Eine Frage der Kultur

Wie Partnerschaft auch in Teilzeit gelingen kann

Viele Kanzleien werben mit Teilzeitmodellen und guter Work-Life-Balance. Doch Equity-Partner in Teilzeit muss man immer noch mit der Lupe suchen. Damit fehlen Associates wichtige Vorbilder, die glaubhaft aufzeigen: Karriere funktioniert auch in Teilzeit. Dieses Signal wäre wichtig im Kampf um juristische Talente.

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Das klassische Bild von Partnerinnen und Partnern, die in Wirtschaftskanzleien Karriere machen, sieht so aus: Der Weg in die Partnerschaft ist lang und fordernd. Wer ihn gehen will, muss sich beweisen. Neben juristischer Exzellenz ist eines wichtig: der Zeiteinsatz. Wer viel arbeitet und abrechenbare Stunden produziert, verbessert seine Chancen. Ist der Sprung in die Partnerschaft gelungen, heißt es: rund um die Uhr für die Mandanten erreichbar sein, das Team koordinieren und neue Mandate heranschaffen. Ein Mehr-als-Fulltime-Job, bei dem für andere Dinge wie Freizeit und Familie wenig Zeit bleibt.

Doch immer weniger junge juristische Talente sind bereit, sich darauf einzulassen. Der Wunsch, neben dem Beruf noch Zeit für andere Dinge zu haben, wird immer größer. Warum also nicht als Partnerin oder Partner weniger arbeiten? In Teilzeit zum Beispiel. Doch während Teilzeitmodelle auf Associate-, aber auch auf Counsel- und Salary-Partner-Ebene durchaus gelebt werden, zeigt der Blick auf die Equity-Partnerriegen deutscher Kanzleien klar: nicht einmal fünf Prozent der Equity-Partner arbeiten in Teilzeit. Diese Zahlen aus der aktuellen JUVE-Arbeitgeberrecherche zeigen: Wirklich angekommen ist das Modell damit in Deutschland noch nicht.

Eva Rütz

Aber es gibt ihn eben doch, einen kleinen Kreis von Equity-Partnern, die in Teilzeit tätig sind. Dr. Eva Rütz (40) und Dr. Simon Assion (40) gehören dazu. Rütz ist seit 2016 Partnerin bei Luther und berät zum Arbeits- und Medizinrecht. Assion war bei Bird & Bird bereits als Associate in Teilzeit tätig und stieg im Mai 2022 in die Partnerschaft auf. Damit kommen viele neue Aufgaben – aber die Teilzeit bleibt. Assions Beratungsfeld ist unter anderem das IT- und Telekommunikationsrecht. Beide stammen aus Kanzleien, bei denen ein Teilezeitmodell bereits voll und ganz angekommen ist. Und beide belegen, dass das Modell funktionieren kann.

Guter Partner, schlechter Partner?

Der Grund, warum diese Sichtweise nicht selbstverständlich und die Zahl der Teilzeitpartner weiterhin überschaubar ist, liegt in den Führungsetagen vieler Kanzleien – genauer gesagt in Denkmustern, die sich über Jahrzehnte tief eingebrannt haben. Viele Personalverantwortliche sind skeptisch gegenüber der Teilzeitpartnerschaft. Partner seien schließlich auch Unternehmer. Sobald jemand Partnerin oder Partner in einer Kanzlei werde, komme eine ganze Palette von Herausforderungen hinzu: Verantwortung für den Umsatz, eigene Mandanten und ein eigenes Team. Die Argumente gegen eine Teilzeitpartnerschaft sind oft sehr ähnlich: Mit weniger als 100 Prozent kann niemand der unternehmerischen Verantwortung gerecht werden. Deshalb ist ein Teilzeitmodell oftmals gar nicht vorgesehen. Von einer extremen Erfahrung berichtet ein Associate aus einer US-Kanzlei in der Associate-Umfrage des JUVE-Karrieremagazins azur100: „Mir ist bei einem Evaluationstreffen klar gesagt worden: Wir wollen hier keine Teilzeitpartner.“

Bei Luther und Bird & Bird würde man einen solchen Satz nicht hören. Nach Angaben der Kanzleien sind bei Bird & Bird zwei Partner in Teilzeit tätig, bei Luther drei. „Bei Bird & Bird habe ich offene Türen eingerannt“, versichert Assion. „Auch international hat sich die Kanzlei das Ziel gesetzt, Diversity und Gleichstellung voranzutreiben – darunter fällt auch, dass wir die Arbeit in Teilzeit ermöglichen.“ Und zwar unabhängig vom Geschlecht. „Ich wollte Partner werden, und in der Kanzlei wollte man, dass ich Partner werde“, sagt Assion, „dass ich in Teilzeit arbeite, spielte bei diesem Schritt keine Rolle.“

