Soziale Mobilität

„Ich will meinen Lebenslauf gar nicht leugnen“

Sein erster Schulabschluss war ein Hauptschulabschluss, sein erster Job Kfz-Mechaniker. Damit unterscheidet sich Josef Tahmaz von den allermeisten seiner heutigen Associate-Kolleginnen und Kollegen bei Dentons. Ein Interview über Motivation und Hürden auf einem Karriereweg jenseits der üblichen Pfade.

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Josef Tahmaz

JUVE: Sie sind seit 2020 Associate in der Arbeitsrechtspraxis von Dentons in Düsseldorf. Aber Sie haben einen abenteuerlichen Lebens- und Bildungsweg hinter sich …
Dr. Josef Tahmaz: Meine Eltern sind 1976 während des Bürgerkriegs im Libanon mit ihren Kindern nach Deutschland geflohen und ins Siegerland gekommen, wo sie damals die erste ausländische Familie in der Stadt Freudenberg waren. Dort wurden meine Schwester, mein Bruder und 1984 schließlich ich als 13. Kind geboren. Wir sind dann zusammen mit meiner Schwester und ihren Kindern in einer alten Schule aufgewachsen.

Josef Tahmaz

Da sind Sie sicher aufgefallen …
Klar, wir hatten natürlich auch gegen Ressentiments zu kämpfen, einige Familien haben gesagt, ihre Kinder dürften nicht mit uns spielen. Gleichwohl gab es immer auch tolle Familien, die heute noch sehr gute Freunde sind.

Wie ist in diesem Umfeld Ihr Bildungsweg verlaufen?
Unsere Mutter wollte unbedingt, dass ich nach der Grundschule aufs Gymnasium gehe. Sie hat immer viel Wert auf unsere Bildung gelegt. Allerdings war damals noch die Empfehlung der Lehrer bindend, und meine Lehrerin hat gesagt: „Der geht auf die Hauptschule.“ Ich war jetzt auch nicht super in der Schule und kann heute nicht mehr sagen, ob es auf jeden Fall auf dem Gymnasium funktioniert hätte. Aber auf der Hauptschule konnte ich mein Potential definitiv nicht entfalten. Ich habe dann den Realschulabschluss gemacht, leider ohne Qualifikation für die Oberstufe. Im August 2001 habe ich eine Lehre als Kfz-Mechaniker angefangen. Ich sage August, weil ab dem 11. September 2001 alles anders war. Es begann für mich – als jemand mit diesem Migrationshintergrund – ein Spießrutenlauf. Die Anfeindungen wurden immer mehr. Ich habe dann im Februar 2002 die Lehre abgebrochen, was tatsächlich gut war: Sonst säße ich heute wahrscheinlich nicht hier! Dann habe ich erst einmal eine ganze Weile gejobbt. Mit einem Freund zusammen habe ich mich dann am Abendgymnasium angemeldet und mein Abitur nachgeholt.

Was hat Sie motiviert, diesen Weg zu gehen?
Ich habe mir schon mit 19, 20 die Frage gestellt, ob das jetzt alles gewesen sein soll, oder ob ich nicht durch mehr Bildung freier würde arbeiten können. Dieses Rumjobben konnte ich schließlich auch nicht ewig machen. Mein Neffe – der älter ist als ich, weil ich ja eine sehr viel ältere Schwester habe – ist Richter am Landgericht. Mir war klar, dass ich Rechtswissenschaften studieren wollte, weil das Studium mir so viele Möglichkeiten bietet. Der Mann meiner Schwester war Stipendiat der Hans-Böckler-Stiftung, und es gab damals die ‚Böckler Aktion Bildung‘, die auch Menschen außerhalb der Gewerkschaften gefördert hat. Darauf habe ich mich beworben und wurde angenommen und während des Studiums gefördert.

