JUVE: Sie haben mehr Erfahrung an der Spitze einer Großkanzlei gesammelt als die meisten deutschen Managing-Partner. Wie würden Sie Ihren Managementstil beschreiben?
Frank Obermann: Am Anfang, also 2004, wollte ich die Position eigentlich gar nicht, aber meine Ziehväter Gerd Beiten und Jürgen Burkhardt haben mich für das Amt vorgeschlagen. Auf einmal war ich also Managing-Partner – und da habe ich mich auf meine Erfahrung als Trainer von Damenteams in der Hockey-Bundesliga besonnen. Schließlich ist ein Hockeyteam genauso eine Leistungsgemeinschaft wie die Partnerschaft einer Anwaltskanzlei: Es gibt verschiedene Positionen, jeder hat Stärken und Schwächen, und mein Job war es, das Team so zusammenzufügen, dass dabei das Bestmögliche rauskommt.
Also mehr Trainer als Manager?
Beides. Beiten Burkhardt ist eine ‚moderated firm‘, keine ‚managed firm‘. Das heißt, sie wird partnerschaftlich geführt. Als Managing-Partner muss ich natürlich wie ein Trainer vordenken und eine Taktik beziehungsweise Strategie vorgeben. Aber ich muss die Partner auch mitnehmen. Das ist ganz wichtig. Es bringt ja nichts, wenn die Spieler/Partner die Taktik nicht verstehen und deshalb nicht alles geben. Das tun sie nur, wenn ich sie von meinem Plan überzeuge und entsprechend motiviere. Mir war der Zusammenhalt unter den Partnern immer am wichtigsten.
Während Ihrer Amtszeit ist die Zahl der Salary-Partner bei Beiten Burkhardt sehr stark gestiegen. Rund ein Drittel der Anwälte Ihrer Kanzlei sind heute Salary-Partner. Warum?
Mandanten wollen heutzutage nicht mehr überwiegend von jungen Associates beraten werden. Deshalb sind die Salary-Partner so etwas wie unsere Oberärzte, bei den Equity-Partnern gibt es dann die Chefarztbehandlung. Es werden aber tatsächlich nur die Anwälte Salary-Partner, die tatsächlich Oberarztqualitäten haben und selbst operieren können. Außerdem ernennen wir regelmäßig Equity-Partner, wie zuletzt Thomas Barthel im Arbeitsrecht.
Die Hürden für die Equity-Partnerschaft sind aber relativ hoch…
Ja, das stimmt. Die erste Hürde ist die menschliche. Wer Partner werden möchte, muss integer und loyal sein und zur Kanzleiphilosophie stehen. Außerdem muss er in der Lage sein, eigenes Geschäft zu generieren – in einer validen Größenordnung. Man muss geradeaus und verständlich reden und sich verkaufen können und auch eine soziale Kompetenz haben für den Umgang mit Mandanten. Es muss eine oder einer sein, die/der rausgehen und Geschäft reinholen will. Eine Rampensau eben. Ich unterscheide auch zwischen Jurist und Anwalt. Nicht jeder Jurist ist ein Anwalt. Ein unternehmerisch denkender und agierender Anwalt geht gerne raus und auf Menschen zu, um diese für die Kanzlei als mögliche Mandanten zu gewinnen. Diese Typen wollen wir. Das sind auch diejenigen, die wir in die Equity-Partnerschaft bringen.
Sie haben vor zwei Jahren die Teilzeit-Equity-Partnerschaft eingeführt, um besonders Frauen den Schritt in die Partnerschaft zu erleichtern. Bislang ohne Erfolg. Woran liegt das?
Es klappt auf der Salary-Partner-Ebene, wo Männer und Frauen gleichermaßen flexible Arbeitszeiten haben. Bei den Gesellschaftern hat es noch nicht funktioniert, Frauen in die Equity-Partnerschaft zu bringen, weil in der Partnerschaft leider noch ein überholtes Rollenverständnis herrscht. Ich habe es leider nicht hinbekommen, das zu ändern. Den Schuh muss ich mir anziehen. Viele männliche
Partner haben nach wie vor Vorurteile, dass Frauen mit Familie dann zu häufig ausfallen, nicht ständig erreichbar sind und so weiter. Das ist natürlich Quatsch.
Jetzt mal Hand auf Herz, muss man denn als Anwalt 24 Stunden am Tag erreichbar sein?
Nein, muss man nicht. Die Lösung wäre ein Modell, in dem man den Partnerinnen hilft, Themen auf das Team zu delegieren und trotzdem eine Erreichbarkeit herzustellen. Das geht alles. Außerdem fallen Männer ja auch mal aus, sind krank und nicht erreichbar.
Das Thema scheint Ihnen am Herzen zu liegen…
Ja, weil ich weiß, dass Frauen uns gut tun und gemischte Teams gut und ökonomisch erfolgreicher sind, was empirisch nachgewiesen ist. Wenn Frauen mit am Verhandlungstisch sitzen, ist die Stimmung besser, als wenn da nur Männer sitzen. Auch die Mandanten achten übrigens mittlerweile viel stärker auf gemischte Teams. In Zukunft werden Kanzleien keine Mandate von amerikanischen Mandanten und der öffentlichen Hand mehr bekommen, wenn zu wenig Frauen in der Equity-Partnerschaft sind. Das sollte uns bei Beiten Burkhardt zu denken geben. Zeit, zu handeln!
Das Gespräch führten Annette Kamps und Christin Stender.
Das komplette Interview mit Frank Obermann lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des JUVE Rechtsmarkt (01/19).