Auch Rütz wurden von ihrer Kanzlei keine Steine in den Weg gelegt. „Luther ist, was diese Themen angeht, sehr fortschrittlich“, erklärt sie. „Bei Luther geht es vor allem um die Selbstbestimmtheit. Jeder kann individuell entscheiden, ob er in Teilzeit arbeiten möchte.“ Und das werde von Luther auch unterstützt. „Teilzeit bedeutet für uns Flexibilität für und bei allen Beteiligten: Kanzlei, Partner, Teams, Mandanten.“

Simon Assion

Dem klassischen Argument, dass Partner ihrer Verantwortung nur in Vollzeit gerecht werden können, tritt Assion entgegen: „In Teilzeit kann man seine Rolle als Partner ebenso gut ausfüllen wie in Vollzeit.“ Wie das geht? „Man muss bei der einen oder anderen Stellschraube etwas nachdrehen – und seine Arbeit anders organisieren.“ Dabei ist das Team unerlässlich. So braucht es etwa andere Partner, die die Vertretung übernehmen, wenn der Teilzeitpartner nicht da ist. „Partnerinnen oder Partner im Urlaub oder auf Geschäftsreise werden ja auch von Kollegen vertreten“, sagt Assion. „Das ist nichts anderes.“

Ebenso wie Assion weiß auch Rütz: Auf das Team kommt es an. Und zwar auf das Team im Büro und zu Hause, wie sie sagt. „Teilzeit bedeutet nicht, dass man zu einer bestimmten Zeit den Griffel fallen lässt. Auch wenn ich nicht im Büro bin, bin ich soweit als möglich erreichbar und gehe ans Telefon. Dafür habe ich auch das Verständnis meiner Familie.“ Flexibilität auf beiden Seiten sei entscheidend für eine erfolgreiche Teilzeitpartnerschaft.

Bei aller grundsätzlichen Überzeugung, dass Teilzeit und Partnerschaft kein Widerspruch sein muss, betont auch Assion: „Die Qualität der Arbeit muss weiterhin hoch bleiben – Teilzeit darf nicht dazu führen, dass etwas auf der Strecke bleibt.“ Am Ende würden alle am Maßstab des Erfolgs gemessen. „Letztendlich kommt es darauf an, ein guter Partner für seine Mandanten, sein Team und für die Kanzlei zu sein – und das ist nicht davon abhängig, ob jemand in Teilzeit arbeitet.“

„Hinter vorgehaltener Hand wird gelästert über Teilzeit“

Vorbehalte gegenüber ihnen als Teilzeitpartner konnten weder Rütz noch Assion bisher feststellen – weder in der eigenen Kanzlei noch in anderen Kanzleien. Es stehen aber nicht alle Kanzleien und Anwälte dem Modell so offen gegenüber. So berichtet ein Associate aus einer deutschen MDP-Einheit in der azur-Umfrage: „Über Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in Teilzeit wird sich hinter vorgehaltener Hand lustig gemacht.“

Die Zahlen der JUVE-Arbeitgeberrecherche zeigen, dass die Wahrnehmung und die harten Zahlen in Bezug auf Teilzeit-Equity-Partner zusammenpassen: Da ist noch nicht viel. Die Recherche widerlegt aber immerhin ein Klischee – nämlich dass es auf allen Ebenen vor allem Frauen sind, die in Teilzeit arbeiten. Bei den Equity-Partnerinnen und -Partnern ist das Verhältnis mit 56 Prozent Frauen und 44 Prozent Männern nahezu ausgeglichen. Auf Associate-Ebene sieht das noch anders aus: Hier sind 72 Prozent der Teilzeitkräfte weiblich.

Es ist eine interessante Diskrepanz: Wenn der Teilzeitanteil bei Männern und Frauen in der Partnerriege fast gleich hoch ist – wieso haben dann so viele den Eindruck, dass das Thema vor allem Frauen betrifft? Eine Erklärung könnte darin liegen, dass die Vorbehalte unter männlichen Partnern, die nicht in Teilzeit arbeiten, ausgeprägter sind. Eine Partnerin aus einer deutschen Kanzlei vermutet, dass Männer sich aus Angst vor Stigmatisierung schwerer tun, offen mit dem Thema umzugehen. Die Zahl von männlichen Partnern, die nicht Vollzeit arbeiten, dies aber nicht nach außen hin kommunizieren, sei recht hoch, berichtet dieselbe Partnerin und bezieht sich auf die eigene Kanzlei.

Im Markt könne es schon die eine oder den anderen geben, die eine Teilzeitpartnerschaft als Stigma betrachten, meint Rütz. Sie selbst aber hätte das noch nicht erlebt. Ebenso Assion: „Die Entscheidung hat weniger etwas mit der Angst vor einer Stigmatisierung zu tun, sondern eher damit, wie man sein Privatleben gestalten möchte.“ Den männlichen Kollegen bei Luther scheint eine vermeintliche Stigmatisierung ebenfalls fremd zu sein. Das Verhältnis zwischen Männern und Frauen in Teilzeitpartnerschaft sei ausgeglichen.

