JUVE: Wieso hat sich CMS in Sachen KI und Legal Tech neu aufgestellt und was hat sich verändert?
Martin Vorsmann: Was früher eine Unterstützungsleistung für die klassische Anwaltsarbeit war, entwickelt sich jetzt zu etwas, das deutlich stärker im Zentrum unserer Tätigkeit steht. Das verändert die Dynamik grundlegend.
Im Zuge dessen haben wir entschieden, Raum für Neues zu schaffen und uns strategisch noch stärker zu fokussieren. Wir haben das früher räumlich getrennte Legal-Tech-Team zurück in unser Hauptbüro geholt. Denn die Themen, mit denen es sich beschäftigt, sind in den vergangenen Monaten und Jahren immer stärker ins Zentrum unserer zukünftigen Arbeit gerückt.
Wir steuern diese Entwicklung jetzt über unser partnergeführtes ‚AI Board‘ als oberstes Entscheidungsorgan. Dabei werden die Gremien und ich als Managing-Partner und dessen Mitglied intensiv eingebunden und wir können sehr schnell entscheiden.
Warum haben Sie sich für diesen Weg – die Gründung des AI Boards – entschieden?
Martin Vorsmann: Der Hintergrund dieser Überlegung ist, ein Scharnier zu schaffen, das das Tech-Team und die Anwälte verbindet. Diese Kombination braucht es, um vorwärtszukommen. KI ist mittlerweile fester Bestandteil unserer Arbeit – und muss deshalb auch von den Juristen tief durchdrungen werden. Es ist aber keineswegs nur auf die Berufsträger beschränkt. In den Business Services gibt es ganz ähnliche Veränderungsprozesse, die wir genauso gestalten müssen.
Markus Kaulartz: KI betrifft den Kernbereich der anwaltlichen Wertschöpfung. Das AI Board kümmert sich darum, dass wir als Sozietät über die nötigen Voraussetzungen und Werkzeuge verfügen, um die künftige, im Moment noch ungewisse, durch KI getriebene Veränderung der Rechtsberatungsrealität zu meistern. Außerdem möchten wir diese Zukunft aktiv mitgestalten.
Das Thema KI ist sehr komplex und oft sehr technisch. Wie stellen Sie sicher, dass es vom Management und der Partnerschaft in Gänze durchdrungen wird?
Martin Vorsmann: Wir haben allein in Deutschland ein 25-köpfiges Legal-Tech-Kernteam mit der nötigen Fachexpertise. Auch im Partnerkreis haben wir Personen, deren Kenntnisse auf sehr hohem Niveau sind. Eine der wichtigen Aufgaben des AI Boards ist es, die KI-Strategie der Sozietät auszuarbeiten und deren Umsetzung zu begleiten.
Markus Kaulartz: Das AI-Board hat nicht nur den Zweck, dem Thema deutlich mehr Gewicht zu geben. Es erkennt auch an, dass es um eine sehr technische Materie geht, die an unsere tägliche Beratungsarbeit andockt. Diese Verbindung war uns unglaublich wichtig.
Das Board besteht aus sechs Personen, inklusive Martin Vorsmann und mir. Weitere Mitglieder kommen aus den Bereichen Corporate sowie Technology, Media & Communications. Wir alle sind nah an der Materie. Ich selbst war vor meinem Jurastudium in der Softwareentwicklung tätig. Wir treffen uns wöchentlich, weil die Entwicklungen so rasant sind und es viele Themen gibt, die schnell entschieden werden müssen.
Wie genau ist das bisherige Legal-Tech-Team in die neue Struktur integriert?
Markus Kaulartz: Das AI Board gibt Guidance an die aus dem Legal-Tech-Team entwickelten Fokusgruppen. Die erste ist das ‚AI Adoption Team‘. Es kümmert sich darum, Anwältinnen und Anwälte AI-ready zu machen, AI-Tools zu pflegen und neue AI-Tools zu testen. Die zweite Säule ist das ‚AI Developer Team‘, das wir gerade massiv ausbauen. Dort arbeiten tech-affine Juristen und rechtsaffine AI-Engineers. Als Drittes haben wir ein Team für ‚AI Operations‘. Hier kann man sich melden, wenn man Fragen zur konkreten Nutzung hat. Das vierte Team kümmert sich um Vertragsautomatisierung und das fünfte Team, ‚Products‘, baut komplexere Software.
Seit wann gibt es diese Neuaufstellung?
Martin Vorsmann: Die Idee des AI Boards und alles, was damit einhergeht, hat sich schon über die letzten circa eineinhalb Jahre entwickelt. Es war klar, in welche Richtung der Zug fahren würde. Der Umzug des Tech-Teams vom EUREF-Campus zurück ins Berliner Büro fand bereits im Frühjahr statt, um die Technologie-Experten näher an die Anwälte und Business Services zu bringen. Das ist eine kontinuierliche Entwicklung, bei der das AI Board ein zwischenzeitlicher Endpunkt ist – mit Blick nach vorne.
Wie steht es um das Thema Change Management? Wie bringen Sie die Anwaltschaft dazu, KI einzusetzen?
Markus Kaulartz: Nachdem 2025 das bestimmende Thema die Lizenzierung von KI-Tools war, ist es 2026 klar das durch KI getriebene Change Management, mit Unterpunkten wie etwa Workflow-Automation. Es gibt enormes Interesse in allen Teilen der Sozietät. Es herrscht ein klares Bewusstsein für die Bedeutung des Themas für die Zukunft und auch für die Zukunftsfähigkeit unserer Rechtsdienstleistung. Dementsprechend hoch ist die Bereitschaft, KI zu adaptieren. Wir zeigen den Leuten, was möglich ist, welche tollen Arbeitsprodukte wir in welcher Zeit und mit welcher Qualität hinbekommen. Das weckt Begeisterung auch bei Kolleginnen und Kollegen, die nicht so tech-affin sind.
Zudem haben wir verschiedene Initiativen gestartet: beispielsweise ein ‚AI Camp‘, bei dem sich 50 Berufsträger und Mitarbeitende aus allen beruflichen Disziplinen der Sozietät zweimal jährlich treffen und drei Tage lang mit dem Tech-Team an KI-Produkten arbeiten. Hinzu kommt der ‚AI Incubator‘, mit dem wir junge Legal-Tech-Startups begleiten. Intern haben wir ein virtuelles ‚AI Solutions Team‘ gegründet, das KI-Projekte umsetzt. Daneben gibt es zahlreiche Trainings und diverse kleinere Maßnahmen, und wir haben noch sehr viel vor.
Martin Vorsmann: Das Change-Thema betrifft die ganze Sozietät, nicht nur die Anwälte. Meine wesentliche Botschaft an die Kolleginnen und Kollegen ist: Ihr müsst das zum Gegenstand Eures höchstpersönlichen Interesses machen, weil es euch ermöglicht, die Veränderungen als Chance zu nutzen.