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Spitzengespräch beim DAV – Verband kämpft um Wirtschaftsanwälte

Der Deutsche Anwaltverein reagiert auf Pläne für einen unabhängigen Verband der Wirtschaftskanzleien. Man würde eine derartige „Ausgründung sehr bedauern“, teilt der DAV mit. Einige Wirtschaftskanzleien fühlen sich vom DAV schlecht repräsentiert. Derzeit laufen Krisengespräche.

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Foto: Sven Serkis, Berlin

„Ein gesonderter Verband der Wirtschaftskanzleien würde die Anwaltschaft insgesamt eher schwächen, als die Wirtschaftskanzleien zu stärken“, heißt es in einer Stellungnahme. Der Verband weist darauf hin, dass der DAV die gesamte Anwaltschaft, unabhängig von der Kanzleigröße oder dem anwaltlichen Betätigungsfeld, vertritt. Das gelte auch für die großen Wirtschaftskanzleien mit ihren besonderen Bedürfnissen, heißt es weiter.

Edith Kindermann

Es dürfe auch nicht übersehen werden, heißt es gegenüber JUVE, welche Einflussmöglichkeiten der DAV als Verband auf EU-Ebene habe. „Aus Brüssel kommen viele Vorhaben, die gerade größere Kanzleien betreffen, etwa zum Thema Geldwäsche.“ In der deutschen Delegation des Rats der Anwaltschaften der EU (CCBE) sind Bundesrechtsanwaltskammer (Brak) und DAV vertreten. „Dort werden die Interessen der größeren Einheiten vertreten“, heißt es in der Stellungnahme. „Ein neuer Verband hätte diese Möglichkeiten nicht.“

Prominente Runde berät über Wirtschaftskanzleien

Im vergangenen November war die Initiative zur Gründung eines neuen Verbands der Wirtschaftskanzleien öffentlich bekannt geworden. Treiber des Projekts sind Prof. Dr. Thomas Wegerich und Stefan Rizor. In der Folge luden DAV-Präsidentin Edith Kindermann und Hauptgeschäftsführerin Dr. Sylvia Ruge die Initiatoren Rizor und Wegerich sowie Vertreter wichtiger Wirtschaftskanzleien zum Austausch ein.

Zu den Teilnehmern der Runde, die im Dezember zusammenkam, gehörten nach JUVE-Informationen unter anderem Dr. Peter Dieners und Dr. Thomas Gasteyer (beide Clifford Chance), Dr. Alexander Ritvay (Noerr), Dr. Markus Sengpiel (Luther), Prof. Dr. Dirk Uwer (Hengeler Mueller), Prof. Dr. Sven-Joachim Otto (EY Law) sowie DAV-Vizepräsident Stefan von Raumer und die Vorstandsmitglieder Dr. Ulrich Karpenstein (Redeker Sellner Dahs), Dr. Thomas von Plehwe (BGH-Anwalt) und Dr. Annette Mutschler-Siebert (K&L Gates).

Den Gesprächskreis bestätigt der DAV indirekt: „Wir möchten die Diskussionen lieber innerhalb des Verbandes führen. Deshalb war es dem DAV wichtig, sich mit den Initiatoren auszutauschen – auch um festzustellen, wo diese ein Defizit in der Interessenvertretung sehen.“

Wenig visibel, schwach repräsentiert

Die Vertreter der Kanzleien Noerr und Clifford Chance nutzten die Gelegenheit, um ihre Unzufriedenheit deutlich zu machen. Sie fragten: Wo war der DAV, als die LLP-Rechtsform Ende des vergangenen Jahres infolge des Brexit ihre Anerkennung verlor?

Auch eine Reihe weiterer Vertreter in der Runde äußerten nach JUVE-Informationen Kritik. Sie halten den DAV als Vertretung der Wirtschaftskanzleien für zu wenig visibel – was allerdings, zugegeben, auch mit der schlechten Repräsentation der Wirtschaftsanwälte im DAV zu tun habe.

In diesem Zusammenhang wird immer wieder beklagt, dass bei den meisten Wirtschaftsanwälten wenig Interesse daran bestehe, den langen Weg über die örtlichen Anwaltvereine zu nehmen, um sich beim DAV einzubringen. In der Diskussion geht es deswegen auch um neue Wege, den Anwälten aus den Wirtschaftskanzleien die Mitgliedschaft in den Anwaltsvereinen schmackhaft zu machen. 

Schwierige Kanzleimitgliedschaft

Als Lösung des Problems schlagen einige, etwa Hengeler-Partner Uwer, vor: Der DAV könnte sich auch für Kanzleimitgliedschaften öffnen. Auch dieses Thema sei im Dialog mit der DAV-Präsidentin Kindermann und der Geschäftsführerin Ruge angesprochen worden, heißt es. Das Anliegen sei zwar nicht weiter vertieft, aber auch nicht abgewimmelt worden.

Das werten viele als gutes Zeichen, wenngleich allen bewusst ist, dass es schwer werden dürfte, diese Forderung umzusetzen. Denn der DAV ist traditionell eben die Vertretung der Anwälte – und nicht ihrer Organisationen. 

Lob für Neustart des Dialogs

Insgesamt werten Vertreter der Großkanzleien die Dialog-Initiative des DAV positiv. Der Plan zur Gründung eines eigenen Verbands der Wirtschaftskanzleien könnte ein Weckruf gewesen sein. Oft heißt es: Der DAV nehme das Thema ernst und bemühe sich sichtlich, mit den Wirtschaftskanzleien ins Gespräch zu kommen.

Die ebenfalls geladenen Initiatoren des Verbands der Wirtschaftskanzleien, Wegerich und Rizor, nutzten die Gelegenheit, um für ihren Verband der Wirtschaftskanzleien zu werben. Sie machten nach JUVE-Informationen deutlich, dass es ihnen nicht um Konkurrenz gehe, sondern um eine Ergänzung zum bestehenden Angebot.

Ihr Verbandsgründungsprozess geht weiter. Das gilt auch für die Gesprächsrunde. Nach JUVE-Informationen soll der Dialog beim DAV bald fortgesetzt werden.

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