Preisexplosion

Volatile Energiepreise treiben Versorger in die Pleite

Fulminant Energie aus Garching bei München hat Insolvenz angemeldet. Es ist bereits der vierte kleinere Energieversorger, der sich zu diesem Schritt gezwungen sieht. Die explosionsartig gestiegenen Energiepreise treiben dabei auch Stadtwerke um. Der eigentliche Stresstest findet aber im Großhandel statt.

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Erstmals erfolgt eine gemeinsame Bewirtschaftung von Engpässen im Gasmarkt.
Axel Bierbach

Nach Otima Energie, Smiling Green Energy und Lition Energie hat nun auch der bayerische Versorger Fulminant Energie einen Insolvenzantrag gestellt. Das Unternehmen beliefert mit insgesamt fünf Mitarbeitern rund 10.000 Kunden in Deutschland und Österreich mit Strom und Gas.

Zum vorläufigen Insolvenzverwalter wurde Axel Bierbach von der Kanzlei Müller-Heydenreich Bierbach & Kollegen bestellt. Bierbach hat Erfahrung mit Insolvenzen im Energiesektor. Seit Oktober 2019 verwaltet er das Vermögen der insolventen BEV Bayerische Energieversorgungsgesellschaft.

Erfahrungen aus der Insolvenz von Flexstrom

Ebenfalls erfahren mit Insolvenzen im Energiesektor ist der vorläufige Insolvenzverwalter von Lition, Dr. Christoph Schulte-Kaubrügger von White & Case. Er wurde im November vom zuständigen Gericht für den Berliner Versorger bestellt, der rund 20.000 private Kunden mit Gas und Ökostrom versorgt und einen digitalen Marktplatz für Strom aus erneuerbaren Energiequellen betreibt. Lition beschäftigt rund 40 Mitarbeiter. Schulte-Kaubrügger hat mit seinem Team bereits einige Energiehändlerinsolvenzen in den vergangenen Jahren begleitet, darunter die Flexstrom-Gruppe und NatGas.

Christoph Schulte-Kaubrügger

Zuvor wurden bereits für Otima Energie Rüdiger Wienberg von hww Hermann Wienberg Wilhelm und für Smiling Green Energy Dr. Tobias Brinkmann von Brinkmann & Partner vorläufig bestellt. Sie prüfen jetzt, ob die Unternehmen sanierungsfähig sind.

Auch Stadtwerke mit Problemen

Die vier Versorger gehören zu denen, deren Energiebeschaffungsstrategie eher kurzfristiger Art ist. Sie setzen auf fallende Preise und kaufen stets sehr kurzfristig die Energie ein, die sie an ihre Kunden weitergeben. Sicherungsgeschäfte, um sich vor dem Risiko steigender Kurse zu schützen, gehen sie nicht ein, weil ihnen dies den Kostenvorteil nehmen würde. Sie setzen sich dem vollen Risiko des volatilen Marktpreises aus. Die jüngsten Preisanstiege haben ihr Geschäftsmodell aus den Angeln gehoben.

Die explodierenden Energiepreise setzen allerdings auch Händler unter Druck, deren Beschaffungspraxis nicht so riskant ist. „Wir beraten vor allem nachhaltig beschaffende Energielieferanten im Rahmen erforderlicher Preiserhöhungen oder sogar der Kündigung bestehender Verträge, etwa mit Gewerbekunden“, berichtet Dr. Hans-Christoph Thomale von Mazars. „Auch sie laufen Gefahr, zu nicht kostendeckenden Preisen liefern zu müssen.“

Hans-Christoph Thomale

Das ist der Fall, wenn sie als Grund- oder Ersatzversorger einspringen müssen, weil Unternehmen wie Lition nicht mehr liefern können oder Gewerbe- und Industriekunden Schwierigkeiten haben, neue Versorgungsverträge abzuschließen. Auf drei Monate ist die Ersatzversorgung bei Kunden beschränkt, die keine Haushalte sind. Für die Neukunden müssen die Stadtwerke zusätzliche Energiemengen kurzfristig am Markt beschaffen.

Wegen der hohen Preise denken die Versorger darüber nach, wie sie diesen Dienst bepreisen. Ob sie separate Preise dafür anbieten dürfen, ist insbesondere für die Grundversorgung der neuen Haushaltskunden eine viel diskutierte Rechtsfrage. Aus der Not heraus haben sich einige Stadtwerke schon für separate Preise für Neukunden entschieden, gehen damit aber ein Haftungsrisiko ein.

Horrende Risiken über Nacht

Der eigentliche Stresstest findet allerdings im Großhandel statt. Lieferverträge werden hier regelmäßig für ungefähr drei Jahre abgeschlossen. Mitte Oktober war der Spotmarktpreis für Gas kurzzeitig auf über 110 Euro pro Kilowattstunde geklettert. Bezogen auf die vergangenen zwölf Monate ein Anstieg von 428,9 Prozent. Als „historisch“ bezeichnen Marktteilnehmer diesen Anstieg.

Das Problem ist: Der im Verhältnis zum Vertragspreis steigende Marktpreis erhöht das Risiko der laufenden Verträge. Die Spielregeln des Energiehandels fordern, dieses Risiko tagesaktuell mit Sicherheiten in bar zu hinterlegen. Bei den aktuellen Abweichungen des Marktpreises vom Vertragspreis kommen da kurzfristig horrende Beträge zusammen. Wer die nicht stellen kann, dem droht die Insolvenz. Nach JUVE-Informationen ist die erste Welle steigender Sicherheitsleistungen durch. Nun hoffen alle auf einen warmen Winter. Denn nur der löst das Problem der nicht gefüllten Gasspeicher, die zu den aktuellen Marktpreisen auch niemand auffüllt. Sollte es kalt werden, dann steigt nicht nur der Gas-, sondern auch wieder der Strompreis und damit die Insolvenzgefahr im Energiemarkt.

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