Die Marktführerschaft der drei Kanzleien Freshfields Bruckhaus Deringer, Linklaters und Hengeler Mueller ist weiterhin deutlich, auch wenn sich die Strategien ihrer M&A-Praxen erheblich unterscheiden. So hat sich Freshfields in den vergangenen Jahren stark auf grenzüberschreitende, komplexe Transaktionen konzentriert. Einzelne Partner entwickelten sich zu europäischen Beratern für spezifische Branchen. Linklaters setzte hingegen fast alles daran, Mandanten in der deutschen Industrie zu gewinnen und zu halten – ein bemerkenswerter Strategieschwenk einer Kanzlei, die noch vor 15 Jahren zum großen Teil ausländische Investoren beriet. Hengeler Mueller hat im Vergleich die mit Abstand größte und vielfältigste Praxis und kann so die Strategien der beiden Wettbewerber parallel verfolgen. Vor allem Düsseldorfer Partner stehen an der Seite deutscher Konzerne, während sich Frankfurter Partner eher dem internationalen Inbound-Geschäft verschreiben. Auch Clifford Chance und Gleiss Lutz gehören zum Kreis der fünf führenden Kanzleien.
Herausforderer drücken auf’s Tempo
Gleich drei Kanzleien zeigen sich zuletzt als klare Herausforderer des Führungsquintetts und haben dabei auch beim Tempo deutlich zugelegt: Latham & Watkins sorgte mit einigen hochkarätigen Quereinsteiger nicht nur für Schlagzeilen, sondern hat mit ihnen auch ihr Marktprofil verändert. Die Arbeit für Siemens aus dem Münchner Büro und das Bemühen um deutsche Industriekonzerne der Düsseldorfer Anwälte belehren all diejenigen eines Besseren, die der US-Kanzlei nachsagten, sie sei nur an Finanzierungen und an Private Equity interessiert.
Bei Allen & Overy sind die Fortschritte in der grenzüberschreitenden Transaktionspraxis beachtlich. Und bei Hogan Lovells zeigt sich der Wert eines gut gemanagten transatlantischen Zusammenschlusses und die konsequente Konzentration auf spezifische Branchen wie Automotive, Energie, Finanzdienstleistung und Gesundheit.
Deutsche Anwälte machen London Konkurrenz
Finanzstarke Konzerne wie Siemens, Bayer oder BASF gaben 2018 viel Geld für Auslandsakquisitionen aus, was sich deutlich bei der Auslastung der Kanzleien niederschlägt. Außerdem profitieren praktisch alle Kanzleien im oberen Segment vom anhaltenden Interesse ausländischer Investoren am deutschen Markt. Zahlreiche M&A-Anwälte aus deutschen Kanzleien sind heute zu internationalen Transaktionsspezialisten geworden – eine Rolle, die lange Zeit den Londonern oder bestimmten Teilen der US-Anwaltschaft vorbehalten war.
Der Umfang, in dem sich M&A-Anwälte aus Kanzleien wie Hengeler Mueller, Noerr oder CMS Hasche Sigle außerhalb Deutschlands engagieren, zeigt neben dem Bedarf dafür auch die inzwischen aufgebaute Kompetenz deutscher Anwälte. Für die deutschen Partner aus Kanzleien mit starken Londoner Praxen ist es wegen der internen Konkurrenzsituation oft schwieriger gewesen, sich in gleicher Weise zu profilieren. Doch das kann sich ändern, je nachdem wie sich der Brexit gestaltet.
Im weiteren M&A-Markt kristallisieren sich zwei Gruppen von Kanzleien heraus, die überdurchschnittlich beweglich sind: Die Rechtsberatungsarme der Big-Four-WP-Gesellschaften gewinnen Marktanteile, vor allem PricewaterhouseCoopers Legal. Noch beeindruckender ist die Entwicklung kleiner Büros von US-Kanzleien, die zuletzt vom weltweiten Interesse am deutschen Markt profitieren: Greenberg Traurig und Morrison & Foerster waren in milliardenschwere Transaktionen für asiatische Mandanten eingebunden.
Mehr über aktuelle Entwicklungen im deutschen M&A-Markt lesen Sie im aktuellen JUVE Handbuch Wirtschaftskanzleien 2018/19 und hier.