer wieder gehen aus diesen Konstellationen M&A-unterstützende Anwendungen hervor. Nur: diese werden im Moment von einzelnen Kanzleien oder Anbietern entwickelt und eingesetzt. Das heißt, ihre Nutzung bleibt punktuell.

Es gibt durchaus bereits frei verfügbare Programme deutscher Start-ups, gerade im schnelllebigen M&A-Markt ist allerdings auch die laufende Weiterentwicklung eine nicht zu unterschätzende Herausforderung. Es gibt einige erfolgreichere Programme aus dem US-Markt. Diese sind hierzulande jedoch oft nur von begrenztem Nutzen, weil sie sprachliche Defizite haben und nur unzureichend auf Rechtsordnungen jenseits des angelsächsisch geprägten Common Law zugeschnitten sind.

All das erteilt den Utopien über einen digital getriebenen Transaktionsmarkt einen deutlichen Dämpfer. Doch es gibt einen Trend, der außerhalb Deutschlands schon heute beobachtet werden kann: eine große Zahl britischstämmiger Kanzleien, darunter Freshfields, Allen & Overy, Herbert Smith Freehills und Ashurst, haben große Mitarbeiterteams außerhalb Londons etabliert, v.a. in Belfast, Manchester und Glasgow. Ursprünglich waren diese als preisgünstigere Serviceeinheiten zur Unterstützung von kleinteiligen und standardisierbaren Abläufen gedacht, im Lauf der Zeit aber übernahm sie immer komplexere Aufgaben – durch den Einsatz von Projektjuristen oder verbesserte Legal-Tech-Tools. Inzwischen können sie mit den neuen Einheiten nicht nur ihren vorhandenen Mandanten einen günstigeren Service bieten, sie haben auch festgestellt, dass sie bislang finanziell weniger attraktives Beratungsgeschäft nun mit akzeptabler Gewinnspanne abwickeln können.

Eine vergleichbare Entwicklung im deutschen Markt hätte erhebliche Konsequenzen. Wenn die bislang auf große Deals fokussierten Kanzleien oder die Rechtsberatungsarme der Big-Four-Wirtschaftsprüfungsgesellschaften auf diesem Feld beginnen, den auf den Mittelstand ausgerichteten Kanzleien Marktanteile streitig zu machen, sieht deren Zukunft gerade im M&A wackelig aus. Das gilt umso mehr, als dass einige auf Mid-Cap-Transaktionen ausgerichtete Kanzleien schon jetzt auch von Boutiquen unter Druck gesetzt werden – zumal diese kleinen Spezialkanzleien dank Legal Tech in der Lage sein könnten, mit den großen Praxen bei Transaktionen zu konkurrieren, bei denen sie mangels ausreichender Personalkapazitäten bislang von den Mandanten nicht in Erwägung gezogen werden. Der M&A-Markt könnte in den kommenden Jahren durch unruhige Zeiten gehen.

Es rumort in der Mitte

Auslandsinvestitionen deutscher Industrieunternehmen

Die Marktführerschaft der drei Kanzleien Freshfields, Linklaters und Hengeler ist weiterhin nicht bedroht. Die Strategien ihrer M&A-Praxen unterscheiden sich erheblich. Freshfields hat sich in den vergangenen fünf Jahren stark auf grenzüberschreitende, komplexe Transaktionen konzentriert. Einzelne Partner entwickelten sich zu europäischen Beratern für spezifische Branchen. Linklaters setzte hingegen fast alles daran, Mandanten in der deutschen Industrie zu gewinnen und zu halten – ein bemerkenswerter Strategieschwenk einer Kanzlei, die noch vor 15 Jahren zum großen Teil ausländische Investoren beriet. Hengeler Mueller hat im Vergleich die mit Abstand größte und vielfältigste Praxis und kann so die Strategien der beiden Wettbewerber parallel verfolgen.

Clifford Chance und Gleiss Lutz haben derweil ihre Reputation und ihre Position gehalten: Clifford mit Fortschritten vor allem im Bankensektor. In den vergangenen zwei Jahren haben aber gleich drei Kanzleien beim Tempo zugelegt und sich als klare Herausforderer der führenden fünf Kanzleien herauskristallisiert: Latham & Watkins sorgte mit dem Gewinn einiger hochkarätiger Quereinsteiger nicht nur für Schlagzeilen, sondern hat mit ihnen auch ihr Marktprofil deutlich verändert. Die Arbeit für Siemens aus dem Münchner Büro heraus und das Bemühen um deutsche Industriekonzerne aus Düsseldorf heraus belehren all diejenigen eines Besseren, die der US-Kanzlei nachsagten, sie sei nur an Finanzierungen und an Private Equity interessiert. Bei Allen & Overy sind die Fortschritte in der grenzüberschreitenden Transaktionspraxis beachtlich. Ein bedeutendes Signal ist dabei, dass sie Hand in Hand gehen mit der Entwicklung einer starken jüngeren Partnergeneration. Hogan Lovells wiederum hat in den vergangenen Jahren den radikalsten Wandel durchgemacht. Das Zusammenrücken mit der US-Praxis und die konsequente Konzentration auf spezifische Branchen wie Automotive, Energie, Finanzdienstleistung und Gesundheit haben dazu geführt, dass die M&A-Praxis heute in einem ganz anderen Marktsegment agiert, und belegen den Wert eines gut gemanagten transatlantischen Zusammenschlusses.

Im weiteren M&A-Markt kristallisieren sich zwei Gruppen von Kanzleien heraus, die überdurchschnittlich beweglich sind: die Rechtsberatungsarme der Big-Four-WP-Gesellschaften, vor allem PricewaterhouseCoopers Legal, gewinnen Marktanteile. Noch beeindruckender sind die kleinen Büros von US-Kanzleien, die zuletzt vom weltweiten Interesse am deutschen Markt profitieren: Greenberg Traurig und Morrison & Foerster waren beispielsweise in milliardenschwere Transaktionen für asiatische Mandanten eingebunden.

Die folgenden Bewertungen behandeln Kanzleien, die zum Kauf oder Verkauf von Vermögenswerten (Asset-Deals) oder Anteilen (Share-Deals) eines Unternehmens beraten und das Transaktionsmanagement übernehmen. Verschmelzungen und Fusionen sind im Kapitel Gesellschaftsrecht erfasst. Berater von Private-Equity-Häusern zu Käufen und Verkäufen finden sich im Kapitel Private Equity und Venture Capital.


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