US-Expertin zu Dieselgate

Compliance bei VW ist veraltet

Die US-Compliance-Spezialisten Donna Boehme hat mehr als 20 Jahre Erfahrung in Compliance-Bereich. Als Chefin der US-Beratungsfirma Compliance Strategists entwickelt sie Compliance-Management- und Ethik-Systeme für ein breites Spektrum an Unternehmen. Vor ihrer Beratungstätigkeit baute sie als Chief Compliance and Ethics Officer von BP in London 2003 deren erste globale Compliance-Funktion auf. Mit JUVE sprach sie über den Fall VW.

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Donna Boehme
Donna Boehme

JUVE: In einem Beitrag im US-Magazin ,Corporate Counsel’ sagen Sie, die Volkswagen-Abgasaffäre sei ein Compliance 1.0-Desaster. Was meinen Sie damit?
Donna Boehme: In der Anfangszeit von Compliance musste sich ein neuer Aufgabenbereich, der Unternehmen dabei helfen sollte, Fehlverhalten zu verhindern und aufzudecken, erst entwickelte. Damals setzten Unternehmen oft auf ein mit Fehlern behaftetes Modell, das wir heute Compliance 1.0 nennen. Dieses Modell ging von der falschen Vorstellung aus, dass Compliance aus der Rechtsfunktion heraus umgesetzt und gemanagt werden könnte. Aber das ist ein Irrglaube.
Viele große Compliance-Fälle zeigen, dass General Counsel oder Partner von Anwaltskanzleien nicht das nötige Fachwissen oder die Erfahrung haben, um ein modernes und den Anforderungen gerecht werdendes Compliance-Programm aufzusetzen und zu  überwachen. Tatsächlich ist die juristische Beratung, die ihre Arbeit prägt, völlig anders als das Compliance-Management. Die Folge ist, dass Compliance 1.0-Systeme oft ,umgeleitet’ und dadurch so gemanagt werden, dass sie scheitern. 

Warum haben Sie den Eindruck, dass auch VW in diese Kategorie fällt? Auf den ersten Blick sind doch alle notwendigen Elemente eines funktionierenden Compliance-Management-Systems (CMS) vorhanden.
Genau das ist das Problem. Wenn die Rechtsabteilung Compliance organisiert, dominiert oft das Denken, ein CMS könnte mit dem Abhaken einer Checkliste, deren einzelne Punkte aus den US-Regeln übernommen werden, aufgebaut werden. Der Berufszweig der Compliance-Fachleute hat mehr als 20 Jahre gebraucht, um zu verstehen, wie alle Elemente zusammenarbeiten, mit welchen Prinzipien eine ethische Kultur etabliert wird und sichergestellt werden kann, dass Probleme bemerkt und an die richtige Hierarchieebene adressiert werden, so dass sie behoben werden können. So wären in einem Compliance 2.0-System bei VW auch beide vorangegangenen Warnungen hinsichtlich der Software beim Compliance Officer und dem Vorstand angekommen.
Statt jedoch einen Compliance-Spezialisten als Group Chief Compliance Officer anzuheuern, übergab VW einem Arbeitsrechtsspezialisten diesen Posten – und wiederholte damit den Fehler jedes Compliance 1.0-Modells. Compliance ist ein eigenständiger und wichtiger Beruf mit eigenen Fachkenntnissen und unterscheidet sich fundamental von dem des Rechtsberaters.  Wenn Geschäftsführungen ein modernes Compliance-Training bekämen, würden sie diesen Unterschied auch verstehen.

Aufgrund Ihrer Erfahrung und im Vergleich mit anderen Fällen der Branche, in denen technische Defekte zu teils tödlichen Unfällen führten – ist VW in den Augen von US-Behörden und der Öffentlichkeit ein leichterer oder schwerwiegenderer Fall?
VW sollte sich ernsthafte Sorgen darüber machen, dass Zulieferer Bosch 2007 und ein Ingenieur im Jahr 2011 versuchten, das Management davor zu warnen, dass die Verwendung der Software bei Abgastests illegal ist. Die Tatsache, dass ein derart breit angelegter Betrug unbemerkt blieb, wird ernsthafte Fragen danach aufwerfen, wie effektiv das Compliance-Programm und die Unternehmenskultur sind.

Welche Konsequenzen sollte VW mit Blick auf das CMS ziehen?
Der Aufsichtsrat sollte vielleicht eine unabhängige Untersuchung durch einen qualifizierten externen Experten in Auftrag geben, um so zu demonstrieren, dass VW alles dafür tut, die Lücken im CMS zu schließen. Ich würde erwarten, dass VW auch einen neuen Chief Compliance Officer beruft und ein glaubhaftes, erfahrenes Compliance-Team. Sie sollten einen direkten Berichtsweg zum Aufsichtsrat haben. Zudem müsste der Konzern ein Vorstandsmitglied benennen, dass das CMS überwacht.

Das Gespräch führte Astrid Jatzkowski.

Das gesamte Interview mit Donna Boehme sowie weitere Berichte rund um den Abgasskandal bei VW lesen Sie in der aktuellen Ausgabe vom JUVE Rechtsmarkt, die heute erscheint.

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