Hintergrund Transformation in kleinen Schritten

Vorsprung durch Technik

Während Unternehmen verstärkt in Legal-Tech-Anwendungen investieren und auf interdisziplinäre Teams setzen, sortieren Kanzleien ihre Tech-Strategien neu. Automatisierung, KI und klare Use Cases prägen den Wandel auf beiden Seiten – doch vielerorts steht die eigentliche Transformation erst am Anfang. Wer als Inhouse-Juristin oder -Jurist nicht mithält, riskiert, bei neuen Beratungsmodellen und Vergütungsstrukturen ins Hintertreffen zu geraten. Eine Analyse aus der JUVE-Inhouse-Umfrage.

von Laura Bartels, Astrid Jatzkowski

Der Druck auf Rechtsabteilungen lässt nicht nach. Viele verschlanken ihre Strukturen, legen Funktionen zusammen, reduzieren Führungspositionen und schaffen spezialisierte Teams für Legal Tech und Legal Operations. Andere setzen auf Servicecenter oder alternative Anbieter, um ihre Rechts- und Compliance-Teams zu entlasten und administrative oder eher gleichförmige Arbeiten auszulagern.

Auffällig ist zudem der Wandel bei Investitionswünschen: Während vor wenigen Jahren noch die Verstärkung der Juristenteams im Fokus stand, würden laut der aktuellen JUVE-Inhouse-Umfrage heute 70 Prozent der General Counsel vorrangig in Legal-Tech-Anwendungen investieren. Die Zahl derer, die lieber mehr Personal einstellen würden, sinkt hingegen deutlich.

Auch Kanzleien sind mit Neueinstellungen derzeit eher zurückhaltend, was sowohl die jüngsten Einstellungszahlen auf der azur-Top-Arbeitgeber-Recherche belegen als auch Gespräche mit Marktteilnehmern. Nicht immer ist die Digitalisierung des Beratungsangebots durch Legal-Tech- und KI-Anwendungen der Hauptgrund. Aber die Frage, wie viele Juristinnen und Juristen man künftig in der Kanzlei noch benötigt, wenn bestimmte Aufgaben automatisiert ablaufen, schwingt bei vielen Überlegungen zur Personalplanung zumindest mit.

Gemischte Teams

Dafür gewinnt die Einbindung fachfremder Kollegen sowohl in Kanzleien als auch in Rechtsabteilungen an Relevanz. Der Grund ist klar: Expertinnen und Experten für Legal Operations, Projektmanagement und IT können erheblich dazu beitragen, Juristen den Rücken freizuhalten und Abläufe zu optimieren. Gleichzeitig verlagert sich der Fokus der Investitionen in Unternehmen deutlich auf technische Lösungen. Der Anteil der Rechtsabteilungen mit mehr als 100.000 Euro Budget für Legal Tech steigt spürbar und liegt mittlerweile immerhin bei 16 Prozent, laut JUVE-Inhouse-Umfrage.

Kanzleien geben weiterhin deutlich mehr Geld für Legal-Tech-Produkte aus als Unternehmen. Ungefähr die Hälfte der Teilnehmenden an der Legal-Tech- und Legal-Operations-Umfrage 2025 gab an, mindestens eine halbe Million Euro pro Jahr zu investieren.

Vom Testballon zum Use Case

Allerdings machen sie das heute gezielter als noch vor einigen Monaten. Kanzleien, die zu den Vorreitern beim Thema Legal Tech gehören, haben in den vergangenen Jahren überwiegend einen experimentellen Ansatz gefahren. Dazu gehörte, dass sie viele Anwendungen getestet und eingekauft, aber nicht zwangsläufig eingesetzt haben. Welchen Mehrwert die Tools bieten, war zunächst nachrangig. Entscheidend war, zu zeigen, dass man sich frühzeitig mit dem Thema auseinandersetzt.

Mittlerweile haben einige Kanzleien diese Vorgehensweise geändert und denken stärker aus der Nutzerperspektive. Use Cases werden klar definiert, erst dann schauen sie, welche Tools sich dafür eignen könnten. Diesen Ansatz verfolgen die meisten Rechtsabteilungen, die sich dazu entschlossen haben, selbst Legal-Tech-Tools zu implementieren, schon länger.

In der aktuellen JUVE-Inhouse-Umfrage gaben 41 Prozent der Teilnehmenden an, über eine Legal-Tech-Strategie zu verfügen. 47 Prozent haben nach eigenen Angaben eine KI-Strategie. Im Vorjahr hat nur je ein Viertel der befragten Unternehmen diese Frage mit „Ja“ beantwortet. Die Zahl auf Kanzleiseite dürfte deutlich geringer sein. Der Reifegrad dieser Strategien variiert auf beiden Seiten erheblich. Während einige eher als „Fast Follower“ agieren, setzen andere gezielt auf möglichst weitgehende Automatisierung und nutzen bereits KI-gestützte Agenten, etwa in der AGB-Prüfung.

Verträge noch am wichtigsten

In Unternehmen stehen Standardlösungen, die möglichst ohne Code und externe Berater implementierbar sind, hoch im Kurs. Die Zahl der definierten Anwendungsfälle und die Bereitschaft, Mitarbeitende zu schulen, wachsen rasant. Rechtsabteilungen wollen vor allem Tools, die ihnen konkrete Arbeitsschritte abnehmen und sie spürbar entlasten. Und so bleiben die Anwendungen vorläufig eher klassisch. Verträge stehen im Fokus und weniger Tools, die Abläufe oder Mandatierungsprozesse optimieren.

Kanzleien haben als Hauptanwendungsfall ebenfalls die Vertragsarbeit definiert, nutzen dafür aber teils andere Lösungen als die Unternehmen.

Legt man die Ergebnisse der JUVE-Inhouse- und der Legal Tech-Umfrage übereinander, bekommt man unterschiedliche Antworten zu den genutzten Anwendungen. Während bei Kanzleien weiterhin HighQ, Contract Express oder Harvey hoch im Kurs stehen, kommen diese in den Top 10-Anwendungen der Unternehmensjuristen gar nicht vor. Sie bevorzugen einerseits andere Legal-Tech-Anwendungen und setzen im direkten Vergleich auch noch deutlich stärker auf Enterprise-Lösungen.

Insgesamt bleibt trotz aller Fortschritte in Unternehmen noch reichlich Luft nach oben, denn nicht einmal ein Fünftel der Befragten nutzt Tech-Tools in größerem Umfang. Teils, weil die Anbieter nicht das passende Angebot haben, teils, weil die Rechtsabteilungen den Change-Prozess scheuen. Das Bewusstsein für die stärkere Digitalisierung ist zwar da. Doch den Fokus allein darauf zu richten, die eigenen Prozesse zu verbessern, reicht nicht aus. Wer nicht versteht, auf welchem Niveau Kanzleien heute agieren, der droht bei der Gestaltung neuer Beratungsmodelle und bei Verhandlungen über Vergütungsstrukturen ins Hintertreffen zu geraten.

Alle Ergebnisse der JUVE Inhouse-Umfrage lesen Sie im JUVE Rechtsmarkt Inhouse spezial, der am 25. Februar erscheint.

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