Gerade beim juristischen Nachwuchs in den Kanzleien herrscht jedoch eine Verunsicherung darüber, ob eine Stelle in Teilzeit sich negativ auf die Karrierechancen auswirkt. Dies zeigen Rückmeldungen aus der JUVE-Associate-Umfrage. „Es besteht die Möglichkeit von Teilzeit – allerdings ist unklar, unter welchen Voraussetzungen dann noch Aufstiegschancen bestehen“, meint eine Anwältin. Ein anderer Associate beschreibt Teilzeit als „inoffiziellen Karrierekiller“. Eine Chance auf eine Beförderung sei in Teilzeit nicht gegeben, so eine weitere Stimme.

Es fehlen die Vorbilder

Derartige Zweifel und Unsicherheiten könnten einfach ausgeräumt werden – durch ein Vorleben auf Partnerebene. Das weiß auch Rütz: „Es gibt leider faktisch noch zu wenige Vorbilder.“ Bei Luther habe man das schon früh erkannt, die Möglichkeit in die Kanzlei getragen und auch gezeigt, dass eine Teilzeitpartnerschaft erfolgreich als Win-win-Situation für alle Beteiligten funktioniert. „Was wir noch verstärkt kommunizieren müssen: dass die Teilzeitpartnerschaft nicht nur eine unliebsame Option ist – sondern dass sie sogar gewünscht ist und von uns aktiv gefördert wird“, sagt Rütz.

Um das klarzumachen, habe Luther die Möglichkeit zur Teilzeitpartnerschaft auch in die Kanzleisatzung aufgenommen. „Seit Langem ist Teilzeit in der Kanzlei schon gelebte Praxis und eine schlichte Selbstverständlichkeit – nun wurde es auch offiziell noch einmal verbrieft.“

Für Kanzleien kann es sich lohnen, wenn sie Nachwuchstalenten eine Partnerschaft in Teilzeit ermöglichen – und das in doppelter Hinsicht. Zum einen können Kanzleien mit dem Angebot in vielen Fällen verhindern, dass Talente in Behörden oder zur Justiz abwandern. Zum anderen können sie sich auch für die kommenden Generationen von Top-Juristinnen und -Juristen attraktiver machen.

Teilzeit als Trumpf gegen die Justiz

Lange Zeit kehrten gerade Frauen zu einem gewissen Zeitpunkt ihrem Job in Kanzleien den Rücken und wechselten in das Richteramt, zur Staatsanwaltschaft oder in eine Behörde. Der Grund dafür ist bekannt: Die Work-Life-Balance ist hier deutlich angenehmer und damit auch familienfreundlicher. Eine Teilzeit-Partnerin berichtet, dass Kanzleien auf diesem Weg eine Vielzahl von vielversprechenden Talenten abhanden kommen. Durch ein breites Angebot der Teilzeitpartnerschaft könnten Kanzleien diesem Trend entgegenwirken.

Mit wirklichen Karriereangeboten in Teilzeit könnten sich Kanzleien auch im Rennen um die sowieso schon hart umkämpften Berufseinsteiger aussichtsreich positionieren. Aktuell wird der Kampf um die besten Associates vor allem mit immer höheren Einstiegsgehältern geführt. Allerdings reicht der rein monetäre Kampf um die begehrten Nachwuchsjuristen nicht aus. Für die Bewerbergeneration Y und Z ist die Höhe des Gehalts nicht mehr der entscheidende Faktor, viel mehr wünschen sie sich mehr Zeit für sich und ihre Familien.

Ein Trend, der sich auch bei den Associates in den Kanzleien widerspiegelt, wie die azur-Associate-Umfrage zeigt. Fast die Hälfte der Befragten aus Kanzleien kann sich vorstellen, für mehr Freizeit oder eine bessere Vereinbarkeit von Karriere und Familie den Job zu wechseln. Damit rangiert der Wunsch nach mehr Leben neben dem Beruf deutlich vor dem Wunsch nach mehr Gehalt. Nur rund 17 Prozent der befragten Kanzlei-Associates würden ihren aktuellen Job wechseln, wenn dafür ein höherer Gehaltscheck herausspringt.

Auch wenn Teilzeit auf dem Anwaltsmarkt auf dem Vormarsch ist – zumindest abseits der Partnerschaft – und immer mehr Wirtschaftskanzleien auf die klaren Forderungen der jüngeren Bewerbergeneration eingehen: Vielerorts scheinen Teilzeitangebote eher zähneknirschende Zugeständnisse zu sein als der ernsthafte Versuch, die Arbeitswelt im Anwaltsmarkt zu verändern. Je weiter es auf der Karriereleiter nach oben geht, desto mehr Widerstände gibt es. Teilzeitpartner sind die Ausnahme, nicht die Regel. Bis das Teilzeitmodell auch auf Partnerebene in der Breite Einzug hält, werden junge Juristen noch einige Schlachten schlagen müssen.   

Der Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe des JUVE Rechtsmarkt 08/2022. 

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