Das Studium haben Sie mit zwei Doppel-VB abgeschlossen …
Ja. Noch während des Studiums kam unsere Tochter zur Welt, während des Referendariats unser Sohn. Ich habe die Doktorarbeit in der Elternzeit des Referendariats fertig geschrieben. Die Doktorarbeit wurde ebenfalls durch ein Stipendium gefördert. Nach der mündlichen Prüfung habe ich bei Dentons angefangen, dann kam die Verteidigung der Dissertation und nebenher habe ich noch meinen Fachanwalt im Arbeitsrecht gemacht. Es war ein Ritt!

Als Sie das Vorstellungsgespräch bei Dentons hatten: War Ihr Werdegang da mal ein Thema?
Tatsächlich hat Sascha Grosjean, mein Chef, meinen Lebenslauf gelesen und gesagt: Den muss ich kennenlernen! Im Gespräch meinte er, dass er den Lebenslauf toll findet und es ihn beeindruckt hat, dass ich mich allen Widrigkeiten zum Trotz durchgesetzt und mein Ziel nie aus den Augen verloren habe.

Haben Sie auch andere Erfahrungen gemacht?
Ich habe mich damals auch in anderen Kanzleien beworben – aber nur Absagen erhalten. Wobei ich mit Doppel-VB und Promotion gute Voraussetzungen hatte. Tatsächlich habe ich damals gedacht, dass mein Hintergrund eine Rolle bei den Absagen gespielt hat.

Schreiben Sie alle Stationen in Ihren Lebenslauf?
Ich bin mir nicht mehr sicher, ob die Hauptschule aufgeführt ist. Aber auf jeden Fall findet sich dort das Abendgymnasium, und das verrät ja, dass ich auf keinem ‚normalen‘ Gymnasium war. Ich will aber auch gar nicht leugnen, dass ich keinen so glatten Lebenslauf habe. Klar, manchmal gucken einen die Leute schon an und denken von einem alles, aber bestimmt nicht, dass man promovierter Rechtsanwalt ist und erst recht nicht, dass man vernünftige Examina gemacht hat.

Sondern?
Autohändler oder Türsteher. Ich bin groß und kräftig, und die Leute sehen mich und kategorisieren. Früher kam noch der Standardspruch dazu: „Hey, du sprichst ja gut deutsch!“ Das habe ich aber jetzt schon länger nicht mehr erlebt.

Gibt es in Ihrem Arbeitsleben Situationen, in denen Sie sich unwohl fühlen?
Im Berufsleben tatsächlich nicht, wir gehen hier sehr offen miteinander um. Es kann mal sein, dass man bei Gericht erstmal angeguckt wird, bis die sehen: Ah, der ist ja promovierter Anwalt. Im Referendariat hatte ich mal Sitzungsdienst und der Vorsitzende war etwas grantig, bis er meinen Namen las: Josef. Plötzlich wurde er freundlich. Warum eigentlich? Weil ich nicht Ahmed oder Mohamed heiße?

Wo, denken Sie, haben es Anwälte schwerer, die nicht aus dem typischen Juristen- oder Akademikerhaushalt kommen?
Man rennt ständig mit Selbstzweifeln durch die Gegend, vor allem, weil man eben auch von Zuhause nicht die Unterstützung hat, die andere vielleicht haben, deren Eltern Partner in einer Kanzlei oder Vorsitzende Richter am OLG sind.

Die Eltern machen den Unterschied?
Ich glaube, viele unterschätzen, welchen Einfluss diese Unterstützung oder die richtigen Kontakte haben können. Ich habe einfach gelernt und arbeitete trotz Stipendiums während des ganzen Studiums. Dann saß ich nach der Arbeit in der Unibibliothek oder in Vorlesungen und dachte: Das ist echt ein Riesenprivileg, dass du hier sitzt und lernen kannst. Und so sehe ich das heute immer noch.

Haben Sie sich ein anderes Verhalten zugelegt?
Ehrlich: Das würde ich nie machen. Ich habe nie vergessen, wo ich herkomme. Nur weil ich jetzt Anwalt bin, denke ich nicht, dass ich etwas Besseres bin. Alle, die mich kennen, sagen auch immer: Du verhältst dich gar nicht wie ein typischer Anwalt. Ich glaube auch, dass meine Freunde mich sofort erden würden, wenn ich als der tolle Anwalt aus Düsseldorf herüberkommen würde. Zudem bin ich Arbeitsrechtler und meine Mandanten wollen zum Teil ein Rechtsgutachten, aber häufig auch pragmatische Lösungen für arbeitsrechtliche Themen. Dabei helfen mir immer wieder die Erfahrungen, die ich sammeln durfte, bevor ich Anwalt wurde, um mich in ihre Lage hineinversetzen zu können.

Fühlen Sie sich als Vorbild?
Auf jeden Fall. Ich versuche auch Kolleginnen und Kollegen zu unterstützen. Ich wäre gerne Vorbild, um zu zeigen, dass der Weg, den ich gegangen bin, auch für andere möglich ist.

Glauben Sie, es würde helfen, Leute mit ungeraden Karrierewegen gezielt bei Ausschreibungen anzusprechen?
Ich bin der Meinung, das wird nicht durch die Stellenausschreibung geregelt, sondern durch die Menschen, die über die Stellenbesetzungen entscheiden. Bei diesen muss der Denkprozess einsetzen: Was will ich? Und was für Personen benötige ich dafür? Was können Menschen durch ihre Lebenserfahrungen auch für die Kanzlei bewirken? Dieser Denkprozess müsste aber erstmal einsetzen. Ich glaube, es gibt leider immer noch Leute, die ganz stark danach schauen, wo der jeweilige Bewerber herkommt und ob er oder sie in das bestehende Raster passt. Es gibt auch immer wieder Vorstöße hin zu anonymisierten Bewerbungen. Das könnte nicht schaden. Ich entscheide doch danach, was die Person mitbringt und nicht nach Namen, Geburtsort oder ähnlichem. Jedenfalls sollten die erbrachten Leistungen unter den jeweiligen Umständen der Bewerberinnen und Bewerber im Entscheidungsprozess berücksichtigt werden. Ich habe bei meiner ersten Stelle auch diese Gedanken gehabt. Meine Noten waren top und ich habe bei jeder Absage gedacht: Ok, woran lag es? An Corona oder doch an dir als Person, weil du nicht ins Schema passt?

Woher, glauben Sie, kommt dieses Denken bei den Entscheidungstragenden?
Vielleicht will man mit bestimmten Namen die Reputation stärken? Damit man sagen kann, bei uns arbeitet XY? Der Nachname sagt aber doch nichts über Kompetenz, ich weiß nicht, ob man sich damit einen Gefallen tut. Man darf nicht vergessen: Kanzleien sind Wirtschaftsunternehmen. Mit wem kann ich mein wirtschaftliches Ziel erreichen? Dann ist doch egal, ob derjenige aus der Arbeiterfamilie kommt oder beide Eltern Partner in einer Kanzlei sind. Die Frage ist doch: Wie performt der- oder diejenige? Man müsste schon im Studium sensibilisieren. Das ist ein strukturelles Problem, weil es in der Vergangenheit zu wenig beachtet wurde. Und weil es vielleicht auch zu wenige gab, die aus einem Arbeiterhaushalt kamen oder einen Migrationshintergrund haben.

Welchen Rat geben Sie jungen Juristinnen und Juristen, die ebenfalls keinen geraden Bildungs- oder Karriereweg haben?
An sich selbst glauben und durchziehen. Durch Zweifel stärker werden und sagen: Jetzt erst recht!

Das Interview stammt aus der aktuellen Ausgabe 11/2022 des JUVE-Rechtsmarkt. Dort haben wir uns mit dem Thema Soziale Herkunft von Juristinnen und Juristen beschäftigt und warum Akademikerkinder in der Branche noch weitgehend unter sich sind.

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